30. 11. 2014

von Theresa Luise Gindlstrasser

Heute kam es im Workshop Choreografie der Körpererweiterungen zum praktischen Umgang mit den Dingen. Gestern schon haben alle Teilnehmende jeweils zwei persönliche (vielleicht ist das ein unzutreffendes Wort, jedenfalls selbst mitgebrachte) Körpererweiterung den anderen zum Tausch angeboten. Somit saßen wir dann heute alle am Boden mit zwei Dingen vor uns. Ein eingetauschtes und ein eigenes. Da waren dann so Sachen wie Brot, Buch, Klebeband und Geld, auch Mobiltelephone, Ton, Eisentabletten und Zigaretten. Alle Teilnehmenden haben dazu fast eine halbe Stunde mit Bewegungsimprovisation verbracht.

 

Die Zigarette war natürlich meine, denn ich liebe es zu rauchen und ich habe sie zu meinem Objekt gemacht, weil ich sie für eine mondäne Geste in großer Niederschwelligkeit halte, die ihr Bestehen im Vergehen hat. Und vielleicht ist genau das zu meinem Zugang zum Thema geworden. Körpererweiterung im Sinne von Handlungen, Haltungen die nicht nur durch persönliches Begehren motiviert sind, sondern vor allem in ihrer Außenwirksamkeit bestehen. Denn mein Rauchen ist ein persönliches Begehren und ist aber auch eine lesbare Geste im Zusammenhang mit anderen.

Um 18h dann die Lecture von Marie-Luise Angerer unter dem Titel Relationalitäten. Da ging es um diesen Moment des Jetzt der immer schon dann auch wieder vorüber ist. Dass nämlich unser Körper irgendwie früher dran ist als unsere Sprache. Um diesen surrealen Moment einfangen zu können, steht die Auseinandersetzung mit Körperpraxen wie dem Tanz eben auch für die Theorie an. Im Gang durch die Medientheoriegeschichte war es recht einfach eine Querverweis-Türe nich rechtzeitig zu erwischen.

Dann die Performance von der gestern schon die Rede war: Organic Display von Micha Purucker. Im Studio 2 waren da rundum die Sitzmöglichkeiten aufgebaut. Ein Sandstreifen quer durch den Raum, Drucke der Anatomiestunde an den Wänden, zwei Redepulte, viel Weiß. Das Publikum soll mittels Schlafmasken sich rein auf den gesprochenen Text einlassen können. Zwei Texte werden in einander gelesen. Der eine spricht in fachlicher Manier von Körperfunktionen und der Geschichte von Transplantationen. Wann sind wir denn nun tot? Wenn das Herz aussetzt oder wenn das Gehirn nicht mehr mitmacht? Und ist das dann ein Hase wenn einem Menschen Gewebe von einem anderen Säugetier transplantiert wurde? Der zweite Text erzählt autobiographisch aus dem Leben eines Bodybuilders. Von seiner Sucht und von seinem Versuch den eigenen Körper ganz als Ding vor sich zu bringen und nach ganz bestimmten Parametern zu formen. Ein Hals dicker denn der eigene Kopf! Viel aufregender noch: Ein Körper der scheinbar perfekt geformt werden kann und gleichzeitig als Körper nicht mehr eigentlich funktioniert. Die Gelenke machen es nicht mit und das Atmen fällt schwer. So wird der Körper zu einem eigenen Produkt und hört auf auch Möglichkeit zu sein.


 Things that surround us (c) Doro Tuch

Letzter Programmpunkt des Abends und überhaupt des Festivals (natürlich abgesehen von dem kurzen Artist Talk und dem wieder so lecker Buffet) war dann: Things that surround us von Public in Private / Clément Layes in der Halle G. Clownerie und Sandgarten. Klamauk und Meditation. Viele viele Dinge, aber vor allem unterschiedlich feiner Sand, wurden da auf dem weißen Boden ausgebreitet und mittels Besen in neue Zusammenhänge arrangiert. Das Muster ist dabei der Kreis, die Assoziation dazu lautet Galaxie, lautet Kosmos und relationale Beziehung. Anfangen tut das ganze aber mit der ausdrücklichen Benennung einiger Gegenstände: der Tisch, der Tisch, the table, your table, this table. Dergestalt auf die Arbitrarität sprachlicher Zeichen vorbereitet, geht es im zweiten Teil darum die scheinbar zementschwere Beziehung zwischen Ding und Bezeichnung weiter noch zu verschmieren. Auch der Umgang, die Pragmatik also, wird dann immer weiter verwackelt. Ich finde: eine erstens wunderschöne, zweitens unaufdringlich und gut gebaute, drittens höchst amüsante Parabel auf das Durchwachsenheitsverhältniss der Dinge die wir Ordnung und Unordnung nennen. Dass das alles eine Frage des Paradigmas ist, darauf ist in der Sprache zwar hinzuzeigen, aber: "How to undo things with words?" Vielleicht einfach manchmal wirklich an der Kunst eine Erfahrung machen.

Und das waren viele Erfahrungen die letzten vier Tage. Festival aus, ich geh jetzt nach Haus.  

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Über die Autorin
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Theresa Luise Gindlstrasser, geboren 1989, absolvierte ein Studium der Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz und eine Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Derzeit studiert sie in Wien performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste und belegt ein Masterstudium in Philosophie. Neben Vorträgen, Performances und Texten über Sprache, Macht und Wucherung ist sie als freischaffende Journalistin im Performance- und Theaterbereich u.a. für gift, Die Deutsche Bühne und nachtkritik tätig.
 

29. 11. 2014

von Theresa Luise Gindlstrasser

Tag 3. Achtung, die Dinge nehmen Überhand. Zumindest was meinen Kopf angeht. Alles voll davon. So oder so. Eine Rundumschau. Und dann wollen wir uns auch noch dazu verhalten. Puh. Das hab ich gestern auch schon mal geschrieben. Was für eine Rundumschau. Die Dinge nehmen Überhand. Kein Training am Morgen. Heute nicht und morgen nicht.

Den Tag also beginnen mit dem Workshop bei Helmut Ploebst. Heute im Gespräch mit Eva Meyer-Keller und Martina Ruhsam. Aber nicht nur, denn die Teilnehmenden tauen auf, draußen is es ja kalt. Wir also, haben gesprochen über die Performance gestern Abend, Pulling Strings. Über das Marionettentheater, quasi. Und wenn dort das Gespräch seinen Ausgang nahm, dann waren wir recht schnell bei der Anthropomorphosierung der Dinge und den Performer_innen als Animateurinnen im mindestens zweifachen Wortsinne angelangt. Ja, vielleicht ist es so, dass ganz egal wo die Gespräche gerade anfangen sie dann immer irgendwo bei der Frage nach der Kunst überhaupt, als Ding das wir in der Reflexion nicht recht in den Griff bekommen, landen.


Pulling Strings von Eva Meyer-Keller

Jedenfalls wird im TQW seit drei Tagen an unseren Begriffen von Kunst, Subjekt und Ding gefeilt. Und ich glaube, dass feilen kein hilfloses Wort ist um einen Vorgang zu beschreiben, der innerhalb eines als Rundumschau angelegten Festivals immer wieder kehrt. Ich finde: Abgesehen von den verschiedene Subjekt- und Objektbegriffen mit denen innerhalb der verschiedenen Programmpunkten hantiert wird, liegt dem Festival eine große Skepsis zu Grunde. Eine Skepsis sowohl gegenüber den Dingen, ob sie denn nicht langsam die Überhand nehmen, und auch eine Skepsis gegenüber uns selbst, ob wir die Dinge denn überhaupt zu ihrem Recht kommen lassen.


Thinking Matters Other Others von Nikolaus Gansterer

Drei Performances heute (eigentlich vier, aber da passiert was in Gleichzeitigkeit und ich kann mich ja nicht zerteilen, manchmal möcht ich, dann denk ich an Hermine Granger, aber das geht nicht, deswegen drei Performances heute): Thinking Matters Other Others: A Translecture, eine Lecture Performance von Nikolaus Gansterer im Studio 3. Das wohltuende Chaos eines zeitgenössischen Alchemisten: Bücher, Steine, Luftballons, die Projektion einer Tafel, auf der wird gearbeitet. The Call of Things, eine Performance von Lisa Hinterreither und Jack Hauser auf der Hinterbühne der Halle G. Wasserkocher, Notbeleuchtung, Türen, Stühle und sonst so Dinge die sich dort finden. Die beiden Performer_innen bedienen diese und alles alles wird zur Kulisse für das eigene Erleben. Ganz am Ende dann noch Können Müssen Wissen – Can Must Know eine Lecture Performance von Roland Rauschmeier. Ein Redner, Schlagzeug, Tanz und vielleicht weniger der Versuch "Kunst" in den Griff zu bekommen, sondern mehr Kunsterfahrung zu ermöglichen.


The Call of Things von Lisa Hinterreithner und Jack Hauser

Dazwischen der Artist Talk, moderiert von Martina Ruhsam, mit Eva Meyer-Keller, Lisa Hinterreither, Jack Hauser und Micha Purucker (von dieser Performance werd ich dann erst morgen erzählen). Die erste der genannten Kunstschaffenden spricht von einer Flucht aus dem Ephemeren der Performanz hin zur so sicheren Daseinsform der Dinge. Und von Subjekten die die Objekte tanzen lassen, dergestalt eine große Projektionsfläche für alle möglichen Mystifizierungen anbieten (ist das vielleicht so: der Grund warum der Begriff "Magie" hier die ganze Zeit so nahe liegt ist ganz einfach die Vorstellung von unbelebten Dingen denen plötzlich Leben eingehaucht wird). Anders Lisa Hinterreither und Jack Hauser, dort sollen die Dinge als die Dinge die sie sind in Erscheinung treten können. Und da wird sogar so weit gegangen, dass von einer human/non-human working group die Rede ist. Dass das Publikum, oder der Mensch überhaupt ein Ding unter Dingen sei, dagegen will sich zumindest Micha Purucker wehren.

Befremdlich, zuhanden, sehr praktisch, dem technischen Fortschritt sei Dank, zu Dienste, stets zu Diensten, wer jetzt wem, bezaubernd, verzaubern, vergessen, verstoßen. Das sind dann also die Dinge. Und wir? Im Ausgang von den Dingen bei den Menschen landen, tja, das passiert. Häufig.

 

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Über die Autorin
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Theresa Luise Gindlstrasser, geboren 1989, absolvierte ein Studium der Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz und eine Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Derzeit studiert sie in Wien performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste und belegt ein Masterstudium in Philosophie. Neben Vorträgen, Performances und Texten über Sprache, Macht und Wucherung ist sie als freischaffende Journalistin im Performance- und Theaterbereich u.a. für gift, Die Deutsche Bühne und nachtkritik tätig.

28. 11. 2014

von Theresa Luise Gindlstrasser

Heute kein Yoga für mich. Dafür Bananenfrühstück im TQW. Und Marathon-Tanzen mit Stefan Dreher. Per Pingpong Teaching entstehen da Regeln wie von selber und die Anderen werden zum Grund und zum Ziel einer Bewegung.

        Marathon-Tanzen mit Stefan Dreher                                

Um 13h30 dann wieder Workshop bei Helmut Ploebst. Da ging es heute los, wo gestern stehen geblieben wurde. Bei einer Theorie des ''extended body'' zwischen ''extensions'' und ''extensifiers'' wird danach gefragt, ob wir, die ''user'' immer noch gut genug sind für unsere industriellen, technischen, digitalen Erweiterungen. Beispiel: Hast du eh ein Smartphone und weißt eh auch Bescheid über das Wie der Bedienung? Und: Was? Du hast überhaupt gar kein Smartphone?

Dann ein Gespräch zwischen Helmut Ploebst und Mette Ingvartsen das einhakt in diese Auseinandersetzungen und auch das gestrige Publikumsgespräch fortsetzt. Ingvartsen erzählt von ihrer künstlerischen Arbeit die sich von einem Interesse an relationaler, also nicht vordergründig intentionaler, Bewegung über eine Faszination an Choreographie ohne Körpern hin zu einer Auseinandersetzung mit der Relation zwischen bewegten Körpern und Materialien fortgepflanzt hat.

Interessant ihr Vorschlag von ''procumentation'', sprich ''proactive documentation''. Genauer gesagt Dokumentation die nicht nur Gegebenes in eine Geschichte einebnen, sondern dem Anspruch des Ephemeren in der Performanz gerecht werden will. Wie wir darauf zu sprechen gekommen sind? Puh, also. Da führt ein Ding zum anderen. Und das dann zum nächsten und der Workshop endete mit einer praktischen Übung. Wenn unser Körper die Geisel unserer kulturellen Erweiterungen wäre, können wir dann per purer Vorstellung all diese Institutionen von uns weisen?

Das ist eine von verschiedenen Fragen wenn es um die Dinge geht. Nach zwei Tagen intensiver und diverser Auseinandersetzung mit Dingen und Dingtheorien scheint die Sache beim SCORES Festival im allgemeinen vor allem so zu sein: bedenklich oder bezaubernd. Bedenklich wenn es darum geht die Auswirkungen unserer Produkte auf uns selbst zu begreifen, bezaubernd wenn es darum geht den Produkten Raum für ihr eigenes Sprechen zu ermöglichen.

Das Abendprogramm beginnt mit der Lecture From the uprising of things to the rejection of the subject: the enthronement of mass media von Klemens Gruber. Bedenklich klingt hier die Vorstellung einer Maschine die das Subjekt auf der Bühne des Theaters überflüssig macht. Bezaubernd aber die Rede von der Revolte der Dinge.

                            
Vortrag von Klemens Gruber

Danach Siamese Twins, eine Lecture Performance von François Roche. Der zeigt Videoschnipsel und spricht unaufhörlich unverständlich. Dabei trägt er den perfekten Mantel, so wird klar: Das ist Sherlock Holmes, der da wandelt und in magischer Rede eine Auflösung herbeiführen soll, die aber nicht kommt und nicht kommt. Nichts kommt.

Dafür aber am Ende meines Abends die Performance Pulling Strings von Eva Meyer-Keller.  Im Studio 3 alles voller gelber Fäden und einer hat ein Problem mit seiner Schnur. An diesen Fäden hängen über die Traversen gespannt, manche Dinge oder auch nicht. Eine Stunde lang spielen vier Performer_innen mit dem Überraschungseffekt Schwerkraft. Dabei wird der Boden geschält, die Rollläden geschlossen und das alles per Pulling Strings. Die Überraschung tritt stets siegesgewiss ein, dazwischen wird umgebaut und vorbereitet für den nächsten Effekt. Da arbeiten die Menschen, ziehen und reissen, um die Dinge für uns in Erscheinung treten zu lassen.

Ha, und einmal fallen dann Silberpapierschnipsel zum Boden. Eine Hand voll oder weniger, jedenfalls kein Vergleich mit den Materialschluchten von The Artificial Nature Project. Diese Performance war heute noch einmal zu sehen und, sehr aufmerksam, es wurde auf die Besuchenden aus dem TQW gewartet. Aber da bin ich dann auf dem Heimweg schon.

 

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Über die Autorin
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Theresa Luise Gindlstrasser, geboren 1989, absolvierte ein Studium der Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz und eine Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Derzeit studiert sie in Wien performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste und belegt ein Masterstudium in Philosophie. Neben Vorträgen, Performances und Texten über Sprache, Macht und Wucherung ist sie als freischaffende Journalistin im Performance- und Theaterbereich u.a. für gift, Die Deutsche Bühne und nachtkritik tätig.

 

27. 11. 2014

von Theresa Luise Gindlstrasser

Seit Montag schon läuft im TQW das Workshop Programm zum aktuellen SCORES Festival. Heute nun wurde das Theorie und Performance Programm eröffnet. Und nachdem es einen Mittagstisch vor Ort gibt, kann eigentlich der ganze Tag im TQW verbracht werden. Das hab ich auch gemacht. Jedenfalls fast. Jedenfalls hallo! Und ich werde bis Samstag weiterhin fast alle Veranstaltungen besuchen und später hier davon erzählen.

Es beginnt mit Yoga um 9h30 bei Stefan Dreher. Jede Menge, gar nicht so schwitzende, aber sehr konzentrierte Körper arbeiten an ihrer Eigenwahrnehmung. Vom Festivalthema ist da noch wenig zu fassen, das ist vor allem eine Körperpraxis. Später gehen die anderen Marathon-Tanzen und ich komme wieder zum Workshop von Helmut Ploebst. Choreography of Body Extensions heißt der, und beginnt heute zur Einführung mit einem Vortrag.

Den Begriff Choreographie in Praxis und Theorie erweitern und weit für sich zu beanspruchen, das versucht SCORES N°9: no/things, und zeigt in den nächsten drei Tagen ein dementsprechend weites Forschungsfeld. Es geht um Dinge, und wie die Dinge uns choreographieren und wie sich überhaupt vielleicht das Agens in der Choreographie hin zu den Dingen verschieben kann.

Im Workshop bei Ploebst wird das Thema mit den Mitteln der kritischen Theorie angegangen. Die technische Entwicklung von Dingen, von Gadgets, von Prothesen als historische und stets wiederkehrende Dialektik von "ignition" und "explotion", von zündender Idee, Fortschritt und dem Rückfall eines jeden Fortschritts auf die Körper, deren Entwicklung doch eigentlich im Vordergrund gestanden war. Damit sind wir mitten drinnen im Festival Thema: Was ist das Verhältnis von körperlichen Erweiterungen (denke da an: Cyborg) und dem dergestalt Erweiterten? Bzw. hat dieser Diskurs überhaupt einen Anfang (ähm, so ein natürlicher unoptimierter Körper) oder ein Ende (was dann vielleicht ein Außen eines solchen Diskurses markieren könnte)? Fragen gibt und gab es viele, aber die Zeit, die Zeit.

Dann war es eben Zeit und nach offiziellen Begrüßungsworten hat Boyan Manchev seinen Vortrag unter dem Titel What Do the Things Want? Aisthetic Materialism and the Future of Performance gehalten. Da wurde weniger konkret über Dinge und ihr Verhältnis zum Körper nachgedacht, da wurde vielmehr die Performativität der beiden herausgestellt. Dass also weder die Dinge noch die Körper ganz so ultimativ fertige Substanzen wären, dass vielmehr die Dinge und die Körper in Prozessen begriffen sind. Das utopische Schlusswort blieb zu komplex in der Formulierung, sodann  muss resümierend gesagt werden: selbst Prozesse lassen sich noch verwerten und selbst hinter einer Performativität steht ein Kapitalismus.

Genau darauf referiert auch die Performance bastard crowding, selfie looping von Daniel Aschwanden und Conny Zenk. Vier Performer_innen mit vier Smartphones auf der Bühne im Studio 2. Übrigens ganz und gar voller Publikum. Jedenfalls vier Performer_innen, und Projektionen der jeweils live gefilmten oder photographierten Sequenzen. Nahaufnahmen, Selfies auch mit Zusehenden, der homo digitalis mindestens mal vier. Sehr augenscheinlich wird hier Nähe und Nacktheit im digitalen Zeitalter verhandelt. Selbstoptimierung, kalkulierte Intimität, und das alles auf der großen Bühne der Globalisation. Besonders amüsant: während vorne herrische Kritik an einer durch und durch medialisierten Gesellschaft geübt wird, klingeln im Publikum gezählte vier Telephone.


Autorin im  Selfie Loop Mode mit der bastard crowding, selfie looping Truppe

Nur ein Telephon hat dann noch geklingelt während der Aufführung von The Artificial Nature Project von Mette Ingvartsen in der Halle G. Und während der ganze Tag ein einziger Zweifel an den Dingen und unserer Beziehung zu ihnen zu sein schien, wird hier das Ding in Form von unendlich vielen Silberpapierschnipseln gefeiert. Magisch, erhaben, schön. Also ganz anders als schwierig kommt kurz vor Ende des ersten Tages das Ding über uns.


Artist Talk Nikolaus Gansterer & Mette Ingvartsen

Dann noch Publikumsgespräch mit Mette Ingvartsen und Nikolaus Gansterer und lecker Buffet, sehr lecker, und noch mehr Gespräche über kritische Theorie und affirmative Praxis. Ja, da gibt es wohl verschiedene Perspektiven auf Dinge. Und verschiedene Perspektiven auch auf einen erweiterten choreographischen Raum, sowohl was Inhalt und auch was die Form betrifft. Das ist jetzt noch nicht viel gesagt, aber ich trinke ein Bier und freu mich auf morgen.

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Über die Autorin
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Theresa Luise Gindlstrasser, geboren 1989, absolvierte ein Studium der Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz und eine Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Derzeit studiert sie in Wien performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste und belegt ein Masterstudium in Philosophie. Neben Vorträgen, Performances und Texten über Sprache, Macht und Wucherung ist sie als freischaffende Journalistin im Performance- und Theaterbereich u.a. für gift, Die Deutsche Bühne und nachtkritik tätig.

06. 11. 2014

Liebes Publikum,

was ist das Potenzial des Körpers? Welche Möglichkeiten hat eine Kunstform, die sich durch den Körper, aber auch über Körperdiskurse formuliert? Wo liegt die Handlungsfähigkeit des Körpers im politischen Raum und wie kann sich diese äußern? Welche Energie hat der kollektive Körper? Was machen wir, macht unsere Gesellschaft, unsere Art der Kommunikation mit unserem Körper, seinem (Auf-)Begehren, seinem Drang nach Freiheit, seiner Suche nach Intimität, seiner Sucht nach dem Aufgehen in der Gemeinschaft?

...und was, wenn wir den Körper einmal anders denken? Wenn wir die Welt der Objekte miteinbeziehen? Wenn wir deren Kräfte und "Persönlichkeiten" einmal genauer betrachten? Wenn wir die Objekte einmal "tanzen" lassen?

Der November und Dezember im Tanzquartier Wien bieten reichlich Gelegenheit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Ihren Gedanken können Sie freien Lauf lassen. Sie können sich aber auch auf einen Erlebnisparcours durch und über Ihren Körper begeben, indem Sie z.B. versuchen, die Zugehörigkeit und Selbstbestimmtheit der TänzerInnen in Badke nachzuvollziehen, sich von der Magie und kollektiven Dynamik in Levée de conflits mitreißen zu lassen oder die existentielle Kraft von Kharbga zu spüren.

Für SCORES N°9 sollten Sie jetzt schon Urlaub beantragen. In diesen vier Tagen wird Ihr Verständnis vom choreografischen Körper auf kluge, witzige, feine und durchaus auch schöne Art und Weise aufgerissen und neu sortiert.

Oder Sie legen im Dezember mal selbst los bei Flesh Dance, unserem neuen Format der Körper-Talentsuche. Oder Sie fragen sich kurz vor Weihnachten: Maybe the way you made love twenty years ago is the answer?

Auf alle Fälle wird der Spätherbst im Tanzquartier Wien alles andere als eine "staade Zeit"!

Herzlich Ihr,
Walter Heun
Künstlerischer Intendant
Für das Team des Tanzquartier Wien