Black Box Corona

Reality Check mit Tom Holert
 
Ein Seniorenheim in Burnaby, Kanada, hat ein freistehendes vorgefertigtes „Meeting Center“ in unmittelbarer Nähe der Wohnhäuser errichtet, damit Familien während der COVID-19-Pandemie ihre Angehörigen besuchen können.
Reality Check mit Tom Holert

Reality Check ist eine vom Theoriekuratorium des Tanzquartier Wien ins Leben gerufene Essayreihe und beschäftigt sich aktuell mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie.

Die Pandemie hat ein Problem, ins Bild zu kommen. Das liegt zum einen an der für das menschliche Auge nur mit mikroskopischer Unterstützung erkennbaren biologischen Ursache. Reflexhaft wurde das Virus zum „unsichtbaren Feind“ erklärt. An der fragwürdigen Evidenz dieser Auffassung ändert wenig, dass kaum eine Nachrichtensendung, kaum ein Online-Artikel auf grelle 3D-Visualisierungen des Erregers SARS-CoV 2 verzichtet. Aber die Probleme, die Pandemie mit Bildern einzuholen, liegen tiefer als die Schwierigkeiten, in der Übersetzung von der Ebene des Molekularen in den Bildraum der Massenmedien für Sichtbarkeit zu sorgen. Die viel folgenreicheren und weitreichenderen Unsichtbarkeiten von COVID-19 sind gerade in der Universalität und Ubiquität des Phänomens begründet. Denn dem Virus ist es gelungen, binnen kürzester Zeit den globalen Alltag so umfassend zu verändern, dass jede Darstellbarkeit darunter paradoxerweise leidet.

Deutlich wird dies, wo der Widerspruch zwischen der tödlichen Wucht der Infektionskrankheit und einem visuellen Mangel außerordentlich eklatant wirkt – in dem Verschwinden der besonders Gefährdeten und Ungeschützen in den Black Boxes der Altenpflege, der Gefängnisse, der Geflüchtetenlager oder der Unterkünfte von Leiharbeiter*innen in der Landwirtschaft oder Fleischindustrie.

Die Bilder, die hier nicht entstehen oder die ihren Weg nicht in die Öffentlichkeit finden, sind keine zufälligen, sondern gesellschaftlich produzierte Leerstellen und Abwesenheiten. Nicht, dass es gar keine visuelle Dokumentation dieser vom Management der Pandemie besonders betroffenen Räume, Situationen und Personen gäbe. Es ließe sich durchaus argumentieren, dass diese gesellschaftlichen Gruppen und Milieus erst durch die Coronakrise ins öffentliche Bewusstsein gedrungen sind. Der laufenden journalistischen und künftigen literarisch-künstlerischen Aufarbeitung des Ausnahmezustands bietet sich hier ja durchaus Stoff und Material. All die Theaterabende, Choreografien, Filme oder Romane über die Dunkelzonen der Plage – sie kommen unweigerlich.

Aber es muss auch festgestellt werden, dass der Umgang mit den wenigen Bildern aus dem Alltag der Eingesperrten und des Personals der Fürsorge oder Bewachung bislang vorwiegend (und bezeichnend) zurückhaltend, schamerfüllt oder schlicht teilnahmslos geblieben ist. Ausgerechnet Vulnerabilität wird so zu einem unausgesprochenen, aber zumeist beflissentlich genutzten Vorwand, auf die Produktion von Bildern, auf die Berichterstattung aus dem Inneren der Black Boxes zu verzichten.

Aber es gibt noch andere Gründe. So heißt es in einem „Guardian“-Artikel über die Situation in den USA: „Persönlichkeitsrechte machen den Zugang zu Krankenhäusern extrem schwierig. Fotograf*innen haben die Versorgungsengpässe bei Schutzausrüstung […] hart getroffen. Zu diesem Problem kamen Befürchtungen bei den Nachrichtenmedien, die keine juristischen Konsequenzen riskieren wollten, für den Fall, dass die von ihnen Beschäftigten krank werden oder sterben.“[1] Bei Ansteckungsrisiko ist die Gefährdung der Produzent*innen von Bildern vielleicht die noch größere Sichtbarkeitsbarriere als in militärischen Auseinandersetzungen, in denen der in seinen Überschreitungen und (Selbst-)gefährdungen immer auch dubiose Heroismus von Kriegsreporter*innen legitimiert ist. Natürlich gibt es Wege, auch in einer Epidemie, trotz der Gefahr für die eigene Gesundheit zu berichten. Solche Ausnahmen, engagierte Reportagen, aktivistische Nachrichtenarbeit, Nachbarschaftshilfe usw., bestätigen aber hier nur die Regel: dass nämlich die Bereitschaft fehlt, den Schwachen und Ausgesetzten, die keine ökonomische Funktion (mehr) haben und deshalb hinter vorgehaltener Hand (und manchmal, Stichwort „Herdenimmunität“, auch ganz offen) als überflüssig gelten, Bildwürdigkeit zuzugestehen.

Die Gründe für diese blinden Flecken sind, wie sollte es auch anders sein, so vielfältig wie systemisch. Der Lockdown hat die Zugänglichkeit von ohnehin nur eingeschränkt zugänglichen Orten und Architekturen nochmals verringert. Gefangene im Strafvollzug sind weitgehend abgeschnitten von den Kommunikationsmedien und den Apparaturen, mit denen sich Gefängnisalltag in Zeiten der Epidemie dokumentieren ließe. Hingegen verfügen Geflüchtete in den Auffanglagern und Übergangsunterkünften an den europäischen Außengrenzen oder im Inneren in der Regel über Smartphones mit Kameras. Doch zirkulieren ihre Bilder in Netzwerken, die nur ausnahmsweise breitere, öffentliche Sichtbarkeit erlangen oder diese auch nur anstreben; unsichtbar zu bleiben, ist hier nicht selten eine Überlebensstrategie; und im Zweifelsfall wird die Bildproduktion über die Situation der Geflüchteten von NGOs oder Fernsehstationen übernommen und damit gesteuert.

Umgekehrt sind viele ältere Menschen wenig darin geübt oder daran interessiert, ihre innerhalb oder außerhalb von Pflegeeinrichtungen verbrachten Leben mit der Kamera aufzunehmen und zu verbreiten. Obwohl sich Werbung und Populärkultur in den vergangenen Jahren um zunehmend positive Bilder des Alterns bemüht haben – in Fernsehserien wie Grace and Frankie oder The Kominsky Method, in Filmen wie Something’s Gotta Give oder The Best Exotic Marigold Hotel – sind die Realitäten einer von Austeritätspolitik und fortschreitender neoliberaler Zerstörung des öffentlichen Gesundheits- und Pflegesystems geprägten Alltags von Älteren eher unsichtbar.

Diese Invisibilisierung vor allem jener Formen des Alterns, die nicht der neuen Norm positiver, selbstbestimmter und umfassend resilienter Best-Agers entspricht, hat sich unter Pandemiebedingungen gesteigert. Wie der Kulturwissenschaftler Shir Shimoni in Hinblick auf Großbritannien schreibt, hätten die Warnungen, mit denen die Älteren seit dem Ausbruch des Coronavirus konfrontiert worden seien, die ganze „Ambivalenz und tiefreichende Verleugnung des Alterns“, wie sie für die Kultur der Gegenwart kennzeichnend sei, zum Ausdruck gebracht. Immer mehr unternehmerische Selbstverantwortung fordernd, hätte sich der Staat aus der Verantwortung stehlen können. „Während COVID-19 überaus deutlich macht, wie sehr wir einander brauchen und voneinander abhängen, bleibt der an die ältere Bevölkerung gerichtete soziale Imperativ derselbe: bekämpft das Altern so lange wie möglich und vermeidet, gesellschaftlich überflüssig zu werden.“[2]

Ich schreibe diesen Beitrag, während ich mich auf dem Weg zu der Beerdigung eines Verwandten befinde, dessen Tod in die Coronazeit fällt, ohne dass er unmittelbar an den Folgen von COVID-19 verstorben wäre. In die offizielle Statistik der Corona-Opfer wird sein Fall deshalb nicht eingehen. Wahrscheinlich zu Unrecht. Aufgrund einer zunehmenden Weglauftendenz wurde der an Demenz erkrankte 75-Jährige etwa einen Monat nach Beginn des Lockdowns in Deutschland zunächst in einer Psychiatrie aufgenommen, dann in ein Pflegeheim mit „geschütztem Bereich“ entlassen, um schließlich in einem Krankenhaus zu sterben. Während der zweieinhalb Monate in diesen unterschiedlichen Einrichtungen verschlechterte sich der allgemeine Zustand des Patienten vor allem in den letzten Tagen deutlich. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Selbst den nächsten Angehörigen war es zwischen Mitte April und Anfang Juni nicht möglich, ihn zu besuchen. Die wenigen kurzen Begegnungen fanden erst an, später vor den Türen der jeweiligen Pflegestationen statt, unter Einhaltung von Abstands- und Maskenpflicht. Immer war Pflegepersonal anwesend. Körperliche Berührungen waren tabu, auch die Masken durften nicht abgelegt werden. So wurde die Erinnerung an ein einmal vertrautes Gesicht erschwert. Die Kommunikation mit Ärzt*innen und Pfleger*innen musste überwiegend telefonisch und per Email erfolgen, das persönliche Gespräch wurde erst spät angeboten, ein Bild aus dem Inneren der Pflegeeinrichtungen gab es nicht.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die fehlenden Begegnungen, Gespräche, Berührungen und Zuwendungen den Krankheitsverlauf entscheidend beschleunigt haben. Und es nicht auszuschließen, dass das zunehmende Organversagen, die Probleme bei der Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit und der Rückzug in den Schlaf für den einmal sehr aktiven Menschen auch Wege gewesen sind, gegen die Bedingungen des Lockdowns aufzubegehren – und sich diesen letztlich zu entziehen.

Das ist natürlich keine medizinisch korrekte Lesweise. Noch weniger lässt sich daraus eine allgemeingültige Aussage über die Coronaviruskrise ableiten. Der geschilderte Fall kann aber als Beispiel dafür dienen, dass die Pandemie auf schmerzhafte und unerträgliche Weise die Erfahrung dessen verstärkt, was andernfalls für normal gehalten würde. Ältere, beeinträchtigte, vernachlässigte, übersehene oder unterbezahlte Menschen, deren „Systemrelevanz“ entweder eine Sache der Vergangenheit oder noch nie anerkannt worden ist, werden ohnehin kaum geschützt, mehr oder weniger umstandslos eingesperrt und so aus den gesellschaftlichen Kreisläufen herausgenommen. In Nicht-Coronazeiten wachen Betreuungsgerichte darüber, dass sich etwa Entmündigungsverfahren nicht unkontrolliert vollziehen; aber während der Monate des Lockdowns sind die entsprechenden Amtsträger aus gesundheitlichen Gründen kaum noch in die psychiatrischen Kliniken gegangen, um die dorthin Eingewiesenen zu besuchen und zu befragen.

Über eine Biopolitik im vermeintlichen Normalbetrieb neoliberaler Gesellschaften legte sich in den vergangenen Monaten eine Biopolitik des staatlichen Interventionismus. Um zu retten, was an ökonomischen und ordnungsrechtlichen Rahmenbedingungen unter Pandemiebedingungen zu retten ist, regierte eine epidemiologisch angeleitete Präventions- und Rettungspolitik in die vorhandenen Strukturen und Institutionen hinein. Die Reflexion der Durchdringung der einen durch die andere Biopolitik wäre eine Aufgabe einer alternativen visuellen Kultur. Bisher hat die Black Box der Heime, Kliniken, Lager, Knäste oder Gelegenheitsunterkünfte nur solche Bilder hervorgebracht, mit denen die Unsichtbarkeit der in diesen Orten Lebenden und Sterbenden umso deutlicher wurde. Vielleicht gab es nie mehr Bilder von Pflegeheimen als jetzt, wenn anlassbezogen triste Fassaden abgefilmt werden, hinter denen sich die Todesfälle häufen. Doch muss gefragt werden, um was für Bilder es sich dabei handelt: ob sie zu Sichtbarkeit und Aufklärung beitragen oder ob sie denen Gewalt antun, die zu zeigen sie nicht einmal in der Lage sind.

Für W.H.

 

[1] Ed Pilkington, Invisible Deaths: from Nursing Homes to
Prisons, the Coronavirus Toll is Out of Sight – and Out of Mind?, The Guardian, 17. Mai 2020, https://www.theguardian.com/us-news/2020/may/16/coronavirus-pandemic-deaths-grieving-invisible [„Privacy laws make access to hospitals extremely difficult. Photographers have been hit by the dearth of protective gear which they need to guard their own health, a problem compounded by the fears of news organizations hesitant to take on liability were their employees to fall sick or die.“]

[2] Shir Shimoni, How Coronavirus Exposes the Way We Regard Ageing and Old People, Designing for Aged Care, 14. Mai 2020, https://dementiaenvironmentaldesign.com/2020/05/14/how-coronavirus-exposes-the-way-we-regard-ageing-and-old-people/ [our culture’s ambivalence and profound denial of ageing] [While COVID-19 clearly reveals to all of us how much we need and depend on each other, the social imperative aimed at the ageing population remains the same: defy ageing for as long as possible and avoid becoming socially superfluous.]

 
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