Das grüne Leuchten

Vanessa Joan Müller über EXIT von Antonia Baehr
 
© Elodie Grethen
Vanessa Joan Müller über EXIT von Antonia Baehr

Ẹxit 〈m.; -s, -s〉 (speziell markierter) Ausgang, Notausgang z. B. in öffentlichen Gebäuden, Flugzeugen usw. [engl.; → exit]. Es ist dunkel in der Black Box des Theaterraums. Allein die Fluchtweg-Notbeleuchtung links und rechts der Treppenaufgänge ist zu sehen. Deutlich zu sehen. Als prägnantes Zeichen im Zuschauer*innenraum mischt sich das schummrige grüne Leuchten unaufgefordert in jede Bühnendramatik ein. Es agiert gewissermaßen als technisch gesteuerter Verfremdungseffekt, der jegliche Illusion zerstört. Denn egal was passiert, das beleuchtete Schild signalisiert: Es gibt einen Ausweg, ihr kommt hier sicher wieder raus. Ein männliches Piktogrammwesen rennt schon mal stellvertretend voran.

Antonia Baehrs Lecture-Performance EXIT macht den gesetzlich vorgeschriebenen Verweis auf den rettenden Weg nach draußen, der das Publikum unabhängig von jeder potenziellen Dramatik auf der Bühne in Sicherheit wiegt, kurzerhand zum Protagonisten. Der weiße Pfeil auf grünem Grund wird dabei zum narrativen Richtungsvektor eines mäandernden Vortrags, der Wissenswertes zum Brandschutz mit grundsätzlicheren Überlegungen verbindet: Wieso suchen wir eigentlich dauernd nach einer Exitstrategie?

Antonia Baehr steht nackt an einem Stehpult in der Mitte der komplett dunklen Bühne, eher zu erahnen als klar zu erkennen. Die fahlen grünen Notlichter im Zuschauer*innenraum – „aliens inside the theatre’s body“ – verleihen ihrem Körper kaum Tiefe; manchmal wirkt sie selbst wie ein Piktogramm. So ist es ihre Stimme, die durch den Abend leitet. Sie referiert die Geschichte der Notausgangbeleuchtung, spricht über historische Theaterbrände, Panik im Publikum und den Erfinder des global verwendeten Exit-Schildes. Er heißt Yukio Ota, und das von ihm entworfene Ensemble aus Pfeil und fliehendem Mann ging aus einem Wettbewerb in Japan Ende der 1970er-Jahre hervor, bei dem ein effizientes, international verständliches Zeichen gesucht wurde, das Menschen den Weg aus verrauchten Gebäuden weist. Das Grün soll eine beruhigende Wirkung haben. Seit 2008 begleitet das Piktogramm als Standard der „ISO – Internationale Organisation für Normung“ Bühnenschaffende mit einer konstanten Helligkeit von mindestens einem Lux.

Baehr kündigt gleich zu Beginn an, in ihrer „public session“ den Störfaktor „exit sign“ als „das Unbewusste des Theaters“ präsentieren zu wollen. Tatsächlich handelt es sich bei diesem um nichts anderes als eine Verkörperung des abendländischen Logozentrismus und seines universellen Geltungsanspruchs. Und so wird das, was sich vordergründig als unterhaltsames Potpourri aus allerhand Fakten und Anekdoten zum Thema Theaterbeleuchtung und Paniklicht gibt, nach und nach zur metaphorischen Beschreibung eines Sicherheitsbedürfnisses, hinter dem sich auch die Verordnung eindeutiger Verhältnisse versteckt: eines Entweder-oder, das nach wie vor in distinkten Geschlechterrollen denkt und im Zweifelsfall „wir“ und „die anderen“ ziemlich schnell auseinanderdividiert.

Die Texte hat Baehr, ähnlich wie in ihren früheren Werken „Abecedarium bestiarium“ (2013) oder „Rire / Laugh / Lachen“ (2008), von Freund*innen erhalten und zu einer performativen Partitur zusammengestellt, die das als überlebenswichtig erachtete Licht vielschichtig kontextualisiert. Die Aufklärungsmetapher vom Licht, das ins Dunkel gebracht werden muss, das Erkenntnisstreben als Kampf gegen das obskure Dunkle, als Ausleuchtung der Tiefen der menschlichen Psyche und Erhellung „dunkler Kontinente“, artikuliert sich zwischen formstrengem Vortrag, gesungenem Sicherheitskonzept und geprobter Evakuation. Zugleich lotet Baehr die Grenze zwischen Fiktion und Imagination aus, wenn sie einen spekulativen, performativen Raum jenseits tradierter Dichotomien schafft. Ein Traum: Ich bin in einem großen leeren Haus mit langen Korridoren. Mein Körper verändert sich beim Laufen. Je nachdem in welche Richtung ich renne, werde ich eher männlich oder eher weiblich. Der Mann auf dem Piktogramm leitet mich: „I feel the desire to follow him.“ Doch dann werde ich wieder zu einer anderen, schlage eine andere Richtung ein, ignoriere den vermeintlich rettenden Rat.

Nach einer Weile haben sich die Augen des Publikums an die Dunkelheit gewöhnt. Und auch Antonia Baehr verlässt immer öfter ihr Podium, zieht Kreise über die Bühne, tritt näher an uns heran. Es gibt amerikanische Bonbons, die, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen, knistern wie Feuer: ein beruhigender Sound, perfektes ASMR. In Beirut spielen sie seit dem Bürgerkrieg in Tiefgaragen Theater. Dunkelheit ist dort kein Desiderat, sondern den Umständen geschuldet. Und in Sri Lanka wird vor der Theateraufführung ein Feuer entzündet. Das glimmende, Sicherheit suggerierende Saallicht, das selbst dann brennt, wenn absolut niemand im Raum ist, personifiziert die dominante westliche Mentalität perfekt. „I will prevent you from getting lost in your fantasy“, scheint es zu flüstern, denn wir könnten uns ja vom Theater und von seinen Vorschlägen anderer Wirklichkeiten verführen lassen und in ein Jenseits der Binarismen verlieben, das weiterhin bloß ein obskures Schattenreich bewohnen soll. Am Ende bringt eine mit Schokolade überzogene Glühbirne ein wenig Helligkeit auf die Bühne, wenn die Kakaomasse langsam heruntertropft und das Bild des dort stehenden Körpers klarere Konturen annimmt. Hell/dunkel, Tag/Nacht, male/female, black/white, exit/enter. Ein letzter Exit Richtung Notausgang: ẹxit 〈Theat.〉 er, sie geht ab (Regieanweisung) [von lat. exire, „er, sie geht hinaus“]. Dann geht das Licht an. Leicht geblendet verlassen wir den Saal.

 

 

Vanessa Joan Müller hat Kunstgeschichte studiert und an verschiedenen Institutionen als Kuratorin gearbeitet. Sie war Direktorin des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf und zuletzt Dramaturgin an der Kunsthalle Wien. Als wissenschaftliche Leiterin des Projekts European Kunsthalle in Köln hat sie Perspektiven von Institutionen zeitgenössischer Kunst in Theorie und Praxis untersucht, als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zu Ausstellungsdesign und kuratorischer Praxis geforscht. Sie schreibt Texte zur zeitgenössischen Kunst, interessiert sich aber auch für vieles an deren Rändern.

 

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