16. 12. 2015

Seit seiner Gründung legt das Tanzquartier Wien einen kontinuierlichen Schwerpunkt auf die Verbindung von künstlerischer Praxis und theoretischen Diskursen. Vor diesem Hintergrund und ausgehend von einem transdisziplinären Kunstverständnis schreibt das Tanzquartier Wien für das Jahr 2016 zwei künstlerische Forschungslabore aus. Der Open Call richtet sich an Wiener Künstler_innen und Theoretiker_innen, die für ihr Research-Projekt am Tanzquartier Wien ein Budget in der Höhe von max. 5000,- Euro in Absprache mit dem Haus einplanen und die diskursiven und performativen Ressourcen des Hauses nutzen können. Die Projekte sollen gemeinsam mit dem Tanzquartier Wien weiterentwickelt und abhängig von der Ausrichtung des Forschungsprojektes mögliche Ergebnisse und Arbeitsweisen am Ende in einer Öffnung für das Publikum zugänglich gemacht werden.
 
Für die Bewerbung bitten wir um folgende Unterlagen:
- Projektdarstellung (max. 1 A4-Seite)
- Kurzbiografien der Beteiligten
- vorläufige Budgetaufstellung
 
Durchführung der Projekte: 2016
Bewerbungsschluss: 31. Januar 2016
Benachrichtigung: bis 29. Februar 2016
Die Bewerbung schicken Sie bitte per Mail an Lejla Mehanović (Mediathek):

lmehanovic [at] tqw [dot] at (Tel.:  +43 1 581 35 91-83)
 

16. 12. 2015
 
 
Gala wird zum ersten mal in Österreich von 12. - 15. JAN im Tanzquartier Wien zu sehen sein!
Dieses und weitere sehenswerte Stücke sind auch im »3 aus 5« Abo und noch bis 26. DEZ mit EARLY BIRD BONUS erhältlich!
 
 
Hier spricht Jérôme Bel im Interview mit lesinrocks.com (Transkripiert aus dem Französischen)
 
 
Du hast bei einigen Tanz- und Gesang-Workshops mitgemacht, gemeinsam mit Jeanne Balibar. Das hat bei dir viel ausgelöst. Ab wann und wieso wurde es für dich so wichtig „Gala“ zu machen?
 
JB: Gala ist das Ergebnis einer Arbeit, die auf Jeannes Initiative zurück geht. Sie hatte mir vorgeschlagen, mit ihr einige Workshops in Clichy-sous-Bois, Montfermeil, Seine-Saint-Denis (Vorstädte und Banlieues von Paris) zu betreuen. Wir haben mit Gruppen von Amateurtänzern gearbeitet, das waren ganz unterschiedliche Leute. Die Schwierigkeit bestand für mich darin, einen Rahmen zu finden, wo man trotz all dieser Unterschiede gemeinsam tanzen kann, ohne, dass wer dabei seine jeweilige Eigenart aufgibt. Und wie durch ein Wunder konnte ich dank einer einfachen Formel erreichen, dass jeder, dass jede seinen, ihren eigenen Tanz gemeinsam mit allen anderen tanzt. Das war der Augenblick, wo ich mir vorgenommen habe, etwas zu entwickeln, dass auf den Erfahrungen dieses Experiments aufbaut. Gala hat sich als Titel der Arbeit aufgedrängt, in dem Sinne, dass es sich dabei um eine Aufführung handelt, wo das Tanzen selbst – oder vielmehr der Versuch zu tanzen – zelebriert wird. So wie das bei diesen Galas üblich ist, diesen Tanzturnieren am Jahresende, welche die ersten Tanzaufführungen waren, die ich als Kind erlebt habe. Ich besuche sie nun wieder, seitdem ich selbst Vater geworden bin.
 
Neben den Amateur-Tänzern machen bei dir auch Profis mit. Gibst du denen andere Anweisungen, wenn es überhaupt Anweisungen gibt?
 
JB: Die Profis kamen erst später dazu. Tatsächlich war es so, dass viele der Verantwortlichen im Kulturbetrieb, solche, die das Stück auf ihrer Bühne, auf ihren Festivals zeigen wollten, sofort die Arbeit als „Sozialprojekt“ eingestuft hatten, und das sehr zu meinem Ärger. Nur weil ich mit Amateurtänzern aus Seine-Saint-Denis arbeite, soll unser Projekt nicht künstlerisch sein? Für mich ging es um Kunst und nicht um ein Sozial- oder Kulturprojekt. Ich interessierte mich für diese Leute als Tänzer. Die ganze Arbeit bestand darin, ihren ganz eigenen Tanz zu entdecken, einen Tanz, den manche als zu unwürdig für eine Bühne fanden. Damit war ich natürlich überhaupt nicht einverstanden. Kurzum, um dieser Zuweisung „Sozial“ zu entgehen, hatte ich beschlossen unter die Amateurtänzer auch einige Profis zu mischen, sowohl Tänzer als auch Schauspieler. Da es darum ging, so unterschiedliche Menschen wie nur möglich miteinander tanzen zu lassen, fand ich es ganz passend, dass nun auch einige Profis mitmachten. Somit wurde das Projekt noch ambitionierter, da es nun noch mehr Ebenen gab. Mir wurde die Tatsache bewusst, dass es bei diesem Projekt keine Art von Ausschluss geben darf. Ich musste sichergehen, dass alle gleichgestellt sind. Ich gebe den Tänzern so wenig Anweisungen wie nur möglich. Die Profis haben leider größere Schwierigkeiten mit so was umzugehen, zu sehr haben sie Schulungen und Gewohnheiten entfremdet. Ich versuche ihnen hingegen die Möglichkeit zu geben, sich von ihren Automatismen zu befreien.
 
Du sagst, dass Gala das Stück ist, wo man am meisten tanzt. Wie meinst du das?
 
JB: Es ist zu meiner Freude das erste Mal, dass die Tänzer in einer Arbeit von mir von Anfang bis Ende tanzen.
 
Hast du dir bei dieser Arbeit etwas verboten, zum Beispiel in Bezug auf Virtuosität?
 
JB: Ich verbiete mir in meinen Arbeiten nie etwas. Lieber sterben! Wie ich schon sagte, ich habe Tänzer hinzukommen lassen, von denen einige ein großes Können besitzen. Ihre Virtuosität ist erlaubt, ich würde sogar sagen, dass diese eine neue Ebene erreicht, da ihr in der Vorführung die gleiche Bedeutung zukommt, wie der Ungeschicklichkeit.
 
Du sagst, dass der Tanz hilft, der Welt eine Botschaft zu vermitteln? Welche? Und an wen ist sie gerichtet?
 
JB: Mir scheint, dass der Tanz eines Menschen sehr viel über ihn aussagt. Vor allem wenn dieser Tänzer, diese Tänzerin noch nicht durch eine Tanzausbildung, welche ein echtes Unglück darstellt, zugerichtet worden ist. Das Tanzen, eine heutzutage wenig verbreitete Aktivität, ermöglicht uns eine Erfahrung zu sammeln, bei der Zerbrechlichkeit noch erlaubt ist, bei der man die Kontrolle verliert, nicht alles beherrscht. Dank dieses ungewissen Zustandes kann Unsagbares, Verdrängtes, Uneingestandenes, Unformulierbares sich regen, schließlich ausgedrückt und im Kontext der Vorführung mit den anderen geteilt werden. Des weiteren offenbart das Tanzen etwas über die Kultur des Individuums, ob über die seiner Herkunft oder über die, welche er sich selbst geschaffen hat. Das Tanzen verrät uns auch einiges über die kulturellen Präferenzen, darüber, womit sie oder er sich identifiziert, in welcher getanzten Darstellungsform er oder sie sich am ehesten wiedererkennt, sich wiederentdeckt oder besser, neu erfindet.
Ich glaube, dass das Imaginieren des Tanzes für diese Arbeit wesentlicher ist als seine Ausführung, dass jeder Tanz ein Bericht an die Welt ist, an die Geschichte, an sich selbst und an den anderen. Alle verschieden Tanzformen, die in unsere Kultur eingeschrieben sind, jede Eigentümlichkeit, ist ein unverhofftes Auftauchen eines neuen Tanzes, eines Bezugs zu sich selbst und zur unfassbaren Welt.
 
Du hast in Aubervilliers dem Publikum einen Ausschnitt aus der Arbeit gezeigt. Am Ende hast du die Zuschauer nach ihrer Meinung gefragt. Wozu?
 
JB: Es gibt bei mir einen Augenblick im Schaffensprozess, wo ich den Bezug zum  Wesentlichen verliere und teilweise vergesse wovon ich ausgegangen bin. Ich muss das dann wieder finden und mir bestätigen lassen, eben durch den Blick der Zuschauer, die ihrerseits gerade selbst diese Erfahrung machen müssen. Wenn ich sie dann mit ihnen über die Vorführung sprechen lasse, lasse ich sie all das beschreiben, was ich bei den Proben einige Monate, wenn nicht sogar Jahre zuvor erlebt habe (ich arbeite seit drei Jahren an diesem Projekt) und woran ich mich selbst nicht mehr erinnere. Ich muss auch sehen, ob die Zuschauer die von mir entwickelten Ideen verstehen. Wenn sie dies nicht tun, dann habe ich mich schlecht ausgedrückt. Während ich mit ihnen spreche, komme ich dann drauf, dass dieses oder jenes Element noch fehlt. Falls dem so ist, muss ich nochmal an die Arbeit. Ich habe Marie-José Malis – der Direktorin des Théâtre de la Commune, die uns ganz großartig in Aubervilliers empfangen hat – vorgeschlagen, diese Abende „Arbeitssitzungen mit dem Publikum“ zu nennen. Die Zuschauer sind zentrale Bestandteil meiner künstlerischen Praxis. Sie will ich erreichen. Alles läuft bei ihnen zusammen. Sie sind die Empfänger all jener Kräfte und Energien, die ich vielleicht geschafft habe aufzubringen, um sie zu erreichen, um sie zu verwandeln, um ihnen zu beweisen, dass es andere Möglichkeiten der Existenzgestaltung gibt, dass Kunst dafür da ist, um Lösungen zu finden gegen unsere unbefriedigenden Leben, gegen unsere ungerechte Gesellschaft, gegen die Ungleichheiten, die unsere Lebensfreude zerstört.
 
Du wirst demnächst an der Pariser Oper arbeiten. Entfernst du dich von Gala oder setzt du deine Überlegungen zum Medium Tanz in dieser Arbeit fort?
 
JB: Für das Stück für des Ballett der Pariser Oper habe die Balletttänzerinnen und –tänzer einfach gebeten, sich Tanzpartner zu suchen, mit denen sie sonst niemals auf der Bühne der Pariser Oper tanzen könnten.
 
Du sagst „Ich bin auf meinem Platz“ im Theater. Welcher ist das?
 
JB: Der des Betrachters. Der beste Platz im Theater ist der des Zuschauers. Nur das Theater erlaubt mir besser sehen und somit besser erleben und besser denken zu können. Das Theater gibt einen Rahmen, dessen Kraft darin liegt, ein Gleichgewicht zwischen fühlen und denken zu schaffen. Es ist das dichte Hin und Her zwischen diesen beiden Polen, das so viel ermöglicht.
 

 

01. 12. 2015
SCORES N°10 // Philosophy On Stage #4
Artist Philosophers - Nietzsche et cetera
eine Kooperation von PEEK-Projekt* „Artist Philosophers. Philosophy AS Arts-Based-Research“ und Tanzquartier Wien

Notizen von Theresa Luise Gindlstrasser

DO 26. NOV 2015 - TAG 1


(c) by esel.at

Das Forschungsprojekt „Artist-Philosophers. Philosophy AS Arts-Based-Research“ verspricht fröhliche Wissenschaft. Es kooperieren Arno Böhler von der Universität Wien, Susanne Valerie Granzer vom Max Reinhardt Seminar, Walter Heun vom TQW auf nationaler Ebene und Jens Badura von der Züricher Hochschule der Künste, Laura Cull von der University of Surrey, Alice Lagaay von der Universität Bremen auf internationaler Ebene. Das sind viele Menschen und Institutionen, aber noch lange nicht alle Beteiligten. Was Philosophie und Kunst miteinander anfangen können, wenn sie was miteinander anfangen; dieser Frage geht das Forschungsprojekt nämlich nicht nur in good old wissenschaftlicher Weise nach. „SCORES N°10 // Philosophy On Stage #4“ versucht sich mit der Fröhlichkeit eines viertägigen Festivals an der öffentlichen Auseinandersetzung mit, oder eher: Zusammensetzung von, Kunst und Philosophie. Deswegen stehen im Kübel 72 dunkelrote Rosen, also wegen der vielen Beteiligten, wenn die Eröffnungsreden gesprochen werden.

„Die fröhliche Wissenschaft“: Das ist erstens ein Buchtitel von Friedrich Nietzsche, von welchem Philosophen die Veranstaltung ihren Ausgangspunkt nimmt. Das ist zweitens ein Versprechen einer Zusammenkunft von sowas wie Begierde und der good old Vernunft. Dass nämlich Existenz auch mit Ekstase und nicht nur mit Erkenntnis zu tun hat, darüber hat Nietzsche nicht geschwiegen, sondern viel davon geschrieben. So lautet der Titel der Veranstaltung auch „Artist Philosophers - Nietzsche et cetera“. Gezeigt wurden am heutigen ersten Tag ab 18 Uhr im TQW/Halle G drei Lecture-Performances und zwei Interventionen, wobei sowohl der Nietzsche Bezug als auch die Auffassung vom Wie? einer möglichen Zusammenkunft von Kunst und Philosophie bei allen diesen Programmpunkten stark variierte.

Das sind viele Menschen und Institutionen, da sind aber nämlich auch viele verschiedene Verständnisse von  „Philosophy AS Arts-Based-Research“ möglich. Dem Charakter des Forschungsprojektes entsprechend, geht es wahrscheinlich eher nicht um Produkte eines Denkens, sondern darum, ein in Entstehung begriffenes Denken auftreten zu lassen. Das ist natürlich eine interessante Paradoxie, wenn so etwas im Rahmen eines Forschungsprojektes gewagt wird. Jedenfalls ist die Bühne ein herrlich ephemerer Ort, da sind sich alle einig, so eine Bühne muss also genau ein Ort sein, wo etwas Paradoxes sich vielleicht zeigen kann. Kurz den Vorhang geöffnet, ui, ein ganzes nacktes  „Menschliches, Allzumenschliches“ (wieder Nietzsche Buch-Titel) erblickt.

 
(c) by esel.at

Aber ja, „Philosophy AS Arts-Based-Research“, das kann zum Beispiel so aussehen: Während Dieter Mersch über das Dionysische bei Nietzsche spricht, macht Nicolaus Gansterer intellektuelles Action Painting. Oder so: Drei Körper laufen sehenden Auges in den Käfig. „bodies (with) fences“, eine der beiden Interventionen, will mit diesem Bild an den Gedanken der ewigen Wiederkunft bei Nietzsche anknüpfen. Oder so: Kamal Aljafari, Susanna Valerie Granzer und Sandra Noeth verhandeln, durch Bilder einer zerstörten Stadt untermalt, Geschichten von Grenzen. Oder dann noch so: Während Simone Weissenfels am Flügel Krach und schöne Töne macht, verbreitert sich Rainer Trotzke über die Schwierigkeit eine Performance über Nietzsche zu machen.

Weil, obwohl die Bühne so ein herrlich ephemerer Ort ist, da sind sich noch immer alle einig, ist dieses dort behauptete Als-ob ein ständig bedrohtes. Also da gibt es von der Produktionsseite Perfektionierungsstrategien, also den Versuch der Wiederholbarkeit, und dann gibt es von der Rezeptionsseite die Tendenz am Geschehen nur den Produktcharakter, also die Festgestelltheit des Moments, anzuerkennen. Nicht in diese Mausefalle der traurigen Tragik zu tapsen, ja, das ist schon eine Schwierigkeit. Umso erhellender: Die Lecture-Performance „Nietzsche et cetera. Kant in Analyse“ von Arno Böhler und Susanne Valerie Granzer. Da wird nicht so sehr mit dem Hammer philosophiert (was ein weiterer Buch-Titel wäre), sondern vielmehr die Situation der Bühne ernst genommen. Da liegt nämlich Immanuel Kant bei Lou Andreas-Salomé zur Psychoanalyse auf der Couch und spricht sich aus über diesen Alptraummenschen Nietzsche, der seine heile Welt chaotisiert. Als ob wie wenn!

FR 27. NOV 2015 - TAG 2

 

(c) by esel.at
 
„Ich brauche eure Leiblichkeit“, so Barbara Kraus als ihr Alter Ego als Dionysos während der Intervention „Out there is a field“. Braucht sie nämlich um von der Mitte der Bühnenfläche dorthin zu kommen, wo Krassimira Kruschkova an der Wand sitzt, dorthin zu kommen, ohne den Boden zu berühren. „Ich brauche eure Leiblichkeit“, so bringt Barbara Kraus in aller Flapsigkeit die Veranstaltung auf einen Punkt. Das Was? der Philosophie mit dem Wie? und Wer? zu konfrontieren, das wird hier versucht. Also: Wie ist es mit dem Wie? bei „SCORES N°10 // Philosophy On Stage #4“?

Lange Tage sind das. Am heutige zweiten Tag gabs ab 11:30 Morgenlektüren in den Studios des TQW von und mit den Menschen von Sublin/mes. Unter dem Titel „Nietzsche –, wie?“ (da ist es, das Wort) wurden die Texte der aktuellen Ausgabe des Magazins in einer Collage neu zusammengestellt. Derweilen sitzt das Publikum am Boden, oder zumindest die meisten, weil viele Menschen sind da. Während der Verlesung der Texte gab es Theaterlicht, also Finsternis da, wo das Publikum sitzt und Aufmerksamkeits generierendes Spotlight da, wo die Sprechenden zwischen den Am-Boden-Sitzenden stehen. Das ist kein handelsübliches akademisches Setting. Das ist das Setting einer Performance. Einer Situation also wo handelsüblicherweise andere Regeln gelten als im wissenschaftlichen Diskurs. So ein Publikum will ja verführt werden, will sich verführen lassen auch, jedenfalls gibt es da einen Wunsch nach Erlebnis. Und danach gab es Mittagessen.

 
(c) by esel.at
 
Ab 15:00 ging es dann los wieder in der Halle G. Dort versperrt ein Zaun den einfachen Zugang zum Raum. Nur durch ein Tor kann das Publikum, Mensch nach Mensch (wobei, Zweierreihe funktioniert auch noch), die Veranstaltung betreten. Während der Überschreitung der Schwelle wird ein Photo der jeweiligen Person gemacht, das wenige Sekunden lang auf einem, dem Tor gegenüber platzierten, Bildschirm zu sehen ist. Dann endlich doch reingekommen in die Halle G, herrscht auch dort Finsternis. Auf dem Terassenbau stehen noch immer die dunkelroten Rosen, weiter unten, die Treppe hinab, finden dort, wo sonst die Bühne ist, die meisten der Programmpunkte statt. Auch hier sitzt das Publikum zu größten Teilen am Boden, auch hier passieren viele der Performances zwischen den da so Sitzenden. Wenn der Terassenbau und das Eingangstor größtmögliche Distanz und Hierarchie suggerieren, so verspricht das egalitäre Bühnensetting Augenhöhe.

Unterbrochen von zwei Kaffeepausen geht das Programm bis nach Mitternacht. So also ist es mit dem Wie? bei „SCORES N°10 // Philosophy On Stage #4“.  So also ist das Hier-Sein dort. (Ganz ausdrücklich übrigens hat sich die Intervention „Being Here. There´s no App for That“ von Graham Parkes und Helen Parkes mit den paradoxen Befindungslagen von hier UND dort auseinandergesetzt.)

SA 28. NOV 2015 - TAG 3

 

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Dass „ein Gedanke kommt, wenn er will, und nicht wenn ich will“ und dass; „das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde wider den heiligen Geist“ und also: „Stürzen wir nicht fortwährend?“. Zitate von Nietzsche, die durch ihre regelmäßigen Wiederholungen während der einzelnen Programmpunkte mittlerweile nicht nur zu geflügelte Worten, sondern zu solchen mit riesengroßen Schwingen geworden sind. „Im Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden: Nietzsche hat alles gesagt und das Gegenteil von allem“, hat Giorgio Colli geschrieben. Jedenfalls: „Es denkt“!

Im dunklen Bergwerksbau der Halle G hat sich „SCORES N°10 // Philosophy On Stage #4“ am heutigen dritten Tag in drei Teile geteilt präsentiert. Der erste Teil mit „Interventions / Sounds / Open Forum“ überschrieben. Hier wurde von Alice Lagaay, Jörg Holkenbrink und dem Theater der Versammlung der Universität Bremen gearbeitet. Der verlesene email-Verkehr zwischen Lagaay und Holkenbrink versucht sich an der Frage, was es denn für eine Kunst sein können mit der, oder aus der, oder zu der hin die Philosophie heute werden könne. Später wird Martin Puchner in ähnlichem Anliegen nach „logos today“ fragen. Jedenfalls: Ist „Philosophy AS Arts-Based-Research“ eine besonders textlastige Inszenierung (so gesehen bei „Ecce Homo“ von Corinna Kirchhoff und Wolfgang Michael), oder ist es eine Vorlesung in Bewegung (so gesehen gestern bei „verwickeltes denken“ von Jens Badura)? Wir wissen es noch nicht so genau, aber wofür Lagaay definitiv argumentiert ist, dass ein solcher Versuch nicht einfach in einer einfachen Illustration bzw. einem Reenactement philosophischer Texte in einem anderen Umfeld, also dem der Bühne, sein soll.

Der zweite Teil hieß denn auch „Arts-Based-Philosophy“ und nach einem grandiosen gemeinsam getanzten Sirtaki bei „Nietzsche und Ich. Und Du und das Pferd und die Gruppe.“ von Anna Mendelssohn wo Wissen, das wir alle von der Welt haben, also Wissen von Krise, Chaos und Krieg, erlebbar werden sollte, jedenfalls nach dieser Performance kam Martin Puchner in seinem Vortrag „Socrates on Stage“ wieder auf die Fragen von Lagaay zurück. Allerdings will er sowas wie „Arts-Based-Research“ schon kennen und spricht von den „different fonds of philosophy“. Also genauer, auch Platons dialogische Schreibweise könne als selbstreflexive Dramenkritik aufgefasst werden. Und während alle immerzu beides wollen, formuliert Puchner: „Please mind the gap!“. Nämlich den, der zwischen Philosophie und Kunst besteht, wie auch bei Platon die Vorurteile nicht nur ästhetischer, sondern auch ethischer Natur sind. Und Vorurteile gibt es noch immer viele zwischen diesen Disziplinen, der Versuch mit den beiden zusammenzukommen muss jedoch auch nicht immer glücken.


Eine aber sehr geglückte Lecture-Performance von Milli Bitterli mit dem Titel „Friedrich Bitterli“ wurde im Rahmen des dritten Teils, „Nietzsche et cetera“ gezeigt. Bitterli nimmt hier einen Satz von Nietzsche sehr ernst und also auch wieder nicht mehr ganz so ernst. „Sowenig als möglich sitzen, keinem Gedanken glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung“. Auf den gezeigten Videos tanzt Bitterli dort, wo sonst nicht getanzt wird, in den Wohnzimmern und Gärten von Familien und Freundeskreis. Die Reaktionen der Personen sprechen Bände der Ungewöhnlichkeit. Wie wäre denn das nämlich, diesen Satz so ernst zu nehmen? Bitterli rekurriert in der Musikauswahl auf den romantischen Gestus des Satzes und reinszeniert in der Halle G ihre Versuchsanordnung noch einmal, auf dass am Ende wirklich auch das Publikum tanzt, und also den Satz vollzieht.

SO 29. NOV 2015 - TAG 4

 
(c) by esel.at

Kawumm! Der Bretterbau fällt, und das ist bemerkenswert: auf kalkulierte Art, in sich zusammen. Bei „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ von Peter Stamer und Frank Willens stehen Holzlatten aufeinander gestapelt und bilden ohne Schrauben, Nägel, sonst sowas einen durchlässigen Gefängnisbau. Von dort aus wird der Text gesprochen. Bis dann eben: Kawumm! Weil der Text verhandelt die Arbitrarität von sprachlichen Ausdrücken. Was ist ein Hamburger? Und was ist ein Cappuccino? Und was dann ist ein Wort? Eben: Kawumm! Der Bretterbau fällt in sich zusammen und zeigt in diesem Fall die Paradoxie nochmals. Nämlich dass innerhalb eines Vortrags, eines sprachlichen Ablaufes, der Sprache und der Wahrheit alle Sinnhaftigkeit abgesprochen wird.

Diese vorletzte alle dieser Performances und Interventionen und Lectures bei „SCORES N°10 // Philosophy On Stage #4“ hat am vierten und letzten Tag alles das, was gestern Nacht noch aufgebaut wurde, in sich zusammen fallen lassen. An Tag zwei und drei war jeweils um 23:00 in den Studios „No Pain, No Gain“ vom Kollektiv Philosophy Unbound zu sehen gewesen. Das ganze nietzscheanische Leibes-Gedankengut wurde da in einen Fitnessstudio Kontext gestellt und die Beteiligten zum Schweiß gebracht. Der Übermensch! Der Übermensch!

Nach dem letzten Programmpunkt, mit Nicholas Ofczarek, einem Chor von Studierenden am Max Reinhardt Seminar, Brian Massumi und Erin Manning ging das ganze schöne Festival zu Ende. Und aus.


(c) by esel.at
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Theresa Luise Gindlstrasser
*geboren 1989. Studium Philosophie und Kunstwissenschaft in Linz, außerdem Ausbildung zur Bewegungspädagogin. Jetzt an der Akademie der bildenden Künste und Masterstudium Philosophie in Wien. Freischaffende Journalistin vor allem im Performance- und Theaterbereich [gift, Die deutsche Bühne, nachtkritik, u.a.]. Vorträge, Performances, Texte; oft zum Thema Sprache, Macht, Wucherung.