„Die Befreiung der Fantasie ist das Herzstück meiner Forschung“

Interview von Anaïs Heluin mit Nacera Belaza über Le Cercle[1]
 
© Zed
Interview von Anaïs Heluin mit Nacera Belaza über Le Cercle[1]

Gleichzeitig mit den Performances deines letzten Werkes, Le Cercle, tourst du noch mit früheren Stücken von Le Cri (2008) bis zu Sur le fil (2016). Wie wichtig ist der Repertoire-Gedanke für dich?

Für mich ist ein Stück nie beendet. So wie Maler unermüdlich an ihrer Kunst arbeiten, bin ich immer auf der Suche nach größerer Genauigkeit. Einer größeren Freiheit, die für Tänzer*innen aus dem Überschreiten ihrer Grenzen entsteht, aus der Auslöschung geistigen und körperlichen Widerstands. Jede neue Schöpfung erweitert diese Forschungstätigkeit. Indem ich mit den Stücken im Repertoire toure, unterziehe ich sie einer Prüfung durch die Zeit: nur diejenigen, die stimmen – mit anderen Worten, jene, die von mir als Person und dem Kontext ihrer Entstehung abgelöst sind –, bleiben bestehen.

Deine verschiedenen Stücke zeigen eine offensichtliche formale Einheitlichkeit: leere Bühne, Halbdunkel, Musik mit Straßengeräuschen vermischt, repetitive Gesten … Wie erzeugst du die Bedingungen, um jedes Mal deine Grenzen zu überschreiten?

Im Lauf der Zeit habe ich gemerkt, dass jedes Stück um ein Bild herum errichtet wird, das sich während der Arbeit mit den Performern herausschält, und das ihnen allen abverlangt, sich selbst völlig neu zu begutachten. Zurückzugehen über dieselben Orte des Umherirrens und des Zweifels. Bevor ich ein neues Stück in Angriff nehme, habe ich nie eine Vorstellung davon, was daraus werden wird. Und später, bei der Arbeit mit den Tänzer*innen, tue ich alles, um zu vermeiden, dass ich mich einfangen lasse von dem, was ich glaube, über das Stück, das wir erschaffen, zu wissen oder zu sehen. Damit ein Stück existieren kann, muss der anfängliche Spannungspunkt zusammen mit seinem Gegenstück, seinem Kontrapunkt existieren, und das zu finden, kann lange dauern. In Le Cercle zum Beispiel muss die Schnelligkeit der Bewegungen von größerer innerer Ruhe begleitet sein. Ein Stück sollte nicht die Imitation dessen sein, was du denkst, dass es ist. Es sollte die Frucht der Arbeit der Fantasie sein.

Ist diese Arbeit für ein Solo, ein Duett oder ein Gruppenstück immer die gleiche?

Die Befreiung der Fantasie ist das Herzstück meiner Forschung, welche Form sie auch annehmen mag. Bei Kindern ein natürlicher Vorgang, aber bei Erwachsenen viel weniger; bei jeder Gelegenheit befreit dieses Bestreben das Unbewusste auf andere Weise. Für die Tänzer*innen und für mich, sind die repetitive Acht von Le Cri, die langsamen Kreuzungen von La Sentinelle oder die dekonstruierten Bewegungen von Le Cercle Reisen, an denen wir wachsen. Dasselbe gilt für die Zuseher*innen, die stets dazu aufgefordert sind, an der Erschaffung von Bedeutung teilzunehmen. Wenn sie stimmen, müssen meine Stücke das Publikum dazu bringen, sich von seiner üblichen Funktionsweise zu lösen. Sie müssen über den Augenblick der Erregung bei einer Körperperformance hinaus demselben inneren Weg folgen wie die Tänzer*innen.

Du bietest auch regelmäßige Workshops für Amateure und Profis an. Welchen Stellenwert hat das Training in deiner Arbeit?

Für mich war das Unterrichten schon sehr früh mit dem Schöpferischen verbunden. Ich bin Autodidaktin und habe in Frankreich sehr bald begonnen, Unterricht zu geben. Indem ich anderen Tänzer*innen die Werkzeuge vermittle, um ihre Körper in leere Seiten zu verwandeln, in Gefäße für das Geschehen, lerne ich auch selbst sehr viel. Tanz ist für mich eine Schule des Lebens, der Selbsterkenntnis, und nicht nur eine Schule der Gestik.

Auf diese Weise hast du auch ein paar der fünf Performer*innen in Le Cercle gefunden. In dieser Arbeit tritt Dalila Belaza[2] nicht auf. Ist dies ein Wendepunkt in deiner Karriere?

Die Leute fragen mich oft, ob ich mit anderen Tänzer*innen als Dalila arbeiten kann; tatsächlich war die Frage für mich, festzustellen, ob ich ohne sie arbeiten kann! Das tat ich in meinem Solo La Nuit, dann in Le Cercle, das einem alten Wunsch entsprang, ein chorales Stück zu machen. Der Grund dafür, dass es letztlich so lange brauchte, ist, dass die Entstehung eines wirklichen Gruppenbewusstseins, ohne das nichts geschehen kann, eine ziemlich lange Zeit braucht. Um junge Tänzer*innen und Aurélie Berland – mit der ich bereits seit fünf Jahren zusammenarbeite – auf dieselbe Stufe der Introspektion und des Loslassens zu bringen und zwischen ihnen eine gemeinsame Sprache zu etablieren, musste ich sie über die Einzelgeschichten hinausbringen, die sie in ihren Körpern tragen. Zu einer geteilten Bewegung, welche die Individuen bloßlegt und sie aussetzt. Um diese Einheit zu erschaffen, machte ich mich an die Erforschung von Teilen meiner selbst, die ich nicht kannte. Also ist Le Cercle kein anderer Wendepunkt als irgendeines meiner anderen Stücke. Es ist eine Ausweitung, bevor ich wahrscheinlich zu Solos zurückkehre, die für mich immer noch eine schwierige Aufgabe sind.

Die im März geplanten Vorstellungen von Le Cercle mussten coronabedingt abgesagt werden. Das Stück wird 2021 im TQW zu sehen sein.

 

[1] Mit freundlicher Genehmigung von Dries Douibi/Kunstenfestivaldesarts
[2] Nacera Belazas Schwester und häufige Tänzerin in ihren Stücken.

 
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