Traveling towards desires

Deborah Hazler über Rakete 1 - Lau Lukkarila, Ulduz Ahmadzadeh und Hannah De Meyer
 
© Dries Seger 
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Ulduz Ahmadzadeh © Peter Rauchecker 
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Lau Lukkarila © Vik Bayer 
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© Dries Seger 
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Deborah Hazler über Rakete 1 - Lau Lukkarila, Ulduz Ahmadzadeh und Hannah De Meyer

Der erste Abend von Rakete im Tanzquartier Wien nimmt mich mit auf eine Reise mit drei Stationen. Ich bin nicht sicher, wohin die Reise geht oder was ich sehen werde, da ich wie üblich keine konkreten Reisevorbereitungen getroffen habe, abgesehen davon, dass ich pünktlich erschienen bin, um mein Ticket abzuholen.

Ich bin meistens zu Beginn einer Reise am aufmerksamsten. Mein Geist ist wach, und da ich gebeten wurde, über diesen Abend zu schreiben, versuche ich, auf jedes Detail so genau wie möglich zu achten.

 

Station 1: Lau Lukkarila – Trouble

Vor dem Beginn von Trouble sagt eine Frau hinter mir zu ihrer Begleitung: „Das ist eine Tanzvorstellung.“ Und schon ist der Satz notiert – als Beweis, dass ich tatsächlich genau aufpasse.

Ein weißer Tanzboden ist ausgelegt, von dem ein ziemlich starker Geruch nach Plastik ausgeht. Wahrscheinlich wird der Boden nicht oft benutzt.
Ein oranges Hemd an der Wand, ein oranges Handtuch auf dem Fensterbrett und zwei größere mit orangem Stoff bezogene Geräte.
„Orange is the new black.“ Oder: Orange ist „die Farbe des Abenteuers und der sozialen Kommunikation“ (nicht verifizierte Information, die ich auf der Website www.empower-yourself-with-color-psychology.com gefunden habe).

Die Zuschauer*innen kommen zur Ruhe, die Tür öffnet sich, und eine mit einem schwarzen Hoodie bekleidete Gestalt (Lau Lukkarila) betritt die Bühne, ein oranges Zelt unterm Arm.
Ich war noch nie campen, und mir gefallen die Beine.

Die Kapuzengestalt schüttelt das Zelt zu einer Musik, zu der ich auch ein Zelt schütteln könnte, obwohl ich noch nie campen war und nicht solche Beine habe wie sie. Der Sound und die Gesten sind aggressiv und gleichzeitig sehr anziehend.

„I got the poison, I got the remedy“, und der Beat und die Form ziehen mich in ihren Bann.

Dann geht es mit der Sprache los; einer Sprache, die sich wiederholt und verlagert, einer Sprache, die „one, two, three …“ fragt:
„Wer will ein Körnchen in der durchschnittlichen Kultur der Mittelschicht sein?“

Durchschnitt. Mittelschicht. Ausgrenzung. Die ersten Fragen tauchen auf: Wie sieht die durchschnittliche Mittelschicht derzeit eigentlich aus? Wie hat sich die durchschnittliche Mittelschicht möglicherweise verändert? Wer entscheidet über Ausgrenzung? Wird Ausgrenzung irgendwann zum Durchschnitt? Ist das alles davon abhängig, von welcher Perspektive aus man es betrachtet? Es scheint, dass das bei Amazon gekaufte orange 23-Euro-Zelt nicht in die Mitte (des Raums) gehört, wie Lau anmerkt, aber dennoch ist es weit davon entfernt, an den Rand gedrängt zu werden. Die Schuhe von Sports Direct, ebenfalls ein fragwürdiges Unternehmen, werden auch erwähnt, obwohl es anscheinend in Ordnung ist, dass sie dort sind, wo sie sind – nämlich an Laus Füßen.

Ein Reinigungsmittel der Marke „Denkmit“ wird über den Boden verschüttet und anschließend mit dem orangen Handtuch aufgewischt. Dieses feuchte Handtuch wird dann von Lau dazu verwendet, den eigenen Körper zu schlagen, und ich stelle fest, dass dadurch auch meine für Lust und Schmerz zuständigen Nerven getroffen werden. Die Erinnerung und das Verlangen, diese aufregenden Empfindungen am eigenen Leib zu spüren, sind ziemlich stark. Mein Verlangen, einen sinnlichen Schmerz zu fühlen, wächst, während ich das Video von Lau mit der Tattookünstlerin anschaue. Ich beneide sie um das lustvolle Vergnügen, ihren Rollen entsprechend Schmerz zu bereiten bzw. zu empfangen und das in Form von Videokunst darzustellen.

Ich beende diese Station mit Gedanken darüber, wie viel Schmerz mir Genuss bereitet, welche Art von Schmerz mich anturnt, nach welcher Art von Schmerz sich mein Körper sehnt und ob diese Formen der Erregung und des Verlangens in der durchschnittlichen weißen Mittelschichtkultur Platz haben.

 

Station 2: Ulduz Ahmadzadeh/tanz.labor.labyrinth – Under Cover

Ich betrete den nächsten weißen Raum, angefüllt mit diversen Gegenständen: eine an die Rückwand gelehnte weiße Rampe; ein Kleiderständer mit Gewand und Kostümen; ein Overheadprojektor; ein elektrischer Wasserkocher und Teegläser; mit unterschiedlichen Dingen gefüllte Glasbehälter, die an Seilen befestigt sind, mit denen sie vom Boden hochgezogen werden können.

Zu Beginn betritt Ulduz die Bühne mit einem Tablett und serviert einigen Leuten im Publikum Tee. Nach einem Blick auf die Gläser vermute ich, dass es türkischer schwarzer Tee ist. Später lese ich allerdings, dass Ulduz aus dem Iran stammt, und weiß daher nicht, woher der Tee kommt und ob das überhaupt relevant ist.
Sie ist schwanger. Sie tanzt zu Musik, die ich als „orientalisch“ bezeichnen würde. Sie hält zwei Gläser in den Händen. Sie zerbricht ein Glas in der Hand. Sie kocht Wasser mit geöffnetem Deckel, und nachdem das Wasser fertig gekocht ist, schließt sie den Deckel.
Sie nimmt ihre langen, unechten Zöpfe ab.
Sie projiziert die Teeblätter auf die Rampe und die Wand. Sie gießt kochendes Wasser über die Blätter. Sie gießt S-Budget-Obers über das Wasser und die Blätter.
Der Raum beginnt zu vibrieren.
Sie steigt auf die Rampe. Die Wände beginnen zu vibrieren.
Sie zieht ihr Hemd aus und hält zwei Finger hoch.
Sie bewegt ihren schwangeren Bauch mit den Händen.
Ihre Gesten simulieren ein Maschinengewehr.
Sie bedeckt ihre Augen mit ihren Haaren;
lange Haare, transformative Haare.

Es ist sichtlich ein Verlangen in ihrem Körper, wie sie so auf der Rampe liegt, die Beine gespreizt, mit hervorstehendem Bauch und sanften Auf- und Abbewegungen. Oder vielleicht ist es ein Verlangen in meinem Körper, das ich auf sie projiziere.

Ein fliegender, schwebender Fisch taucht im Raum auf. (Ein fliegender, schwebender Fisch, der gegen Dinge stößt, zieht immer meine Aufmerksamkeit auf sich.) Er glitzert im Licht, und die Rückenflosse bewegt sich hin und her.

Die bereits geschaffene Welt ist dadurch noch geheimnisvoller geworden.

Kulturell aufgeladene Objekte (Granatäpfel, Fleisch am Knochen, lebende Fliegen u. a.) wurden in Glasbehälter gefüllt und hängen von der Decke. Sie schwingen wie angestupste Pendel.

Sie verlässt den Raum.
Ein installationsartiges Setting mit drei Videobildschirmen markiert das Ende der Reise.
Im Gehen denke ich über Liebe, Verlangen und Kriegerinnen nach.

 

Station 3: Hannah De Meyer – new skin

Das ist die letzte Station des Abends.

Der Raum ist leer, bis auf den weißen Boden und schwarze Vorhänge. Eine Stimme taucht im Raum auf, fragt, wie wir uns fühlen, fragt nach unserem Befinden, ob wir uns ängstlich oder froh und glücklich fühlen. Ich denke immer, dass ich die einzige Person bin, die ständig ängstlich ist, deshalb freut es mich, dass dieses Gefühl zur Auswahl gestellt wird.

Die Stimme – es ist eine Frauenstimme – sagt uns, dass wir gemeinsam ein Lied hören werden, und zählt vor allem Frauen auf, denen sie es widmet, darunter Ursula Le Guin und Donna Haraway.

Dann betritt sie die Bühne, bewegt sich wie eine Kreatur und schnalzt mit der Zunge gegen den Gaumen. In diesem Moment braucht sie keine Worte zum Kommunizieren.

Als sie dann aber welche benutzt, tragen sie mich davon in ein Museum, in die Erde, in den Leib ihrer Mutter, und mir wird klar, dass ich ihr folgen werde, wohin auch immer sie vorschlägt, dass ich gehen soll. Ich spüre ein Verlangen nach ihrer beruhigenden Stimme und den Geschichten, die sie erzählt, nach ihren sich sanft bewegenden Füßen und ihren zarten Gesten, die mich immer wieder mit einer Drehung oder Wendung oder einer lauteren Bewegung überraschen. Sie kommt aus einer anderen Zeit und von einem anderen Ort, und doch ist sie hier, eine menschliche Kreatur, die die Welt betrachtet und ihre Anschauungsweise mit mir teilt.

Das erinnert mich an die Bedeutung der Vorstellungskraft, und ich bin wie hypnotisiert und zu Tränen gerührt, während ihr Körper in Wellen spricht. Ich denke an Donna Haraways „Story Telling for earthly Survival“ und an das Potenzial unserer Vorstellungskraft, die Welt zu verändern.

Ich sehe alles, wovon sie mir erzählt, ich bin dabei bei jeder Begegnung und Erinnerung, obwohl der Raum, abgesehen von ihrem Körper, leer ist.
Ihre Großmutter sagt ihr, dass sie loslassen soll.
Sie sagt ihrer Großmutter, dass sie loslassen soll.
Sie fragt: „Wie spricht es zu dir, dieses brennende Herz?“
Sie wird von einem Lover gefragt, was sie will.
Ihre Antwort lässt mir einen Schauer über den Rücken fahren: „Als Frau geboren zu werden mit einem Mund, der sich äußert.“

Hier endet meine Reise. Beim Verlassen der TQW Studios fühle ich mich ermutigt und voller Sehnsucht: danach, mich Momenten des selbst zugefügten Schmerzes hinzugeben, mehr Donna Haraway und Ursula Le Guin zu lesen, mich in einem Studio mit meinem eigenen Körper und meinen eigenen Gedanken zu beschäftigen und zu experimentieren … zu denken, mich in Gedanken zu verlieren, meinen Körper zu teilen, meine Gedanken zu teilen, meine Meinung zu sagen.

 

 

Deborah Hazler ist Tänzerin und Choreografin und lebt in Wien. Sie entwickelt eigene Stücke und arbeitet für andere. Sie ist Mitbegründerin von RAW MATTERS, einer Plattform, die Performancekünstler*innen beim Präsentieren ihrer Arbeiten bzw. Arbeitsprozesse unterstützt. Derzeit studiert sie textil·kunst·design an der Kunstuniversität Linz. Sie wird sehen, daraus wird.

 

 

 

 

 

 

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