15. 07. 2010

CHOREOGRAFIEN DES POLITISCHEN
von Lejla Mehanovic

Der Mai am Tanzquartier Wien fing mit einem amerikanischen, patriotischen Lied an. Das Abspielen von America the Beautiful sollte dabei ein politisches Statement sein, eine Stellungnahme gegen die Bush-Administration, von der die Künstlerin selbst betroffen war. Deborah Hay erzählte in ihrer Lecture on Performance of Beauty von dem Versuch, dieses persönliche und zugleich auch politische Anliegen mit den Mitteln ihrer Kunst darzustellen. Jener Konflikt, der diesem Vorhaben inne wohnt, nämlich der des politischen Handelns im Tanz, prägte die künstlerischen Positionen, die im Mai und Juni am Tanzquartier Wien zu sehen waren. Auf welchem Weg lässt sich das Politische choreografisch vermitteln angesichts der ungeheuren Komplexität der Welt? Welche Positionen kann man als Künstler beziehen in einer Zeit der ständigen Veränderungen von Lebensweisen und künstlerischen Paradigmen, die sich in einer derartigen Geschwindigkeit ereignen und so zerstreut sind, dass eine Assimilierung oder Integration in gesellschaftlich-politischen Kontext nahezu unmöglich scheint?

Im Bewusstsein der Unmöglichkeit einer universalen Lösungsfindung bewegten sich diese Auseinandersetzungen auf einer feinen Linie zwischen dem Persönlichen und Politischen, zwischen inneren und äußeren Welten. Das Persönliche, die Biografie wird so zu jenem Raum, der ausgelotet und choreografisch bearbeitet wird. Die Aussagen formieren sich an einem Ort, von dem aus die Wahrnehmung gesteuert wird, um ausgehend von eigenen Erfahrungen die Brücke zu einer gesellschaftlich-politischen Realität zu schlagen. In einem Zusammenspiel der einzelnen Elemente, der Interaktion mit der Umwelt, dem sozialen Raum und innerhalb kleinerer Gruppen werden sie erprobt und führen so unweigerlich zu Brüchen, Verschiebungen und Veränderungen im Bewusstsein. Die eigene Kunstform bleibt dabei immer der äußere Rahmen. Als ein performativ-politischer Monolog bei Cry Me A River (von Anna Mendelssohn) etwa, der durch seinen essayartigen Aufbau, autobiografisch und objektivierend, konkret und abstrakt zugleich, den Klimawandel thematisiert, dabei die Mechanismen des öffentlichen Diskurses entblößt und Empathie zwischen dem/r ZuschauerIn und der Performerin herstellt. Trotz der Komplexität des Themas und der Hoffnungslosigkeit, die sich angesichts der eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen einstellen mag, wohnt der Performance dennoch ein utopischer Augenblick inne.

Dieser utopische Moment stellt sich vor allem beim Verlassen des Theaterraumes und dem Aufgeben jener Sicherheit ein, die diese theatrale Situation bietet – dies als Teil einer realen, authentischen politischen Kampagne bei The Presidential Candidacy (Ion Dumitrescu / Florin Flueras / Manuel Pelmus) oder als eine Gruppe von Menschen bei YES AND NO (von Michikazu Matsune), die inspiriert von Bewegungsvokabeln aus dem Umfeld von Demonstrationen die Stadt durchwandert. Eine Choreografie des Dialogs mit der Umwelt und dem sozialen Raum entsteht; die Schilder mit den persönlichen Aussagen jedes Einzelnen entwickeln durch die Interaktion mit der Öffentlichkeit einen Moment der Irritation und Provokation zugleich, müssen zurückgenommen werden oder unterliegen aufgezwungenen Neuinterpretierung, um allerdings erst dann ihr wahres politisches Potential offen zu legen. Über diese Bewegung der Gruppe im öffentlichen Raum und die Reaktionen darauf entsteht eine Kartografie der Stadt, die nicht nur ihren Rhythmus und ihre ästhetischen Transformationen verdeutlicht. Vielmehr legt sie einen Blick auf die soziogeografischen Aspekte frei, die so eher im Verborgenen bleiben oder lediglich erahnt werden können.

Dabei müssen die Performer, die als Gruppe in diesem choreografischen Prozess aktiv sind, gar nicht als solche für die Öffentlichkeit sichtbar sein. Das Lenken der Wahrnehmung und ein gezieltes Beobachten erzeugen neue temporäre Rahmungen des Städtischen für den Einzelnen. Sie offenbaren die Machtmechanismen der Architektur und des urbanen Zusammenlebens, eröffnen neue Erfahrungsmöglichkeiten von Stadt, und das Gehen – schweigend in einer Gruppe, sich des Rhythmus der Umgebung bewusst werden und sich diesem entziehen – wird zu einer persönlichen Einschreibung in den urbanen Raum. Ein geführter und zugleich mit dem Zufall als choreografischem Gestaltungsmittel spielender Spaziergang wie Vienna Footnotes (von David Bergé / Satu Herrala) ermöglicht dem Einzelnen auf diese Weise eine neue Art des Sehens.

Die letzten beiden Monate der Saison 2009/10 am Tanzquartier Wien wurden so zu Monaten der Wahrnehmungstransformation. Der Blick auf das Beiläufige, gerahmt durch die eigene Kunstform, nimmt diesem die Beiläufigkeit weg und legt sein gesellschaftspolitisches Potential frei. Das Persönliche wird plötzlich politisch, die Teilnehmer – zunächst nur flüchtig wahrnehmend – zu gezielt Beobachtenden. Und in Folge vielleicht auch zu Handelnden.

09. 07. 2010

Am 1. Okt. 2010 werden die vom bm:ukk mit je 8.000 Euro dotierten "outstanding artist awards" im Radiokulturhaus vergeben.

Im Bereich der Darstellenden Kunst geht die Auszeichnung an den Tänzer und Choreografen Chris Haring, der u.a. im Dezember 2010 mit einer neuen Produktion am Tanzquartier zu sehen sein wird. www.liquidloft.at

In der Kategorie "Interkultureller Dialog" wurde die internationale Performance- und Film Company Cabula6 unter der Leitung von Claudia Heu und Jeremy Xido für das Projekt Life On Earth in Macondo - einer außergewöhnlichen Siedlung in Wien-Simmering - nominiert. Life On Earth ist Teil der Triologie On Earth und begann vor rund 3 Jahren im Rahmen eines Projektes am Tanzquartier Wien. http://cabula6.com/macondo/

 

02. 07. 2010

Liebes Publikum!

Ich möchte Ihnen sehr herzlich für Ihr Interesse und Ihre Besuche am Tanzquartier Wien danken.
Meine erste Saison an diesem Haus war geprägt von gegenseitigem Kennenlernen und dem Wunsch Ihnen, die Sie das Tanzquartier seit Jahren als Ihren künstlerischen/sozialen Bezugsort verstehen oder auch erstmalig dieses Haus betreten, mit einem neuen Team stets offen zu begegnen. Zu unserer großen Freude haben Sie diese Offenheit durch Ihr zahlreiches Erscheinen erwidert und wir bedanken uns für Ihr Vertrauen!

Wir haben in der vergangenen Programmierung künstlerische Akzente bewusst kontrapunktisch gesetzt. Sie wiederum wählten sich jeweils Ihren Parcours durch die Spielzeit, indem Sie selbst Ihre Schwerpunkte setzten. Einführungen, Publikumsgespräche, vertiefte diskursive Formate und Angebote zur Lektüre werden Ihnen zudem auch weiterhin die Möglichkeit geben, sich tiefer mit den Möglichkeiten von Tanz und Performance auseinanderzusetzen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen sehr herzlichen Dank an mein Team aussprechen, das sich in der vergangenen Spielzeit den Begriff der "Gastfreundschaft" so sehr zu eigen gemacht hat. Ein Begriff, den wir als innere Haltung, aber auch als ein ständiges Verhandeln und Neubestimmen der Beziehungen zu unseren Besuchern, Künstlern, Partnern und sonstigen Interessenten verstehen.

Einige der Herbst-Highlights der nächsten Saison möchten wir Ihnen schon jetzt in unserem neuen TQW-3er-Abo vorstellen. Mehr Informationen dazu bekommen Sie hier.

Wir wünschen Ihnen nun einen schönen und erholsamen Sommer und freuen uns darauf, Sie im Oktober 2010 wieder bei unseren Veranstaltungen begrüßen zu dürfen.

Mit besten Grüßen,
Walter Heun
Künstlerischer Intendant

 

Rückblick auf TQW-Veranstaltungen im Juni 2010

       

Michikazu Matsune (J/A): YES AND NO, Deborah Hazler (A): STÜCKWERK 2010, Ion Dumitrescu / Florin Flueras / Manuel Pelmus (RO): The Presidential Candidacy; Fotocredit: Lejla Mehanovic, Angela Bedekovic