Das Elend einer Insel

Lisa Mayr über Pleasant Island von Silke Huysmans & Hannes Dereere / CAMPO
 
© Bea Borgers
Lisa Mayr über Pleasant Island von Silke Huysmans & Hannes Dereere / CAMPO

Nauru – eine winzige Insel inmitten des Pazifischen Ozeans. Die kleinste Republik der Erde, seit 1968 von Australien unabhängig. Zwölftausend Einwohner*innen. Die wenigsten Menschen kennen das Eiland. Selbst viele jener, die heute dort leben, kannten Nauru vorher nicht. Bis sie hierherkamen. Hierherkommen mussten. Sie sind Flüchtlinge, etwa vierhundert an der Zahl, vor allem aus Afghanistan, Sri Lanka, Indien und Pakistan. Sie wurden von Australien in Lagern auf der Insel kaserniert. Wer einmal auf Nauru gestrandet ist, kommt nicht mehr so schnell weg. Denn Australien, der brennende Kontinent mit dem vielen Geld und den wenigen Menschen, betreibt eine extrem rigide Zuwanderungspolitik. Hier kommt keiner rein. Die Flüchtlinge, die trotzdem nach Australien wollen, schickt die Regierung nach Nauru. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die Verzweifelten sitzen auf der Insel fest, ohne Perspektive, isoliert und ignoriert vom Rest der Welt. Bis vor Kurzem gestand man ihnen nicht einmal Smartphones zu, auch Journalist*innen und NGOs sind auf Nauru nicht willkommen. Die Welt soll keine Notiz nehmen von dem, was hier vor sich geht. Und doch berichteten ein paar Mutige von den verheerenden Bedingungen, unter denen die Flüchtlinge hier leben, von Missbrauch und sexuellen Übergriffen gegen sie, von Selbstverletzungen und Suiziden. Australien reagierte darauf, indem es den Zugang für Journalist*innen und NGOs zur Insel weiter verschärfte.

Doch die Regierung von Nauru akzeptiert die Fremden – denn sie bringen Geld in Form von Kompensationszahlungen Australiens. Geld, das Nauru dringend braucht, denn seine einstige Goldgrube ist vor Jahren versiegt. Früher galt die Insel als reichstes Land der Welt; seine Bewohner*innen lebten in den 1970er-Jahren in Saus und Braus. Der Grund lag direkt auf der Insel, gigantische Berge von Calciumphosphat, ausgehärtet aus früherem Vogelkot. Der mineralische Rohstoff, einer der wichtigsten Bestandteile für Düngemittel, wurde auf Nauru exzessiv abgebaut, die Insel geriet zum gelobten Land für Gierige aller Art, Kolonialist*innen, Kapitalist*innen. Doch durch den exzessiven Abbau der Ressourcen verlor das Land seinen Kern, sein Antlitz. Heute liegt Nauru da wie eine ausgebeutete Hülle, ausgelaugt, aufgebrochen und leer gesaugt. Hier wächst kein Gemüse mehr, fast alle Lebensmittel werden importiert, die Menschen ernähren sich vor allem von Reis, Konservenkost und Softdrinks. Die Frauen und Männer Naurus zählen zu den kränksten weltweit. Nirgendwo sonst haben so viele Menschen Diabetes wie hier – bei den Männern ist es jeder dritte.

Silke Huysmans und Hannes Dereere stehen bei ihrer Performance Pleasant Island im Halbdunkel des Bühnenraums und lassen dieses Nauru lebendig werden – ausschließlich mithilfe ihrer Smartphones. Diese waren ihre einzigen Arbeitsgeräte während der Recherchen auf Nauru, dienten als Video- und Fotokameras, als Aufnahmegeräte für Interviews, um das Leben der Menschen zu dokumentieren. Die Bildschirmoberflächen ihrer Handys sind auf zwei Leinwänden sichtbar – das Publikum sieht Bilder und Videos von der Insel und hört die Stimmen der Inselbewohner*innen und der Geflohenen. Die Interviewten sind nur auf verschwommenen Fotos zu erahnen, die Menschen auf Nauru möchten wegen drohender Repressalien nicht erkannt werden. Huysmans und Dereere kreieren mithilfe ihrer Handys live Musik zu den Projektionen und schaffen so eine überaus intensive Atmosphäre.

Ihre Smartphones sind auch der Draht, über den die beiden Performer*innen bis heute Kontakt zu den Menschen Naurus halten. Das Publikum liest private Korrespondenzen zwischen Huysmans und einer*m anonymen Verzweifelten. Dokumente einer Freundschaft, die kein Mittel zum Zweck dieses Stücks sind und doch Unglaubliches erzählen darüber, wie sich das Leben auf dem vergessenen Eiland anfühlt. Die beiden Performer*innen selbst bleiben stumm, die Bühne gehört den Menschen der Insel und ihren Schicksalen.

Auf Nauru folgt auf die ausgebeutete Erde der ausgebeutete Mensch. Er vegetiert auf den Resten dessen, was das Raubtier Kapitalismus übrig gelassen hat. Die neuen Goldschürfer stehen schon ante portas – große Firmen machen sich bereit, um direkt auf dem Meeresboden vor Nauru nach Mineralien und Metallen zu graben. Derweil ziehen ungewöhnlich heftige Stürme über das Eiland, und die Hitze drückt stärker denn je. Der menschengemachte Klimawandel – er hat Nauru und seine Elenden längst erreicht.

 

Lisa Mayr, 1978 in Vöcklabruck geboren, hat Politikwissenschaft und Journalismus in Wien und Köln studiert. Seit 2012 beim Standard, seit 2019 Leitung des Ressorts „Edition Zukunft“.

 

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