Destuck

Guillaume Paoli über stuck von Doris Uhlich / Gabriele Oßwald / Wolfgang Sautermeister
 
© Torsten Mitsch
Guillaume Paoli über stuck von Doris Uhlich / Gabriele Oßwald / Wolfgang Sautermeister

Gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gilt das Axiom: Utopie bleibt konstant. Die Utopie kennt keine Entropie. Entzieht sich der linearen Abfolge der Geschichte. Kann jederzeit abgerufen werden. So ist es auch mit dem Traum, der ja private Utopie ist. Fantasiebilder kennen weder Alter noch Verfallsdatum. Sie stehen Kind und Greis gleichermaßen zur Verfügung. Nie verwischen sich ihre Konturen. Ohne diese Verlässlichkeit würde ein*e jede*r wahnsinnig werden.

Anders allerdings die Verwirklichung. Vielleicht wäre einmal die schöne Utopie machbar gewesen. Vielleicht war einmal das Mögliche real möglich. Aber die Zeit ist vergangen und mit ihr die Bedingungen, die zur Umsetzung hätten führen können. Dieser träumt seit der Kindheit davon, im Konzerthaus am Flügel zu spielen. Doch hat er eine Buchhalterkarriere angenommen und seine Finger an einer anderen Art von Tastatur getrimmt. Nur im Schlaf feiert er seinen Erfolg. Jene wollte schon immer berühmt werden. Oft träumt sie davon, auf der Straße von einer begeisterten Schar erkannt, fotografiert und bejubelt zu werden. Im Wachzustand muss sie sich mit ihren hundert Facebook-Freund*innen begnügen, die ihre Katzenfotos liken.

Man blickt auf den abgelaufenen Pfad zurück, auf die Wegscheiden, an denen eine Richtungswahl unerlässlich war, und fragt sich: Wurde die Entscheidung wirklich freiwillig getroffen? Oder aus Trägheit? Aus Gewohnheit? Vielleicht aus Angst? Egal, der Traum ist auf der Strecke geblieben.

Ist das ein Grund, auf die Megären der Entsagung zu hören? Wir kennen sie ja, die faulen Ausreden. Es war alles eine Illusion. Ich war nicht dafür prädestiniert. Man muss sich ja mit der Wirklichkeit abfinden. Buchhaltung ist auch interessant. Schließlich habe ich kein schlechtes Leben. Alterung ist eh ein Schiffbruch. Anderen geht es noch mieser.

Nein, nein, nein.

Für die australischen Aborigines ist die Traumzeit, fortdauernde Schöpfungsgegenwart, die eigentliche Realität. Doch ist die Traumzeit nicht unveränderbar. Im Gegenteil, sie lernt aus den Ereignissen des Diesseits. Sie ist zeitlos und doch in permanentem Wandel. Alle Erfahrungen, die man macht, wirken auf die Traumzeit zurück. Daher kann sie Anweisungen für das Handeln geben, ganz gleich an welchem Punkt des Lebenswegs man sich befindet.

Freilich sind wir keine Aborigines. Doch auch für uns kommt alles darauf an, welche Position wir zu unseren Träumen einnehmen. Abnutzung liegt im Kopf der Betrachter*innen. Der Feind ist nicht die Vergänglichkeit. Der Feind, das sind die zermürbenden Diktate des Zeitgenössischen. Fitnesskult, Leistungswahn, Effizienzneurosen. Dagegen lässt sich methodisch vorgehen.

Wer nicht geschmeidig ist, der setze seine Ungelenkigkeit um. Wem die Virtuosität abhandengekommen ist, der erforsche die endlosen Potenzialitäten der Stille. Wer die Mannigfaltigkeit vermisst, der nutze den kargen Raum. Wer der Wucht seiner Jugend nachtrauert, der genieße die konzentrierte Muße. Wer sich überfordert fühlt, der versuche es mit Minimalismus. Wer beim Spiel nicht mithalten kann, der verändere die Regeln.

Und selbst wenn der eigene Körper nicht ganz mitmacht, selbst wenn er für die Selbstentfaltung keine gegebene Bedingung mehr ist, sondern ein Hindernis, er steht nicht allein im Raum. Es sind andere Körper anwesend, die auch mit ähnlichen Beschränkungen zu kämpfen haben. Und sobald sie aufhören, sich auf ihre Wehwehchen und Depressionen zu beziehen, können sie zueinanderfinden. Die kleinen Pannen als Kommunikationsmaterial umdeuten.

Es ist alles halb so ernst. Man kann auch darüber lachen. Selbstironie ist das Antidot gegen Resignation. Und selbst wenn es eine Abschiedsfeier wäre, Hauptsache feiern. Die Frist ist unbedeutend. Es ist nie zu spät.

 

Guillaume Paoli, deutschschreibender französischer Essayist und Philosoph, lebt seit 1992 in Berlin. Mitbegründer der Glücklichen Arbeitslosen, Demotivationstrainer, ehemaliger Hausphilosoph am Leipziger Centraltheater, Autor mehrerer Bücher, zuletzt Die lange Nacht der Metamorphose. Über die Gentrifizierung der Kultur (Berlin 2017) und Soziale Gelbsucht (Berlin 2019).

 

 

 

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