TQW Magazin
Luan Dannerbauer und Liese Schmidt über Rakete Part 4: Luca Büchler, Adam und Amina Seid Tahir

Dem Anfang entgegen kreisen

 

Dem Anfang entgegen kreisen

Wann enden Vorbereitungen, und wann beginnt das Vorbereitete? Luca Büchler sucht in after the end, before the beginning Übergangsmomente, irgendwo zwischen Licht und Dunkelheit in der „Golden Hour“. Adam und Amina Seid Tahir verweben in several attempts at braiding my way home Vor- und Nachbereitung als Ritual des unaufhörlichen Suchens und Ankommens.

Beide Performances lassen zunächst auf den Tanz warten, auf große Bewegungen und darauf,      hineingezogen zu werden in Emotionswellen, die aus gemeinsamen körperlichen und musikalischen Rhythmen entstehen. Stattdessen werden Vorbereitungen in ritualisierter Langsamkeit, gar Achtsamkeit getroffen: Luca Büchler kleidet den Performanceraum in zugezogene Vorhänge – denn das goldene Licht der verschiedenen Scheinwerfersonnen kann erst mit der ewigen Nacht des Bühnenraums erscheinen –, und Adam Seid Tahir löst gewissenhaft Braid für Braid auf, um sie im Anschluss zwischen unzählige andere Haarteile zu knüpfen, die einen teilweise hängenden Haarteppich bilden. Erst nachdem die Haare sorgsam gepflegt, Durag und ein aus Braids geknüpftes Oberteil angelegt sind, nimmt auch die Musik Fahrt auf, Bewegungsfolgen und Lichtwechsel werden schneller und stärker.

Während several attempts … eine gewisse formale Strenge besitzt, die durch das kalte Licht und die abgegrenzte Bühnenfläche entsteht, zeichnet sich after the end … eher durch kompositionelle Zaghaftigkeit und visuelle Wärme aus. Gerade die Sitzanordnung in Luca Büchlers Stück involviert das Publikum: Wir Beobachtenden sitzen nebeneinander, miteinander, einander gegenüber; manche mit dem Rücken zueinander, manche frontal vor anderen. Luca Büchler sitzt zwischen uns, nimmt immer wieder hier und da Platz. Er schwingt durch den Raum, so wie das Licht der „Sonnen“, die uns alle gleichsam erhellen, während sich unsere Augen um Sicht nach dem einen tanzenden Körper bemühen. Bei several attempts … hingegen ist der durch eine quadratische Plane auf dem Boden klar markierte Spielraum von Adam Seid Tahir nicht unser Raum, und doch wird er mit uns geteilt. Neugierig schauen wir frontal oder seitlich auf Adam – sitzend, flechtend, tanzend –, beinahe dankbar für die intimen Einblicke, die uns gewährt werden. Luca Büchlers Performance beachtet uns alle gegenseitig im Sonnenlicht, die von Adam Seid Tahir zeigt nach innen, nicht nach außen. Luca Büchlers Tanz beginnt in der Mitte des Raums, inmitten der Menge, mit einer sich streckenden, leicht zitternden Hand, die die Richtung weist für weitere, kleine und in sich ruhende Bewegungen. Der Körper räkelt sich, erwacht, immer und immer wieder aufs Neue. Erst die zirkulierenden Ellbogen. Dann die gesenkten Schultern. Die Handgelenke, die ebenso ihre Kreise ziehen. Die sich hebende und senkende Brust. Mit jeder weiteren auf- oder untergehenden Sonne erwacht der Körper etwas mehr. An einem Punkt verschwindet Luca im Rauch der Nebelmaschine vollständig aus dem Sichtfeld. Luca ist aufgegangen im schwarzen Licht der Sonne. Dunkelheit setzt Licht frei. Das Schattenspiel, eine der ältesten menschlichen Ausdrucksformen.

Bei Adam Seid Tahir bewegt sich mehr als der Körper: Die Braids des Oberteils fließen in den tanzenden Bewegungen wie Quallen im Strom des Meeres, bunt aufleuchtend im Schwarzlicht einer ultravioletten Wasserwelt. Als Tasthaare, ähnlich den Schnurrhaaren eines Walrosses,[1] werden die Braids zur Verlängerung des Körpers, zum Medium der Orientierung. In Bewegung tastet sich Adam durch den Spielraum, in dem Fragen der Zugehörigkeit und der afro-nordischen Identität von Adam und Amina Seid Tahir wiederholt miteinander verbunden und aufgetrennt werden. Home – Zuhause? Heimat? – wird nicht an einem Ort gefunden, sondern mit und durch den eigenen Körper gemacht – tanzend, flechtend – und gerade dadurch gefunden. Mehrmals.

Das Anlegen des Braid-Oberteils stellt bei Adam Seid Tahir einen klaren Bruch mit der Vorbereitung dar, einen eindeutigen Anfang von etwas: eine immer weiter ausufernde Bewegungsfolge. Bei Luca Büchler beobachten wir hingegen ein wiederholendes Hineinwinden: einen Anfang am Ende. Lucas Sonne geht in verschiedenen Abläufen unter, immer wieder. Adam Seid Tahirs Tanz verkündet ein Ende, das nicht kommt. Beide Stücke entpuppen sich als Vorbereitungen, die sich einer Abgeschlossenheit verweigern und stattdessen in einem beständigen Suchen und Finden verweilen. Sich auf etwas zubewegend      verharren sie in ebenjener Bewegung, erkunden sie. Es gibt keinen abschließenden Moment, nur „several attempts“. Luca Büchler und Adam Seid Tahir tanzen in Zwischenräumen und -zeitlichkeiten: zwischen Stühlen, Licht und Schatten, Vergangenheit und Zukunft, hier und da. Nach dem Ende ist vor dem Anfang. Es heißt Licht an, Licht aus: zum Schluss, kurz bevor es losgeht.

 

[1] Vgl. Alexis Pauline Gump, Undrowned: Black Feminist Lessons From Marine Mammals, Edinburgh 2020, eine Inspiration für das Stück, wie Adam und Amina Seid Tahir während des „Hangouts“ am Nachmittag dem Publikum mitteilten.

 

Liese Schmidt arbeitet als Künstlerin und im Kulturbereich an verschiedenen Orten und in verschiedenen Sparten. Derzeit studiert sie im Master Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Einem grundsätzlichen Interesse an Kommunikation und Fehlkommunikation folgend, beschäftigt sie sich mit Mythen, Fiktionen und Narrativen, die unser Verständnis von Alltäglichem definieren.

 

Luan (/) Dannerbauer ist Schriftsteller*in, Illustrator*in und leidenschaftliche*r Bastler*in. Nach einem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert Luan derzeit im Master Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie im Master Gender Studies an der Universität Wien. Luan befasst sich mit trans* Praktiken und ortsbezogener Kunst.

 

 
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