22. 09. 2016

"Es liegt mir fern, einzelne Politiker zu belehren"

Interview mit Walter Heun, derStandard 21. September 2016

Standard: Das Sujet der neuen Tanzquartier-Werbelinie zeigt über dem Museumsquartier-Zentralgebäude groß den Schriftzug Ihres Hauses. Ist das ein Statement zu der seit Gründung des TQW im Jahr 2001 anhaltenden Debatte, ob da neben Kunsthalle und Halle E + G auch Tanzquartier stehen darf?
 
Heun: Der langersehnte Tanzquartier-Schriftzug an der Fassade der Winterreithalle ist seit zwei Wochen da!
 
Standard: Ein großer Sieg für Sie, oder?
 
Heun: Sagen wir’s so – jetzt wurde das eingelöst, was mir gleich bei meiner Ernennung 2008 versprochen wurde. Was dann kam, hatte die Absurdität eines „Buchbinder Wanninger“ von Karl Valentin und in etwa den Umfang der „Unendlichen Geschichte“. Nach einem Vermittlungsgespräch mit Kontrollbank-Chef Rudolf Scholten und dann auf Einsatz des Stadtratsbüros, also Stadtrat Mailath-Pokorny selbst und vor allem dessen Referent Dieter Boyer, der eine endgültige Version ausgehandelt hat, war es möglich den Schriftzug auf den Sims zu bekommen. Dafür bin ich dankbar.
 
Standard: 2009 sind Sie mit dem auf die Publikumsstruktur gemünzten Slogan „Wir erweitern den Kreis“ angetreten. Ist das gelungen?
 
Heun: Ja, schon. Wir haben mit verschiedenen Institutionen Kooperationen aufgezogen: dem Mumok, dem Leopold Museum, der TBA 21 oder der Tate Modern zum Beispiel. Publikumsstatistiken sind ja geduldig. Ich habe immer versucht, einen moderaten Umgang damit zu pflegen. Auslastungszahlen sind problematisch, weil es natürlich immer eine Frage von veranstalterischem Geschick ist, wie solche Zahlen aussehen.
 
Standard: Wie war die Auslastung des Tanzquartiers in der vergangenen Saison?
 
Heun: In der letzten Spielzeit hatten wir in 66 von 115 Vorstellungen eine hundertprozentige Auslastung, insgesamt waren 53.057 Besucher_innen da, und wir hatten eine Auslastung von 88 Prozent. Für mich war wichtig, dass wir ein offenes, fluktuierendes Publikum haben, verschiedene Publikumskreise erreichen und nicht nur für eine Community spielen. Das Tanzquartier hatte sich in der Stadt und international als Hardcore-Theoriehaus etabliert. Ich habe versucht, das Haus auf verschiedenen Ebenen unterschiedlich differenziert und lokal eben niederschwelliger zu kommunizieren und trotzdem die Linie zu verfolgen.
 
Standard: Könnten Sie diese Linie beschreiben?
 
Heun: Für mich war immer wichtig, die Positionierung des Tanzquartier Wien als den Ort in Europa fortzuführen, an dem künstlerische Forschung und Theorie betrieben wird, aber ihn auch neu als einen Ort der gesellschaftspolitischen Diskussion zu etablieren. Wir fragen: Wie ist Zusammenleben denkbar? Künstler_innen aus nichteuropäischen Regionen führen wir ein, ohne dass man sagt: „Jetzt schau ich mir mal ,das Fremde‘ an.“ Jetzt wird es noch einmal einen großen Fokus mit Künstler_innen vornehmlich aus dem arabischen Raum geben, in dem wir bündeln, was wir hier über die Jahre aufgebaut haben – in einer veränderten Ausgabe unseres Scores-Formats an zwei November-Wochenenden, also eher wie ein Festival.
 
Standard: Wie hat sich der zeitgenössische Tanz verändert, seit Sie das Tanzquartier übernommen haben?
 
Heun: Es ist immer schwierig zu verallgemeinern. Wir haben versucht mit den Künstler_innen weiterzuarbeiten, die das Haus in den acht Jahren vor meiner Intendanz mitgeprägt haben. Aber auch eine neue Generation aufzubauen. Uns ist  klargeworden, dass es einzelne Künstler gab, die dem Tanzquartier in seiner Dimension entwachsen sind. Zum Beispiel Boris Charmatz...
 
Standard: ...also eine finanzielle Frage?
 
Heun: Einerseits ja, wir können es uns gar nicht leisten, solche Künstler adäquat zu koproduzieren. Wir haben uns dann eher auf die spannende Generation danach konzentriert und diese jahrelang mit aufgebaut und international positioniert. Also statt Xavier Le Roy eher Eszter Salamon koproduziert, statt Charmatz eher Mette Ingvartsen. Auch Ian Kaler, den Bettina Kogler als erste bei Imagetanz gezeigt hat, Jefta van Dinther, Laurent Chetouane und Noé Soulier wurden durch uns eng begleitet. Amanda Piña & Daniel Zimmermann oder Deutinger & Navaridas und andere hiesige Künstler_innen vernetzten wir international – auch durch unsere Fördermodelle.
 
Standard: Wie steht die österreichische Tanzszene international da?
 
Heun: Mit einem Satz: Die österreichische Tanz- und Performanceszene ist, insgesamt international betrachtet, auf herausragendem Niveau – darunter Chris Haring, Philipp Gehmacher, Superamas, Milli Bitterli, Claudia Bosse, toxic dreams, Anna Mendelssohn und die vorher genannten. Die Künstler_innen hier waren diskursiv immer schon auf der Höhe der Zeit oder auch ein Stück weit voraus. Aber sie verstehen es heute noch einmal anders, ihr Denken in künstlerische Arbeiten umzusetzen. Ian Kaler war zum Beispiel letztens das Ereignis bei der Tanzplattform Deutschland.
 
Standard: Hätten Sie einen Ratschlag für die österreichische Kulturpolitik?
 
Heun: Es liegt mir fern einzelne Politiker zu belehren. Kulturpolitik sollte prinzipiell Rahmenbedingungen schaffen, innerhalb derer die Akteure erschließen können, wie ihre Arbeit qualitativ bemessen wird. Das heißt, ein klares System und eine Bewertungsgrundlage sind wichtig. Ebenso sollte sie nicht nur die Rahmenbedingungen definieren, sondern auch Möglichkeiten erweitern. Und dann, ganz wichtig: Transparenz der Entscheidungsprozesse.
 
Standard: Dem Tanzquartier ist ein Kuratorium vorgeschaltet. Aus welchen Personen besteht es derzeit?
 
Heun: Paradoxerweise weiß ich das gar nicht. Es gab wohl eine Restrukturierung, und ich bin noch nicht informiert, wer da jetzt neu drin ist.
 
Standard: Der Intendant eines Hauses darf dessen Kuratorium nicht kennen?
 
Heun: Das Kuratorium vorher kannte ich. Jetzt wurde es von der Stadt und der IG ausverhandelt, es soll wohl von fünf auf drei Personen reduziert werden. Insgesamt ist es hilfreich, wenn das Kuratorium auch Vorstellungen anschaut, sage ich mal dazu. Das Tanzquartier ist das einzige Haus der Theaterreform, das so ein Kuratorium hat. Es wäre gut, dieses System zu vereinheitlichen. Entweder haben alle so etwas oder man lässt das ganz.
 
Standard: Das Kuratorium schlägt Kandidaten für die Leitung vor. Welche Verantwortung hat es dabei?
 
Heun: Die Aufmerksamkeit der internationalen Welt der Performance, des Tanzes und auch des Theaters gegenüber dem Tanzquartier ist enorm. Allgemein sind Wechsel in der Leitung richtig. Aber ich bin der Meinung, dass so ein Haus jemand leiten muss, der nicht selbst Künstler ist. Eine der Aufnahmebedingungen für das European Dancehouse Network - EDN ist eine unhabhängige künstlerische Programmierung und nicht eine Situation, in der ein Künstler die eigenen Arbeiten produziert und dann auch noch Programm macht.
 
Standard: Worauf freut sich Walter Heun ab Juli 2017?
 
Heun: Zunächst werde ich wohl mein wunderbares Team sehr vermissen. Ich habe während meiner Tanzquartier-Intendanz dankenswerterweise auch meine Aufgaben mit JOINT ADVENTURES in München – z.B. das Nationale Performance Netz und die Tanzwerkstatt Europa – weitermachen können. Daneben freue ich mich auf mehr Zeit, und ich freue mich auf mein weiteres Leben hier in Wien zusammen mit einer wunderbaren Frau, die ich hier kennengelernt habe.
Ich habe also Wien einiges zu verdanken.
20. 09. 2016

Programmvorstellung durch Künstlerischen Leiter Walter Heun, Dramaturgin Gabrielle Cram und Leitung der Theorie Krassimira Kruschkova in TQW / Studios.