Als Kinder sind wir alle queer

Verena Kettner über Codomestication von Krõõt Juurak & Alex Bailey

 
Verena Kettner über Codomestication von Krõõt Juurak & Alex Bailey

Wenn ich im Zusammenhang mit Performance, Theater oder Ausstellung an Kinder denke, kommen mir sofort die gängigen Assoziationen in den Sinn: Kinder haben da nichts zu suchen, weil sie sich nicht angemessen verhalten, laut und störend sind. Als Akteur*innen auf Bühnen haben sie sogar noch weniger verloren, es sei denn eventuell im Kindertheater oder bei Schulaufführungen, wenn die stolzen Eltern das einzige Publikum sind. Die Performance von Albert Juurak-Bailey und seinen Eltern führt den Zuschauenden vor Augen, dass diese Klischees falscher nicht sein könnten.

Dass ich den dreijährigen Albert an erster Stelle der Akteur*innen nenne, ist kein Zufall: Er ist ganz klar der Star der Show. Albert gibt die Richtung vor, in die sich das Stück entwickelt, seine Eltern setzen zwar die Rahmenbedingungen, wirken innerhalb der Aufführung aber mehr wie Instrumente, mit denen Albert die Performance bespielt. Beim Zuschauen komme ich nicht umhin, mich zu fragen, wo in der Aufführung Plan und Spontaneität ineinanderfließen, was davon vorher als Konzept entworfen wurde und was sich einfach vor Ort aus der gemeinsamen Dynamik heraus jedes Mal anders gestaltet. Sind Krõõt und Alex ebenso gespannt wie das Publikum, was als Nächstes passieren wird? Die beiden bringen zwar Vorschläge und Angebote ein, vor allem aber reagieren auf die Einfälle ihres Sohnes. Wenn Albert eine Grimasse zieht, ziehen sie auch Grimassen, wenn er auf Knien über den Boden rutscht, rutschen sie auch auf Knien über den Boden, und wenn er von Krõõt im Spinnengang zu Zischgeräuschen über die Bühne getragen werden will, dann tut sie das.

Krõõt und Alex schreiben über ihre Performance, dass sie Albert nicht nur deshalb miteinbeziehen, weil sie finden, dass Kinder gesellschaftlich mehr integriert werden sollten, sondern auch weil die kindliche Kreativität sie selbst inspiriert. Die Performance zeigt das auch ganz deutlich. Andere Formen künstlerischen Arbeitens mit Kind(-ern) sind wahrscheinlich nicht so einfach und, wie die drei beweisen, aus einer kreativen Perspektive gar nicht erstrebenswert: Durch ihre Strategie werden für uns als selbstverständlich wahrgenommene gesellschaftliche Konzepte wie Raum und Zeit aufgebrochen, und es entstehen völlig andere Möglichkeiten des Ausdrucks. Die Aufführung folgt keiner strengen linearen Zeitlichkeit, es gibt keine Einleitung, keinen Höhepunkt und keinen Schlussakt. Vielmehr entwickelt sich der rote Faden durch die Energie der Interaktionen der drei Performer*innen, durch Aktion und Reaktion, durch sanftes Vorfühlen, Aufeinandereingehen und Miteinandermitgehen. Auch die Bühne ist nicht räumlich begrenzt: Manchmal verschwinden die drei durch eine Tür und spielen dahinter nur für sich weiter, und dennoch bricht die Verbindung mit den Zuschauenden nicht ab.

Auf ihre eigene Art sind Kinder einfach superqueer, schießt es mir nach der Vorstellung durch den Kopf. Sie halten nicht an Normen fest, hinterfragen scheinbare Selbstverständlichkeiten, dekonstruieren alles, was ihnen in die Finger kommt, entwerfen sich in einem ungeordneten Prozess ständig neu. Ebenso wie Zeit und Raum kann deshalb auch Erziehung kein fixes und lineares Konzept sein. Beim gemeinsamen Spielen der drei auf der Bühne werden die klassischen Rollen aufgeweicht, die Zuständigkeiten sind fluid. Wer erzieht hier wen? Wer lernt was von wem? Wie werden gemeinsam Entscheidungen getroffen? Es ist das affektive Miteinander, aus dem sich die Antworten ergeben. Die drei erziehen sich gegenseitig, probieren verschiedene Rollen aus, wachsen miteinander und beweisen, dass auch künstlerische Arbeit nicht in vorgegebenen Bahnen verlaufen muss.

Danke, Albert, Krõõt und Alex, für diese Performance, die Selbstverständlichkeiten sprengt und neue (kreative) Räume eröffnet! Danke für das Aufzeigen, dass „Anderssein“ nicht störend und belastend sein muss, sondern unglaublich wertvoll, schön und produktiv sein kann, wenn wir ihm nur den nötigen Platz zugestehen.

 

Verena Kettner ist Politikwissenschaftlerin und Geschlechterforscherin, vor allem aber (Queer-)Feministin aus Leidenschaft. Sie arbeitet derzeit an der Universität Wien und immer wieder mal für an.schläge – Das feministische Magazin. Mit Krõõt und Alex verbindet sie vor allem die Freude am Experimentieren mit Formen des Zusammenlebens und des Miteinanders, die offener, solidarischer und zärtlicher sind.

 
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