Was wurde eigentlich aus: Sex

Margarete Affenzeller und Dominik Kamalzadeh über "Maybe the way you made love...", "This is where we are now" und "Meet" von Christine Gaigg
 
© Karolina Miernik
Margarete Affenzeller und Dominik Kamalzadeh über "Maybe the way you made love...", "This is where we are now" und "Meet" von Christine Gaigg

DK: Ich habe das Stück in Wien jetzt das zweite Mal nach der Premiere beim Steirischen Herbst 2014 gesehen. Auch diesmal hat mich gleich die essayhafte Form eingenommen: Eine Frau spricht offen über ihr Begehren, ihre Sehnsucht nach Sexualität als Entgrenzung. Schön finde ich, dass Sex von Anfang an positiv besetzt ist: Christine bezeichnet Sexualität mit John Updike als eine Erfahrung der Transzendenz. Für mich steht vor allem der Abgleich mit dem Heute im Mittelpunkt: Sie will die Veränderung benennen, ihre Schwierigkeit und die Hindernisse, Erfahrungen wie in der Vergangenheit auch in der Gegenwart zu machen. Das erscheint mir mutig, weil wir uns einerseits ja nie leichttun, über Sex zu sprechen; aber auch deswegen, weil das Begehren auf einer gesellschaftlichen Ebene durch Einschränkungen und Verhaltensnormen zurückgedrängt wurde. Als Frau darüber zu sprechen, wie sehr man sich so eine Form des Überwältigtwerdens wünscht, das ist ja fast schon anstößig.

MA: Ich finde es eher typisch, dass eine Frau auf das Thema Sexualität und Begehren zu sprechen kommt. So nach dem Motto „Frauen reden darüber, Männer tun es einfach (oder nicht)“. Vielleicht ist das aber auch eine klischeehafte Vorstellung von Heterosexualität. Mich würde jedenfalls eine männliche Position dazu auch interessieren, und ich frage mich, ob sie anders aussehen würde. Ob das Gefühl vom Verlust eines Kommunikationsraumes ähnlich groß ist. Und wie sehr ein Mann an Verunsicherung heute leidet: Einerseits wird Buben (noch immer) ein althergebrachtes, proaktives Männlichkeitsbild oktroyiert, das beginnt schon beim Bilderbuch für Zweijährige, hingegen im Erwachsenenleben soll dann damit Schluss sein.

DK: Na ja, wenn ich an eine Darstellung männlicher Sexualität denke, dann fällt mir gleich der Film „Shame“ von Steve McQueen ein, in dem Michael Fassbender als sexsüchtiger Mann in New York an seinen triebgesteuerten Impulsen leidet. Da ist Sex wie eine Krankheit. Bei „Maybe the way…“ hat Sex hingegen noch das Versprechen einer Utopie, die jedoch heute unzeitgemäß erscheint. Christine bringt einige Beispiele: ein Orgasmus al fresco im Stadtpark, eine Interviewsituation in Berlin, bei der sie mit dem Regisseur im Bett landet. Das wirkt beides wie aus einer anderen Ära. Heute wird das Begehren entweder durch soziale Verhaltensregeln gezähmt, oder es ist kommodifiziert, auf Pornografie im Internet oder auf Dating-Dienste wie Tinder ausgelagert. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das ein repräsentatives Bild der Gegenwart ist.

MA: Sicher nicht ganz. Aber die Frage, sind die Menschen heute „zu cool zum Ficken“, die Christine sich in ihrem Tagebuch stellt, gefiel mir schon ziemlich, und da ist auch was dran. Sexualität hat heute nicht mehr den Nimbus des „Befreiten“, davon sind wir ja nur stillschweigende Nutznießer. In einer Sozialgeschichte des Sexualverhaltens waren die 1960er/70er-Jahre ja die Erweckungsjahre, und schon allein deshalb war Sex als „erbeutetes Gut“ wohl mehr wertgeschätzt als heute. In einer Konsumgesellschaft hat Sex aber eine Nebenrolle. Er ist nicht verkaufbar (außer als Job natürlich), er ist kein Label, kein Status, nichts Sauberes. Vom „Shoppen und Ficken“ der 90er blieb also das „Shoppen“ über. Ich behaupte mal, unsere Sexualität ist Ausdruck einer schuldbehafteten Gesellschaft, die unbedingt rein sein/werden möchte (mittels Veganismus, Sport etc.). Wir sind aber auch eine „erschöpfte Gesellschaft“, die weitgehend jenseits von 9 to 5 lebt und arbeitet, die vielleicht keine Lust mehr hat auf Sex, der ja auch immer kompliziert, anstrengend und zeitintensiv ist. Übrigens hat Toshiki Okada soeben ein Theaterstück über das Phänomen einer jungen Generation in Japan gemacht, die sich aus eben diesen Gründen zu „No Sex“ bekennt (Münchner Kammerspiele). Wenn Christine vom entschwundenen „Fluss der Anziehung“ spricht, sie also einen Spaziergang über den Naschmarkt einem Tinder-Auftritt gegenüberstellt, dann denk ich mir: Wann soll ich denn über den Naschmarkt spazieren?

DK: Interessant ist da ja auch, dass wir uns heute ein Stück anschauen, in dem Sex als Performance mit vier Darsteller_innen inszeniert ist, die den Akt nicht vollziehen, sondern eben mehr im Sinne eines Reenactments agieren, als wäre das eine kulturelle Technik, die wir nicht mehr kennen. Das ist sehr weit weg von dem Happening-Gedanken der 1960er-Jahre oder dem, was Richard Schechner mit seiner Performance Group in New York versucht hat. In Brian de Palmas Dokumentarfilm „Dionysos in 69“ kann man sehen, wie in Schechners Stück mit Sexualität versucht wurde, die Grenzen zwischen Darsteller_innen und Publikum zum Einsturz zu bringen. In „Maybe the way…“ schauen wir aus sicherer Distanz zu: Die Körper, alle schön und jung, ihr Schnaufen und Hecheln, ihre Geilheit bleiben eine Anschauung. Das ist sehr ästhetisiert und wirkt wohl auch deswegen nicht erotisierend.

MA: Ich musste bei den vier Performer_innen auch an die Idee der „Dehumanisierung“ denken, die in der darstellenden Kunst oft verhandelt wird. In Inszenierungen von Susanne Kennedy oder Ersan Mondtag zum Beispiel gleichen Menschen den Avataren ihrer selbst; mit Kunsthaut und Kunststimmen. Oder Ulrich Rasches maschinell angetriebene Menschen. Umgekehrt wird bei Vegard Vinge und Ida Müller wieder heftig penetriert, die beiden lassen den „schmutzigen“ Menschen und sein verdrängtes Begehren aus den synthetischen Masken und Bühnenbildern heraustreten.

DK: Bemerkenswert ist ja auch, was die auch im Stück erwähnte Disziplinierung mit uns macht. Wir folgen dem Gebot zur Selbstkontrolle und zensurieren uns unaufhörlich selbst. Denkt man dabei an Machtmissbrauch, etwa die ersten Konsequenzen der #MeToo-Debatte, sind das wichtige Errungenschaften. Christine projiziert ja auch ein paar Beispiele von Verhaltensregeln in US-Universitäten auf die Wand. Wobei man eben aufpassen muss, dass dabei nicht alle Freiräume verloren gehen. Was das Stück beklagt, und das finde ich daran wirklich wichtig und aufschlussreich, ist der Verlust eines „Unsafe Place“, einem Ort des Übertritts, einer Gefahrenzone mit dem Safeword „Nein, das will ich nicht“. In einem erweiterten Sinne sind Theater und Kino für mich auch solche Orte, denn sie lassen uns an einer Erfahrung teilhaben, die wir im wirklichen Leben scheuen.

MA: Mir gefällt die auffordernde Geste der Arbeit, also das Einverlangen, „gesehen“ und „durchschaut“ zu werden, wie es im Mittelteil, der manifestähnlichen Rede, heißt. Wir blicken einander ja eher nicht an. Blicke oder ein spielerisches Verhalten haben – und das ist ein Argument, das auch Robert Pfaller in der Diskussion eingebracht hat – in einem neoliberalen, effizienzgetriebenen System keinen Wert. Sie sind kein sicheres Investment. Alles kann da jederzeit schief gehen.

DK: Wie sehen dann die Ergebnisse bei einem Experiment wie „Meet“ aus, wo ein solcher „Unsafe Place“ künstlich hergestellt wird? Da treffen wir in einem intimen Raum auf Christine, und ein Ziel der Übung ist, einander an- und vielleicht auch zu durchschauen. Eine Versuchsanordnung, in der man performen muss. Für mich besteht da ein Grunddilemma: Bei Begegnungen will ich mich ja der Kontingenz des Geschehens überlassen, ich versuche mich also ganz dem Zufall des Zusammentreffens auszuliefern, während ich hier innerhalb eines bestimmten Settings agieren muss. Es gibt also Regeln, die ich einhalten muss, und zu überwindende Schamgrenzen, damit etwas passiert. Das erinnert ein wenig an das Problem der Singles in der Filmsatire „The Lobster“ von Yorgos Lanthimos, die unter Druck einen Partner finden müssen, damit sie nicht in ein Tier verwandelt werden…

MA: Ich denke schon, dass „Meet“ einen Freiraum geschaffen hat, sich so zu verhalten, wie man möchte. Da war schon viel Zufall dabei. Bezeichnend fand ich, dass alle das Handy abgeben mussten. Auch um von unserer größten Fixierung, die ständig Ablenkung verursacht, einmal getrennt zu sein und damit die Aufmerksamkeit für das Gegenüber zu gewährleisten. Das ist natürlich eine Binsenweisheit und womöglich eine Spur zu romantisch gedacht, aber wer erlebt es denn anders? 80 Prozent der U-Bahnfahrer schauen auf das Display. Wer blickt Menschen, die nur einen oder zwei Meter von einem selber entfernt sitzen, denn überhaupt ins Gesicht, und schon gar länger als zwei Sekunden. Wir empfinden das schnell als übergriffig.

DK: Ja, ich fand auch gut, dass man den Blick erwidern oder auch nur aushalten muss. Das ist ein Kommunikationsangebot, allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass das draußen in der Wirklichkeit überhaupt nicht mehr passiert. Auch das Nacktsein der Künstlerin fand ich bemerkenswert. Einerseits ist es immer noch ein Tabubruch. Ich musste überlegen, wohin und wie lange ich wo hinschaue. Aber man gewöhnt sich schnell daran, interessanterweise. Es gelingt ihr, die Situation natürlich erscheinen zu lassen. Vielleicht wäre das Experiment trotzdem ergiebiger, wenn man es mehr als Intervention betriebe, an völlig verschiedenen Orten. Damit würde man den „Unsafe Place“ aus dem „Safe Environment“ des Museumsquartiers herausholen, und es könnte etwas wirklich Reales, Unvorhersehbares passieren.

MA: Du meinst, damit das Publikum durchmischter wäre? Das wäre natürlich immer gut, aber schwer herbeizuführen. Christines Arbeiten funktionieren für mich jedenfalls als Muntermacher, als ein Anstoß zum befreiten Schauen und Handeln.

 

Margarete Affenzeller, geboren 1971, ist Kulturredakteurin der Tageszeitung „der Standard“. Sie schreibt regelmäßig für das Magazin „Theater der Zeit“ und lebt in Wien.

Dominik Kamalzadeh, geboren 1973, ist Kulturredakteur der Tageszeitung „der Standard“ und Teil des Redaktionskollektivs von „kolik.film“. Er lebt in Wien.

 

Alle Beiträge im TQW MAGAZIN

 
Loading