Ausblick TQW Theorie

Anna Leon
 
Anna Leon

Das Tanzquartier Wien hat, was ihm unter zeitgenössischen Tanzinstitutionen eine Ausnahmestellung verleiht, eine ausschließlich der Theorie gewidmete Stelle, die ich mit einer Mischung aus Spannung und Verantwortung übernehme.

Die Tanztheorie initiiert Formen der Auseinandersetzung: mit Arten des Sehens, Fühlens, Verstehens, Verortens zu Tanz. Sie wird selbst von einer lebendigen Gemeinschaft von Wissenschaftler*innen entwickelt, die sowohl mit tanzspezifischen Methoden als auch im Austausch mit Fachbereichen wie Anthropologie, Philosophie, Medien- und Kulturwissenschaft und Gender Studies arbeiten. Das Theorieprogramm des TQW sehe ich in erster Linie als öffentliche Plattform zur Verbreitung – und Anerkennung – dieser Arbeit. Durch monatlich stattfindende tanztheoretische Vorträge zu aktuellen und gerade aufkeimenden Themen – von der Anwendung der Digital Humanities in der Tanzwissenschaft bis hin zur affektiven Politik von ‚Care‘ in der Choreografie – wird die Vielfalt zeitgenössischer tanztheoretischer Forschung sichtbar. Eingerahmt werden sie durch interdisziplinäre Perspektiven der von Thomas Edlinger und Janine Jembere kuratierten Veranstaltungen. Über die Verbreitung der akademischen Forschung hinaus wird das Theorieprogramm die Konstellation von Stimmen präsentieren, die um oder über den universitären Bereich kreisen, diesen anstoßen und hinterfragen. Fokussiert auf die Arbeit unabhängiger Wissenschaftler*innen und gipfelnd in halbjährlichen Veranstaltungen – an der Schnittstelle von Konferenz, Workshop und öffentlichem Forum –, die die Institution für zeitgenössischen Tanz in einen Research-Raum verwandeln, wird hinterfragt, wie eine Verschiebung des Rahmens der Theoriepraxis deren Einsichten vervielfachen kann.

Tanztheorie ist ein generativer, sich ständig weiterentwickelnder Werkzeugkasten, der trotz ungleicher Verteilung epistemischer Macht, die bestimmte Formen und Quellen der Wissensproduktion gegenüber anderen validiert und verankert, immer im Wandel ist. Durch Vermittlung des Austauschs zwischen Theoretiker*innen, Praktiker*innen und Tanz(-wissenschaft-)studierenden soll das Theorieprogramm Wissensflüsse und Begegnungen – und damit Transformationen – unterstützen. Durch die Fortsetzung der interdisziplinären Forschungslabore und neue Kooperationen mit Universitäten soll das Entstehen ephemerer Gemeinschaften unterschiedlicher Akteur*innen angeregt werden, die Zeugnis ablegen von den unvorhersehbaren Denkformen, die aus deren Zusammenkommen entstehen können. Während die Verschränkung von Theorie und Praxis seit Langem akzeptiert und künstlerische Forschung weithin anerkannt ist, lösen sich festgefahrene Grenzziehungen nur langsam auf: Es ist immer noch entscheidend, zu hinterfragen, was Theorie in der Praxis leisten kann; es ist immer noch entscheidend, darauf zu bestehen, dass Choreografie – verkörperte, erfahrungsbezogene, performative – Theorie generiert; es ist immer noch entscheidend, Permeabilitäten zwischen ihnen auszulösen. Um Risse und Spielräume zu eröffnen, werde ich eng mit den leitenden Programmierenden des Hauses zusammenarbeiten, um Schnittstellen zwischen Performance, Körper- und Performancepraktiken und Theorie zu schaffen; und ich werde mich auf praxisorientierte Forschung konzentrieren, die Lecture-Performances und andere erweiternde Formate in das Theorieprogramm integriert.

Tanztheorie ist eine Linse, durch die man Tanz, Körperlichkeit, Bewegung, Performance betrachten kann; aber welches Glas man wählt, beeinflusst, wie man sieht. Eine kuratorische Rolle beinhaltet die Verantwortung, einige dieser Objektive auszuwählen, und ich werde eine ständige Auseinandersetzung für die Rolle des TQW als Filter und – wenn auch ungewollt – bewertende Instanz bestimmter theoretischer Praktiken führen. Das Theorieprogramm soll unterschiedlich situierte Perspektiven und Positionalitäten integrieren und zwischen verschiedenen Skalen oszillieren: von lokal in Wien/Österreich tätigen Theoretiker*innen bis hin zu außereuropäischen Stimmen. Es wird einen besonderen Akzent auf die Forschung legen, die sich auf Südosteuropa und den Mittelmeerraum bezieht oder diese betrifft, und dazu beitragen, den Auswirkungen des Eurozentrismus in Europa selbst entgegenzuwirken. Explizit aus dem Bereich der Critical Dance Studies schöpfend bleibe ich an eine Variation einer Frage von Amanda Piña bei einer aktuellen Tanzquartier-Veranstaltung gebunden: Welche (Tanz-)Welterzeugung regen unsere (Tanz-)Theorien an? Die Geschichte spielt dabei eine entscheidende Rolle: Die Geschichten, die wir über die Vergangenheit erzählen, wie wir sie erzählen – und noch mehr die, die wir nicht erzählen –, sind unweigerlich in unserer gegenwärtigen und zukünftigen Weltgestaltung verwurzelt. Das Theorieprogramm wird sich mit Geschichte beschäftigen und die Verflechtungen historischer und zeitgenössischer Praktiken hinterfragen, mit dem ausdrücklichen Ziel, unseren Sinn für unsere Vergangenheiten, während sie in unsere Zukünfte einfließen, zu vervielfachen.

Diese Verschiebungen im Theorieprogramm werden ab Januar 2022 umgesetzt. Bis dahin werden die hier skizzierten Achsen und Richtungen in Dialog mit den Sichtweisen und Bedürfnissen derer gebracht, die sie direkt betreffen: Im Laufe des Herbsts werde ich den Input von Wissenschaftler*innen, Studierenden, Künstler*innen und verschiedenen institutionellen Repräsentant*innen einholen, um mit ihnen die Präsenz der Theorie im Tanzquartier Wien für die kommenden vier Jahre zu teilen und zu transformieren.

 
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