16. 10. 2015

Ein nicht enden wollender Applaus, intensive Gespräche und eine Ausgelassene Stimmung bei der Premierenfeier  –– der Abend der österreichischen Erstaufführung von "Körper" in Bildern

(c) by esel.at

13. 10. 2015
 
 
Wie haben Sie das Stück Körper vor über 10 Jahren choreografisch erarbeitet?
 
Die Premiere von Körper ist 15 Jahre her. Für die Erarbeitung des Werks inszenierte ich zwei große in situ Projekte 1999. Das erste Dialoge-Projekt entstand in den Sophiensaelen, wo ich das gesamte Haus bespielte, es keine Bestuhlung gab sondern sich frei bewegendes Publikum. Das zweite große Vorbereitungsprojekt war Dialoge - Jüdisches Museum, ein Raumparcours durch das damals noch leere Museum.
Die Geschichte der Deutschen als Täter und die Ermordung der Juden stand im thematischen Mittelpunkt des Projekts im Jüdischen Museum und wurde von mir im Anschluss für die Schaubühne weiter erarbeitet, dann genannt Körper.
Als inneres Skelett des Stückes Körper arbeitete ich dann weitere drei Monate an den physischen Bedingungen unseres Menschseins.
Ich erarbeitete eine Sprache, die ich Bodysystems nannte, die Körperqualitäten für die unterschiedlichen Körpersysteme wie Nervensystem, Knochenbau, Blutkreislauf entwickelte.
Gleichzeitig beschäftigten mich ethische Fragen: Wie wir mit dem Eingriff in unser Erbmaterial umgehen, Manipulationen am Körper vornehmen, operative Eingriffe zur Verschönerung des menschlichen Körpers oder der Pränataldiagnose. Die Sehnsucht des Menschen nach Jugend und Schönheit entwickelt sich zu einem Alptraum. Wir greifen in die Schöpfung ein und generieren Monster statt Götter.
Gleichzeitig erforschte ich mit den Bedingungen des Körpers auch die Bedingungen des Raums, vermaß Körper und Architektur um eine sinnliche Erfahrung und Wahrnehmungsebene, die die Körper im Verhältnis zum Raum erzählen können.
Das Projekt Körper war das erste Stück mit dem neugeformten TanzEnsemble, das sich für die nächsten fünf Jahre an der Schaubühne entwickeln sollte. Es war eine kollektive Arbeit mit den Tänzern, dem Kostümbildner Bernd Skodzig und den Bühnenbildnern und Architekten Thomas Schenk und Heike Schuppelius. Die Musikkomposition entstand auch während der Dialoge-Prozesse in der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hans Peter Kuhn und wurde erfolgreich in Körper fortgesetzt. Körper ist der 1. Teil einer Trilogie des Menschen, die ich in den folgenden Jahren choreographierte.
 
Würden Sie etwas grundsätzlich ändern, falls Sie heute Körper choreographieren würden?
 
Die Fragestellungen von Körper aus dem Jahr 1999 sind immer noch brennende, philosophische Fragen, die heute noch relevant sind. Auch ästhetisch und formal würde ich das Stück wieder so entwickeln.
 
Was hat sich ohnehin mit der Zeit an der Choreographie Körper und an Körperbildern - und Diskursen im Kontext Tanz heute verändert?
 
Die Choreographie hat sich nicht verändert. Nur in den ersten 24 Vorstellungen Anfang 2000 veränderte ich das Stück bis es seine jetzige Form erhielt. Das Stück ist mit den Darstellern gewachsen und gereift. Da das Stück auf Grund seiner Thematik mit Nacktheit arbeitet, sind wir auch jetzt in einem neuen Diskurs. Die Tänzer sind nicht mehr 20 Jahre sondern zwischen 30 und 50. Das stellt Fragen über gesellschaftlich propagierte Körperbilder, Schönheitsideale, und wieder die Frage nach ewiger Jugend oder dem perfekten Körper, auch wenn er mit chirurgischen Eingriffen neugeformt und verändert wird. Mittlerweile geht die Nichtakzeptanz des eigenen Körpers soweit, dass selbst Jugendliche sparen um sich eine Nase oder sogar ihre Schamlippen wie beim Friseur auf die perfekte Form zu schneiden, zu trimmen. Dem entgegnet Körper mit einer Menschlichkeit, die Veränderung und Alter positiv umarmt.
 
Wie unterscheiden sich die damaligen choreografischen Strategien von den heutigen, jetzt wo Sie freischaffend arbeiten?
 
Meine Strategien haben sich seit der Schaubühne nicht wirklich verändert, sondern entwickelt. Ich habe versucht die Struktur des Ensembles und der Schaubühne als Unternehmen (denn wir erinnern uns, dass auch die Schaubühne eine freie Gruppe war und sich erst viel später etablierte, aber nach wie vor ein Privattheater ist), in der Unabhängigkeit weiterzuführen. 2004 musste ich allerdings aus finanziellen und strukturellen Überlegungen mein Ensemble auflösen und wieder in das freischaffende Produktionsverhältnis mit den Tänzern zurückkehren. Mittlerweile produzieren wir Opern selbst, touren diese international, mit Orchester, Chor und Sängern und natürlich Tänzern.
 
Sie haben ein besonderes Interesse an der Verwischung der Grenzen zwischen Tanz und Musealem gezeigt. Inwieweit ist ein Stück nach mehr als 10 Jahren selbst schon ein Museumsstück?

Vor zwei Jahren habe ich in der Ausstellung im ZKM Karlsruhe das Stück Körper, ursprünglich im Jüdischen Museum begonnen, wieder vom Theater in den Museumsbau zurückgeführt, das Stück dekonstruiert, in seine Einzelteile zerlegt, die Chronologie aufgelöst und bin zur Installation zurückgekehrt.
Mich interessiert die Grenze zwischen Installation und Performance. In den letzten Jahren entwickelte ich viele Museumsprojekte zwischen Installation, Performance, Aufführung, oder performatives Konzert in unterschiedlichen Museen wie dem Neuen Museum in Berlin, dem MAXXI in Rom, der Fondation Beyeler in Basel, Querini Stampalia in Venedig und vielen Anderen.
 
Im Frühjahr war Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich bei uns mit ihrem Stück more than naked, das bewusst mit dem Stereotyp der Schönheit im Tanzbereich spielt. Die Tänzer_innen tanzen aus dem Rahmen der Schönheitsideale, lassen Körperfett wackeln und wabbeln. Wie ist denn bei Ihnen die Wahl der Tänzer_innen für Körper erfolgt?
 
Für Körper fragte ich 13 Tänzer mit unterschiedlichen Biographien. Im Tanz sprechend wir nicht von Migrationshintergrund, es erscheint uns so natürlich mit Menschen anderer Sprache frei und direkt zu kommunizieren, dass wir daraus kein Manifest schreiben. Aber alle Tänzer sind in unterschiedlichen Kulturen groß geworden und tragen ihre Geschichte in ihren Körpern eingeschrieben. Das interessiert mich. Unterschiedliche Körper, Größen und Sprachen.
Vor allem interessiert mich wie unterschiedlich Tänzer eine Fragestellung bearbeiten. Nicht nur unterschiedliche Körper sondern verschiedene Meinungen, Gedanken und Lösungsmöglichkeiten. Dadurch entsteht ein spannender Prozess der Auseinandersetzung und der inhaltlichen Vertiefung eines Fragenkatalogs.
Es geht also über ein unabhängiges Schönheitsideal hinaus, hin zu der Vision eines Ensembles, einer Gesellschaft mit gemeinsamer Identität aber unterschiedlichen biographischen Ausgangspunkten.
 
In Körper sind 13 Tänzer_innen mit heller Hautfarbe auf der Bühne zu sehen. War dies eine bewusste Auswahl?
 
Es sind Tänzer heller Hautfarbe. Ihre Herkunft ist aus 12 verschiedenen Nationen. 1999 kannte ich keine afrikanischen oder afroamerikanischen Tänzer und es gab kaum afrikanische Tänzer, die sich in den Auditions bewarben. 2007 traf ich Edivaldo Ernesto aus Mozambique und entschied mich mit ihm zu arbeiten. Seitdem habe ich mit vielen Tänzern aus Madagaskar, aus dem Sudan, aus Cuba u.w. Ländern zusammengearbeitet. Ich arbeite aber nicht per se mit Tänzern dunkler Hautfarbe, sondern weil sie mich als Menschen, als Tänzer, als Künstler interessieren.
 
Welche Funktion übernimmt das gesprochene Wort in ihrem Stück Körper ? Dürfen wir dies als Verlängerung des Körpers verstehen, als einen Appendix zu ihm, oder ist es ein Zurückführen auf all das was der Körper an Äußerungsmöglichkeit hat?
 
Die Sprache ist in bestimmten, erzählerischen Momenten wichtig, wird aber auch sehr musikalisch komponiert. Als Künstlerin benutze ich alle Ausdrucksmöglichkeiten, die uns als Menschen zur Verfügung stehen.