Der Schmutz der Farben

Gianna Virginia Prein über Mystery Magnet von Miet Warlop
 
Miet Warlop, Mystery Magnet © José Caldeira
Gianna Virginia Prein über Mystery Magnet von Miet Warlop

 

The machinery is the human fantasy and the aesthetic dimension is the very blood of causality.“ T. Morton, Realist Magic: Objects, Ontology, Causality

 

[1] Herzklopfen.
Ein dumpf pochender Rhythmus begleitet das Eintreten in die Halle G durch die Soundanlage, noch bevor die minimalistische Bühne gesehen wird – ein klassisch schwarzer Tanzboden vor einer weißen Aufstellwand. Darauf liegt, mit ausgestreckten Gliedern, „Fake Fatty“[2][3]: ein Tänzer mit wildem Haar, blauem Hemd, Anzugshose und Fatsuit-Kostüm.

[2] Zitat Miet Warlop im Artist-Talk mit Christopher Wurmdobler.

[3] „Fake Fatty“ nennt Miet Warlop liebevoll ihren Protagonisten, der immer wieder zum Zuschauer innerhalb des Stücks wird.[4] Als animierter Charakter bleibt er eine zwei-dimensionale Karikatur, die irgendwann beschließt, nicht mehr so richtig mitzumachen. Er setzt sich stattdessen auf einen viel zu kleinen Hocker und sieht dabei zu, wie die Figuren sich gegenseitig abmetzeln. Der Slapstick der farbenfrohen, aber gesichtslosen Pom-Pom-Performer*innen[5] demonstriert alleinige Gewaltherrschaft. Ihre pointierte Zerstörungswut, die einer gewissen Komik nicht entbehrt, ist fast schon anarchistisch.[6]

[4] Dem Zusehen zuzusehen erzeugt eine entfremdende Distanz. Bestenfalls Entlastung. Lachen soll bekanntlich erleichtern, und das Publikum macht davon gerne Gebrauch.[7]

[5] Für die überdimensionalen bunten Pom-Poms aus langen Wollfäden, die zu Perückenköpfen werden, zu Bürsten einer Autowaschstraße, zu tropfenden Gedärmen oder zu Stopfwolle, hat Warlop zwar keine vergleichbaren Kosenamen wie „Fake Fatty“, dafür beschreibt sie aber ihre große Vorliebe für Uneindeutigkeiten, die aus der Komfortzone holen, ja bedrohen: „I like these things, these misundersta-, things that you start to believe in in your life and then you’re so disappointed that your teddy bear is actually the one who killed you. But why did you ever think that this was a total 100% sweet thing?“[2]

[6] Anarchistisch inszeniert – ein Widerspruch in sich?
[6] Anarchistisch: schillert zwischen Bedrohlichkeit und Glücksverheißung.
[6] Anarchistisch: wird oft inflationär und viel zu ungenau gebraucht.
[6] Anarchistisch: z. B. zur Beschreibung einer surrealistischen Praxis, die bürgerliche Auffassungen radikal ablehnt und Rausch- und Traumerlebnisse als Inspirationsquellen nutzt. Wo Kausalitäten ausgehebelt werden, Objekte zu Akteur*innen und Körper zu Requisiten[8]. Oder einfach mysteriös. Und das egal in welchem künstlerischen Kontext Mystery Magnet seit 2012 gezeigt und rezipiert wurde (u. a. Berlin Art Week, Kunstenfestivaldesarts, Theaterfestival Basel, Théâtre National de Bordeaux, Festival Internacional de Marionetas do Porto, bald Biennale Di Venezia). Kontexte, die zur Beschreibung des Stücks auch immer wieder bedeutungsvoll auf das andere Feld verweisen. Aber: Was ist denn nun eigentlich hinter der Wand?[9]

[7] Im Sinne der Erleichterung wird das Sprichwort „sich vor Lachen in die Hose machen“ verbildlicht: Drei Performer*innen im überdimensionalen Hosenkostüm mobben „Fake Fatty“ und spritzen dabei aufgeregt gelbe Farbstrahlen um sich. Dieses vandalistische Moment markiert zum ersten Mal im Stück die weiße Wand. Und so morpht das Mysteriöse von einem Publikumslacher zum nächsten, während es auch sinnbildlich immer bunter wird. Die Imagination der Zuschauer*innen gestaltet dabei  die Buchstäblichkeit der Szene in ihrer Flüchtigkeit mit. „Then you keep on questioning and try to see what something is and could become, maybe.“[2]

[8] Requisiten akkumulieren und stauen sich – ein farbenfrohes Schlachtfeld.[10] Ästhetisierte Zerschlagung, niedliche Gewalt, hier und da taucht ein scheinbar harmloser Handtacker oder eine Elektrosäge auf, bis es literweise spritzt und durch den Raum fließt, bis der Schmutz der Farben die Bühne beinahe ganz bedeckt. Die ausgedehnten Verstümmelungen und Ausweidungen erinnern dabei an die Splatter- und Gorefilmästhetik trashiger B-Movies, die ebenfalls Züge von[6] aufweisen.[11]

[9] Die Wand …
…verschluckt!
…klemmt ein!
…wird durchbrochen!
…blutet!
…ist Protagonistin!
…öffnet sich wie ein Vorhang, „and then: we [the performers] just sit there“[2] fast gelangweilt inmitten der Effektmaschinerie.

[10] Mit sanftem motorgetriebenem Flossenschlag schwebt ein Haiballon irgendwann durch eine der aufgebrochenen Wandstellen über das Publikum hinweg. Eine zarte Attacke auf den*die entertainmentwillige*n Zuschauer*in, maybe.
Die dargestellten Situationen überlappen und verschieben sich konstant, nur „Fake Fatty“ bleibt beim Stopfen eines leckenden Lochs eine Weile in der Wand stecken, bis er ganz verschwindet. Kurz vor dem Ende besingt ein Torsochor die Apokalypse[12] im Wollregen bzw. Aschesturm.

[11] … oder eine poppige Auslegung des Deleuze‘schen „oK“, des „organlosen Körpers“, darstellen, der sich dem Organismus widersetzt. Also auch[6].

[12] Postapokalypse ist dann, wenn aufgeräumt wird. Aufgeräumt wird nach Schluss ca. eine Stunde lang. Besen und Nasssauger verschieben die Farbschichten, die sich ineinander vermischen – bei mir ASMR-Kopforgasmus auslösen. Und wieder[1]

 

Gianna Virginia Prein arbeitet als Künstlerin und Autorin. In ihrer Praxis verschränkt sie Schrift und Sprache mit Skulptur und Installation. 2016 Diplom in Szenografie an der Akademie der bildenden Künste Wien, 2018 Sprachkunst und TransArts an der Universität für angewandte Kunst Wien und Print & Time Based Media an der University of the Arts London. Veröffentlichungen u. a. in Spike Art Quarterly, im Katalog zu Tanzplattform 2018, auf Viereinhalbsätze, in Jenny; Beiträge in diversen Künstler*innenbüchern.

 

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