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09. 09. 2010

PERFORMANCE-REIHE UND AUSSTELLUNG
MOMENTE DES UMSCHLAGS

1963 erarbeitete Allan Kaprow die performative Installation Push and Pull: A Furniture Comedy for Hans Hofmann, für die er zwei möblierte Räume gestaltete und die BesucherInnen einlud, diese durch ein Set von Instruktionen und sein Statement Each day things will change neu zu arrangieren. Diese Idee des steten Wandels, des Umschlags, ist Ausgangspunkt für eine Performance-Reihe und ein Ausstellungsprojekt, das in zwei ineinandergreifenden Kapiteln (das erste im Oktober 2010 im MUMOK und Tanzquartier Wien und das zweite 2011 in der Tate Modern London) stattfinden wird.
Die eingeladenen Positionen gehen der Bewegung des Push and Pull auf unterschiedlichste Weise in einem Vexierspiel zwischen Installation, Performance und Choreografie nach, in dem der Großteil der künstlerischen Arbeiten sowohl als Installation als auch zugleich als Live-Performance agieren und funktionieren können und sich die Formate der Präsentation und Rezeption wechselseitig beeinflussen und in Veränderung befinden.
Zugleich formuliert diese durchlässige Anlage eine Achse für die Untersuchung des "Mediums Performance" selbst – eines, das häufig von KünstlerInnen gewählt wird, um Ideen zu vermitteln, die wenig greifbar oder theoretisch sind oder keine definierte physische Präsenz besitzen. Als solches wird es als Mittel benutzt, um Diskurse in Form von Kunstwerken zu übertragen oder auszuführen – und umgekehrt.
Die Themen von Push and Pull und ihre entsprechenden formalen Realisierungen sind vielfältig. Sarah Pierces Arbeit über individuelle und kollektive Formen von Erinnerung und Archive in der Kunst nimmt ihren Ausgangspunkt in Allan Kaprows Installation.
Von Gregg Bordowitz und Paul Chans Oper über das Leben und das Werk von Michel Foucault über Florian Heckers Beschäftigung mit psycho-kognitiven Effekten zwischen Performance und Ausstellung spannen sich die künstlerisch-theoretischen Fragestellungen bis hin zu Themen der Reproduktion und Authentizität von Identität in einer Gesellschaft des Spektakels in der Performance von Seth Price und Kelley Walker.
Die choreografischen Arbeiten artikulieren neue Herausforderungen an Verstehensprozesse: Lucinda Childs schafft mit DANCE ein ebenso zeitprägendes wie komplexes und zugleich widersprüchliches choreografisches Momentum; deufert & plischke erarbeiten ausgehend von dem Prinzip der Reformulierung einen interaktiven Lebens- und Arbeitsraum, den Emergence Room, und Xavier Le Roy verhandelt in seiner situativ motivierten Choreografie verschiedene Figuren des Zusammen-Seins.


GREGG BORDOWITZ (USA) / PAUL CHAN (USA )
The History of Sexuality Volume One by Michel Foucault: An Opera, 2010
FR 1. OKT. + SA 2. OKT. 20.30 h in TQW / Halle G

GREGG BORDOWITZ (USA)
Screening: Fast trip long drop
SA 2. OKT. 18.00 h in TQW / Studios

AUSSTELLUNG
Momente des Umschlags. Push and Pull
6. OKT. – 31. OKT. 2010 MUMOK Factory
Eröffnung: DI 5. OKT. 19 h

SARAH PIERCE (IR)
FUTURE EXHIBITIONS, 2010
DI 5. OKT. 20.30 h MUMOK

DEUFERT & PLISCHKE (D)
Interaktive Installation: Emergence Room
MI 6. OKT. – SO 17. OKT. 14.00 – 17.00 h MUMOK

SETH PRICE (USA) / KELLEY WALKER (USA)
Freelance Stenographer
MI 6. OKT. 20.30 h MUMOK

XAV IER LE ROY (F)
low pieces
DO 7. OKT. + FR 8. OKT. 20.30 h in TQW / Halle G

ANDREA GEYER (D/USA) / JOSIAH McELHENY (USA)
The infinite repetition of revolt, 2010
MO 11. OKT. 20.30 h MUMOK

BOYAN MANCHEV (BG)
Lecture-Interventionen Arachnes
Metamorphosen I + II

SA 16. OKT. + SO 17. OKT. 16.00 h MUMOK

MIKE KELLEY (USA)
Three New Video Works (Premiere):
Documentary of Judson Church Horse Dance
Bridge Visitor
Documentary of a Performance with Paul McCarthy
Screening Day is Done (Österreichische Erstaufführung)

DI 26. OKT. 19.00 h MUMOK

LUCINDA CHILDS (USA)
DANCE
Fr 29. OKT. + Sa 30. OKT. 20.30 h in TQW / Halle E

LUCINDA CHILDS (USA)
Künstlerinnen-Gespräch
SA 30. OKT. 14.30 h in den TQW / Studios

Screening
Lucinda Childs (2006, 60 min, Regie: Patrick Bensard)
SA 30. OKT. 18.00 h in den TQW / Studios


GENERALPASS
beinhaltet alle Veranstaltungen, Installationen und die Ausstellung der Reihe Push and Pull: 55 €

Push and Pull ist eine gemeinsame, ineinandergreifende Performance-Reihe von Tanzquartier Wien und MUMOK in Zusammenarbeit mit Tate Modern London und kuratiert von Barbara Clausen, Walter Heun, Achim Hochdörfer, Kathy Noble, Sandra Noeth und Catherine Wood.

 

09. 09. 2010

MOMENTE DES UMSCHLAGS. PUSH AND PULL

Desorientierung, Destabilisierung, Heterogenität – diese Beschreibungen des Prekären sind nicht mehr länger ökonomischen oder sozialen Entwicklungen vorbehalten, sondern haben ebenso Eingang in aktuelle Analysen von Tanz und Performance gefunden. Unsere Beobachtungen gelten der Auflösung historischer Kategorien, einer radikalen Simultaneität von höchst unterschiedlichen stilistischen und geopolitischen Zugängen und schwindenden Möglichkeiten, künstlerische Entwicklungen mit bekannten Kategorien wie Medien, Identität oder Gender oder Zuschreibungen von Moderne oder Post-Moderne zu fassen.
Das Wiederauftauchen des schillernden Phänomens des Zeitgenössischen zeugt von diesen Umwälzungen: Zwischen vager Diagnostik und Versprechen von Offenheit und Flexibilität, in Reaktion auf tiefe Transformationen in der Ordnung der Welt und anschließend an eine Reihe prominenter Rekonstruktionen und Re-Enactments in der Performancekunst, verweist es auf ein verändertes Verhältnis zur (Kunst-)Geschichte und eine gemeinsame Suche nach einem In-der-Welt-Sein.
Die im Rahmen der Kuratierung Push and Pull eingeladenen Projekte zielen – im Verweis auf Allan Kaprows gleichnamige performative Installation – auf eine komplementäre Bewegung zwischen Erfahrungen von Unmittelbarkeit und ihren diskursiven Wendungen, die vor allem für das Feld der zeitgenössischen Choreografie und Performancekunst konstitutiv sind. Dem Chiasmus von formalistischen und sozial-politischen Strömungen verhaftet, beschreiben sie physische und diskursive Gesten der Repositionierung und Reformulierung und betonen innerhalb eines relationalen Gefüges die Momente des Umschlags: Mehr als um Akte der Fixierung oder der autopoietischen Definition, handelt es sich um Bewegungen gegenseitigen Abtastens, aus denen heraus Aussagen entstehen, verhandelt und vorübergehend gesetzt werden.
Die gezeigten Projekte stellen ein geteiltes Interesse an Zusammenarbeit in den Vordergrund und fragen nach den Wirkweisen und Strategien der Überschreitungen, die die KünstlerInnen in diesen Prozessen in andere Wissensfelder vornehmen. In ihrer Suche danach, den Resonanzen eines instabilen Grunds in diesem vielschichtigen Ineinander-Greifen und Verwischen eine temporäre verbindende Form zu verleihen, werden Alltag und Gegenwärtiges ebenso wie Fragen der Lesbarkeit und des Affekts verhandelt und – in diesen Momenten des Umschlags – Anstöße an neue Verstehens- und Vermittlungsprozesse formuliert.

[pp]: Push and Pull ist eine gemeinsame, ineinandergreifende Performance-Serie von MUMOK und Tanzquartier Wien in Zusammenarbeit mit TATE Modern London und kuratiert von Barbara Clausen, Walter Heun, Achim Hochdörfer, Kathy Noble, Sandra Noeth und Catherine Wood.

(Autorin: Sandra Noeth/Leitung Dramaturgie TQW; Text aus TQW Programmheft OKT. 10)

15. 07. 2010

CHOREOGRAFIEN DES POLITISCHEN
von Lejla Mehanovic

Der Mai am Tanzquartier Wien fing mit einem amerikanischen, patriotischen Lied an. Das Abspielen von America the Beautiful sollte dabei ein politisches Statement sein, eine Stellungnahme gegen die Bush-Administration, von der die Künstlerin selbst betroffen war. Deborah Hay erzählte in ihrer Lecture on Performance of Beauty von dem Versuch, dieses persönliche und zugleich auch politische Anliegen mit den Mitteln ihrer Kunst darzustellen. Jener Konflikt, der diesem Vorhaben inne wohnt, nämlich der des politischen Handelns im Tanz, prägte die künstlerischen Positionen, die im Mai und Juni am Tanzquartier Wien zu sehen waren. Auf welchem Weg lässt sich das Politische choreografisch vermitteln angesichts der ungeheuren Komplexität der Welt? Welche Positionen kann man als Künstler beziehen in einer Zeit der ständigen Veränderungen von Lebensweisen und künstlerischen Paradigmen, die sich in einer derartigen Geschwindigkeit ereignen und so zerstreut sind, dass eine Assimilierung oder Integration in gesellschaftlich-politischen Kontext nahezu unmöglich scheint?

Im Bewusstsein der Unmöglichkeit einer universalen Lösungsfindung bewegten sich diese Auseinandersetzungen auf einer feinen Linie zwischen dem Persönlichen und Politischen, zwischen inneren und äußeren Welten. Das Persönliche, die Biografie wird so zu jenem Raum, der ausgelotet und choreografisch bearbeitet wird. Die Aussagen formieren sich an einem Ort, von dem aus die Wahrnehmung gesteuert wird, um ausgehend von eigenen Erfahrungen die Brücke zu einer gesellschaftlich-politischen Realität zu schlagen. In einem Zusammenspiel der einzelnen Elemente, der Interaktion mit der Umwelt, dem sozialen Raum und innerhalb kleinerer Gruppen werden sie erprobt und führen so unweigerlich zu Brüchen, Verschiebungen und Veränderungen im Bewusstsein. Die eigene Kunstform bleibt dabei immer der äußere Rahmen. Als ein performativ-politischer Monolog bei Cry Me A River (von Anna Mendelssohn) etwa, der durch seinen essayartigen Aufbau, autobiografisch und objektivierend, konkret und abstrakt zugleich, den Klimawandel thematisiert, dabei die Mechanismen des öffentlichen Diskurses entblößt und Empathie zwischen dem/r ZuschauerIn und der Performerin herstellt. Trotz der Komplexität des Themas und der Hoffnungslosigkeit, die sich angesichts der eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen einstellen mag, wohnt der Performance dennoch ein utopischer Augenblick inne.

Dieser utopische Moment stellt sich vor allem beim Verlassen des Theaterraumes und dem Aufgeben jener Sicherheit ein, die diese theatrale Situation bietet – dies als Teil einer realen, authentischen politischen Kampagne bei The Presidential Candidacy (Ion Dumitrescu / Florin Flueras / Manuel Pelmus) oder als eine Gruppe von Menschen bei YES AND NO (von Michikazu Matsune), die inspiriert von Bewegungsvokabeln aus dem Umfeld von Demonstrationen die Stadt durchwandert. Eine Choreografie des Dialogs mit der Umwelt und dem sozialen Raum entsteht; die Schilder mit den persönlichen Aussagen jedes Einzelnen entwickeln durch die Interaktion mit der Öffentlichkeit einen Moment der Irritation und Provokation zugleich, müssen zurückgenommen werden oder unterliegen aufgezwungenen Neuinterpretierung, um allerdings erst dann ihr wahres politisches Potential offen zu legen. Über diese Bewegung der Gruppe im öffentlichen Raum und die Reaktionen darauf entsteht eine Kartografie der Stadt, die nicht nur ihren Rhythmus und ihre ästhetischen Transformationen verdeutlicht. Vielmehr legt sie einen Blick auf die soziogeografischen Aspekte frei, die so eher im Verborgenen bleiben oder lediglich erahnt werden können.

Dabei müssen die Performer, die als Gruppe in diesem choreografischen Prozess aktiv sind, gar nicht als solche für die Öffentlichkeit sichtbar sein. Das Lenken der Wahrnehmung und ein gezieltes Beobachten erzeugen neue temporäre Rahmungen des Städtischen für den Einzelnen. Sie offenbaren die Machtmechanismen der Architektur und des urbanen Zusammenlebens, eröffnen neue Erfahrungsmöglichkeiten von Stadt, und das Gehen – schweigend in einer Gruppe, sich des Rhythmus der Umgebung bewusst werden und sich diesem entziehen – wird zu einer persönlichen Einschreibung in den urbanen Raum. Ein geführter und zugleich mit dem Zufall als choreografischem Gestaltungsmittel spielender Spaziergang wie Vienna Footnotes (von David Bergé / Satu Herrala) ermöglicht dem Einzelnen auf diese Weise eine neue Art des Sehens.

Die letzten beiden Monate der Saison 2009/10 am Tanzquartier Wien wurden so zu Monaten der Wahrnehmungstransformation. Der Blick auf das Beiläufige, gerahmt durch die eigene Kunstform, nimmt diesem die Beiläufigkeit weg und legt sein gesellschaftspolitisches Potential frei. Das Persönliche wird plötzlich politisch, die Teilnehmer – zunächst nur flüchtig wahrnehmend – zu gezielt Beobachtenden. Und in Folge vielleicht auch zu Handelnden.

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