Jede Sekunde, jede Zelle

Imani Rameses im Gespräch mit Deborah Hay über Animals on the Beach & my choreographed body … revisited
 
Deborah Hay: Animals on the Beach © Camille Blake
Imani Rameses im Gespräch mit Deborah Hay über Animals on the Beach & my choreographed body … revisited

„On.“ Der weiße Kubus trifft unvermittelt auf das schwache Klopfen des Beginnens: Deborah Hay.

Meine Wahrnehmung verfängt sich augenblicklich in einer Unwahrheit, denn ihre Bewegung war bereits aufgebrochen und in Vorbereitung auf einen erneuten Aufbruch zurückgekehrt. Während sie mithilfe ihrer Zehen ihre Hüften zurückzuzieht, beeile ich mich, sie mit einem optischen Sprint einzuholen, wobei ich – erzähltechnisch naiv – hinterherhinke mit meiner Vermutung, dass wir uns in einer Geschichte bzw. auf einer Reise befinden. Nach 50 Jahren Praxis – ihrer Zusammenarbeit mit Merce Cunningham und der Gründung des mittlerweile legendären Judson Dance Theaters und später mit ihrer Tanzkompanie in Austin, Texas – weiß Hay, dass Wissen nirgendwo hinführt. Als Alternative bietet sie viel Raum im Ephemeren. Zu Beginn ihres Solos my choreographed body … revisited fordert Hay ihr Publikum unverzüglich auf, sich der Widersprüchlichkeiten des Verbs sehen bewusst zu werdenunserer Annahme, dass etwas getan werden muss, damit etwas gesehen werden kann. Hays Betreten der Bühne war eine Leibhaftigwerdung dessen, was sie zuvor in unserem Gespräch beschrieben hatte:

 

Imani Rameses: Wo stehst du heute/Wo findest du dich heute wieder?

Deborah Hay: Wo ich heute stehe, hat etwas mit erkennen zu tun, wirklich sehen zu können, wie sich meine Arbeit weiterentwickelt und wie wichtig das für mich ist. Und Einblicke in den Entwicklungsprozess zu bekommen, in dem ich mich heute als Künstlerin, als Choreografin und Performerin befinde – was mich betrifft, was mich betrifft, bin ich daran interessiert, Tanz als Musik zu lesen, und damit meine ich nicht „Musik“. Ich meine, dass [der Tanz] für sich steht, dass er keine Handlung braucht, nicht mehr sein muss als einfach nur das, was er ist …

 

In dem Moment, als Hay auf die weiße Leinwand trifft, verankert sich ein „Wir“. Gemeinsam, Hay und ihr Publikum, in jedem einzelnen Augenblick – niemand wird dabei zurückgelassen. Trotzdem befinde ich mich am Ende in einem unschlüssigen Taumel. Ein noch nie da gewesenes Sein: Das Gefühl ist unfassbar, alles ist alles andere und alles geschieht fortwährend. Dieses Ausmaß an untrüglicher Verwundbarkeit ist erschreckend. Hay murmelt vor sich hin und durchbricht meine stille Panik mit kaum vernehmbarem, feierlich anmutendem Gesang. Sie liegt auf dem Rücken. Auf die Unterarme gestützt, schaut sie auf ihre puderrosa Schuhe herab … Ich kichere. Mir scheint, dass ich gerade erlebe, worüber Hay in unserer Unterhaltung gesprochen hat:

R: Du hast eine Theorie der „Kontinuität der Kontinuität, Diskontinuität der Kontinuität, Kontinuität der Diskontinuität“, und ich versuche immer noch nachzuvollziehen, was du damit meinst …

H: Du verstehst die „Kontinuität der Kontinuität“[1] …?

R: Ja, vor allem als Tänzerin mit Ballettausbildung …

H: Ja, okay. „Diskontinuität der Kontinuität“ ist, wenn du anfängst, auf eigene Faust den Dingen auf den Grund zu gehen und zu experimentieren, Entscheidungen zu treffen, die Kontinuität zu unterbrechen und ihr zu widersprechen. Aber dann kommst du in einen Zustand der „Kontinuität der Diskontinuität“ [grinst] – wenn du dir des zellulären Körpers[2] bewusst wirst. Die Kontinuität wahrzunehmen, dass der zelluläre Körper das Potenzial hat, sich einzulassen und so weiter. Das tatsächlich zu erleben ist so befreiend. Aber es ist keine Improvisation, es ist nicht … es ist wie … es ist … ES IST EINFACH NUR! [Beide lachen.] Ich denke, es geht um Unschuld, darum, wirklich augenblicklich zu sein. Wenn ich mich darin übe, vom Universum unterstützt zu werden … das war mein letztes wirklich großes Aha-Erlebnis: Wenn ich das Wort „Universum“ verwende, kann ich es nicht wirklich erfassen und das ist so genial für mich! Ich kann es nicht genau bestimmen und deshalb drehe ich meinen verdammten Kopf (I turn my f^*king head)[3], weil ich an einer bestimmten Art der Unterstützung vom Universum festhalte, und ich drehe meinen verdammten Kopf (I turn my f^*king head), und das finde ich so erfrischend.[4]

 

Hay choreografiert nicht nur in eine Richtung, die es dem Publikum erlauben würde, von der Performerin einfach nur zu nehmen. Vielmehr bekommen wir alle eine Aufgabe zugeteilt. Mit Bravour und Anmut spannt Hay ihr Publikum ein: Ich sitze da, in einem Zustand wachsamer Inaktivität, und rücke an den Rand meines Sitzes. Mir fällt auf, dass meine Schneidezähne an meinem Stift knabbern, und mit blinzelnden Augen lege ich meinen Stift wieder in mein Notizbuch – ich arbeite. Mich/Mein Selbst zu unterbrechen erfordert Arbeit. Während ich mich entzückt der Erfahrung des Metaphänomens vom Wahrnehmen meines Wahrnehmens hingab, hatte Hay die Bühne verlassen. Ich blieb aber mit meinem neu choreografierten Körper noch eine Weile auf der Bühne und erkannte seine Konditionierung aktiv an.

Ja, ein paar Zeilen eines absurden Liedes klangen noch nach, als die Tänzer*innen in nüchternen schwarzen Kostümen zu Beginn von Animals on the Beach gedämpften Schrittes mit Zehen, Ballen, Fersen synchron die Bühne betraten. Unverzüglich versuchten meine Augen, eine Partitur zu erhaschen, versagten allerdings prompt; wie Hay ließen die Tänzer*innen ein Bewegungsmuster im selben Moment hinter sich, in dem es entstanden war. Das ist der „Flow“, von dem Hay gesprochen hatte:

R: Du hast einmal gesagt: „Ich erkenne meine Choreografie, wenn ich sehe, wie die Tänzer*innen aus eigenem Antrieb über das Choreografiert-Sein durch ihr Leben auf dieser Welt hinauswachsen.“ Wie erkennst du das? Kannst du ein Beispiel dafür geben, wie du solche Eindrücke im Zusammenhang mit Animals on the Beach wahrnimmst?

H: Ich sehe, dass sie sich nicht wie gewohnt bewegen. Ich sehe, dass sie sich nicht willentlich bewegen – nicht im „Flow“. Dass sie sich nicht willentlich, aber trotzdem im „Flow“ bewegen. Manchmal gibt es einen „Flow“. Aber ich sehe, dass sie immer bewusst wahrnehmen, wo sie sind, und wieder begeistert davon sind, was möglich ist.

R: Ein bisschen wie jede Sekunde eine Art Reinkarnation …

H: Ja. Ich kann das wirklich deutlich sehen. Ich kann sehen, wenn eine Gewohnheit oder ein Muster oder ein Verhalten eintritt. Und bis zu einem gewissen Grad ist das immer da, aber ich sehe die Entscheidung, nicht darin verharren zu wollen. Solange sie es zur Kenntnis nehmen, ist es in Ordnung. Solange sie sich dessen bewusst sind, können sie es in etwas anderes verwandeln, ohne etwas anders zu machen, nur [zur Kenntnis nehmen], wie sie [die Bewegung] wahrnehmen oder mit ihr umgehen.

 

Ich verharre zwischen dem Ein- und Ausatmen von allem und nichts und gebe mich der Sachlichkeit hin. Jede*r Tänzer*in durchforstet seine*ihre individuellen Enzyklopädien, darauf bedacht, zwischen Ausdruckszusammenhängen zu bleiben – wer müssen die Tänzer*innen sein? Niemand. Was müssen die Tänzer*innen tun? Nichts. Nichts, das ich wahrnehmen kann – sie bewegen sich mittels subatomarer Entscheidungen. Jede Bewegung erstirbt in ihrer eigenen Benennung, aber haben wir es bemerkt? Oh. Eine Pause, als sie alle ihre Finger an den rechten Mundwinkel legen. Auch ich frage mich, warum das Sein sich so unerträglich anfühlt. Oh, wie sehr mich meine Gewohnheiten doch zu etwas „Realem“ gemacht haben. Ich weiß es. Du weißt es. Wir haben es zu wissen. Aber Hay interessiert sich nicht dafür, was wir zu wissen glauben:

R: Es gibt ein Zitat aus deinem Buch „My Body, The Buddhist“[5], in dem es heißt: „Ich stelle mir vor, dass jede Zelle in meinem Körper das Potenzial hat, in jedem Moment Weisheit zu erkennen, ohne eine Position dazu einzunehmen, was Weisheit ist oder wie sie aussieht.“ In meiner aktuellen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Selbst tue ich mir so schwer damit, keine Position einzunehmen. Also wollte ich dich fragen: Wie schaffst du es, keine Position einzunehmen, wenn du dich damit auseinandersetzt, ob deine Perspektive dein „duigstes“ Du ist?

H: Weil es kein „ichigstes“ Ich gibt. Es ist jede Zelle im Körper. Ich bin frei von dem „ichigsten“ Ich. Und ich schaffe es nicht! Es ist unmöglich. Dass ich weiterarbeiten kann, liegt daran, dass ich keine Deborah Hay habe, die mein „ichigstes“ Ich ist. Ich habe einen zellulären Körper. Ich nutze das gesamte Potenzial meines zellulären Körpers. Und das befreit mich von einem „ichigsten“ Ich.

 

Der Körper der letzten Tänzerin auf der Bühne, gebeugt und von der gedimmten ätherischen Beleuchtung getragen, flüsterte ein Ende. Meine Hände klatschten Beifall und verlautbarten mit jedem Aufeinandertreffen und jedem Auseinandergehen ihre Anwesenheit – ich sah. Keine kulminierende Auflösung, keine mit Eigenschaften ausgestatteten Figuren. Vielmehr verharrte ich in einer empathischen Auseinandersetzung mit mir selbst, fortwährend an jede meiner Beziehungen gebunden und von ihr entbunden: mein Körper, der Sitzplatz, der Boden, die Tanzkollegin links von mir, das Publikum, das Tanzquartier, Wien, Europa, die Luft, die Schwerkraft, die Erde, das Sonnensystem, das Universum … Sollte ich mich so fühlen? Ein Gefühl, dass alles zugleich ist? Ich stelle mir vor, dass das Fragen sind, die Hay mit einem zellulären Bewusstsein untersucht – ein unmögliches Unterfangen: zeitlebens Deborah Hays Spezialgebiet.

 

[1] „Eine Kontinuität der Kontinuität ist, wie für die Glücklichen unter uns das Leben beginnt. Wir haben Hunger, wir werden gefüttert. Wir haben Durst und wir trinken. Wir haben das Bedürfnis, gehalten zu werden und werden von unserer Mutter in den Arm genommen. Wir möchten tanzen und Fred und Ginger oder Hip-Hop oder B-Boys machen es uns vor. Und es gibt Ballett. Wenn wir anders tanzen möchten, können wir modernen Tanzlehrenden nacheifern. Ein weiteres Beispiel für eine Kontinuität der Kontinuität ist eine persönliche Erfahrung von Symmetrie.“ Deborah Hay, Using the Sky: A Dance, Wesleyan University Press (2019).
[2] Der zelluläre Körper kann als eine nichtlineare, diskontinuierliche und dennoch intelligente Einheit beschrieben werden – eine Einheit, die in einer nicht fassbaren Beziehung zu sich selbst bleibt und das gesamte Dasein in sich einschließt.
[3] „Turn your f^*king head“ („Dreh deinen verdammten Kopf“) ist eine von Deborah Hay geprägte Phrase. Den Kopf drehen bedeutet hier, das Bewusstsein von Neuem darauf zu richten, womit man*frau sich gerade beschäftigt. Vgl. Using the Sky.
[4] Deborah Hay verwendet diese dreiteilige Theorie, um die Entwicklung ihrer Tanzpraxis zu beschreiben. Jeder Teil stellt einen entscheidenden Schritt im Prozess des Verlernens dar: lernen, sich zu bewegen, ohne vom erlernten Verhalten bestimmt zu sein. Vgl. Using the Sky.
[5] Deborah Hay, My Body, The Buddhist, Wesleyan University Press (2000).

 

Imani Rameses ist Tänzerin, Choreografin und Kognitionswissenschafterin. Sie ist in den Grenzräumen zwischen explizitem und implizitem Wissen tätig. Sie hat sich der nicht in Worte zu fassenden Suche nach dem Selbst verschrieben und verbindet Wissenschaft und Kunst zu einer Einheit, um ephemere Erörterungen darzulegen.

 
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