Die Quadratur des Dreiers

Bettina Hagen über Rule of Three von Jan Martens
 
Jan Martens, Rule of Three © Joeri Thiry
Bettina Hagen über Rule of Three von Jan Martens

„Das Frühstück im Grünen“ von Édouard Manet zeigt im Vordergrund zwei bekleidete Männer und eine nackte Frau am Waldboden sitzend und war genau deshalb im Paris des Jahres 1863 ein Skandal. Ich muss auch an Kasimir Malewitsch und den Suprematismus denken, das schwarze Quadrat und die Vorliebe der malenden Avantgarde zu Beginn des letzten Jahrhunderts für die Grundfarben Rot, Blau und Gelb. Wie hängt das eine mit dem anderen und mit dem Stück Rule of Three von Jan Martens zusammen?

Die Bühne ist bis auf die Gerätschaften des Musikers NAH links hinten leer, prominent prangt die Projektion eines handgeschriebenen Zettels mit Überschriften oder Titeln an der Rückwand der sehr schwarz gehaltenen Bühne. Eine erste Erwartungshaltung wird geschürt: Haben wir jetzt zu jedem Titel eine Musik- oder Tanznummer zu erwarten? Und bedeutet das, dass die erste Nummer „Suddenly Afraid“ heißt? Wenn der Belgier Jan Martens sagt, dass er als Choreograf ein Spätzünder ist und viele Jahre seines Lebens damit verbracht hat, selbst auf den Zuschauer*innenplätzen zu sitzen, weiß er nun, wie er mit den Erwartungen des Publikums in einem Zeitalter der Reizüberflutung und des Aufmerksamkeits-Hopping spielen kann? In seinem aktuellen Stück, das aus den Elementen Musik, Körper, Tanz, Text, Kostüm und Licht aufgebaut ist, ergeben sich immer wieder neue Kombinationen, neue Anregungen, die in den Betrachter*innen Assoziationsketten auslösen. Das Überraschungsspektrum ist groß, während das Farbspektrum klein ist, die Grundfarben Rot, Blau und Gelb regieren alles: von den Kostümen über das Lichtkonzept bis hin zu den Trinkflaschen auf der Bühne.

Ein zentraler Baustein der Show ist der aus Philadelphia stammende Musikproduzent NAH, der live Schlagzeug spielt. Lichtstimmungen und -akzente leiten die Blicke, die wechselnde Soundkulisse führt in die getanzten, zumeist sehr energiegeladen vorgebrachten Szenen. Der Eindruck einer Aneinanderreihung von Intros entsteht. Ein Tänzer in blauem Sportgewand beginnt ein Solo, seine Bewegungen sind eckig mit Betonung auf den Armen, ein zweiter Tänzer in Rot formt den nächsten Augenblick, eine Art lyrisches Pendant. Nachdem auch die Tänzerin in Gelb eingeführt ist, kommt es zu einem der rhythmischen Hauptbilder: Im Lichtfeld eines spitzen Dreiecks und immer einen gewissen Abstand wahrend und einem Muster folgend wird nun gehüpft, was das Zeug hält. Die Stimmung bei diesem Trio ist gut. Bei drei Tänzer*innen wundern viele Trios nicht, aber auch die Duos in unterschiedlichen Konstellationen setzen Gedankenspiralen in Gang. Es gilt dieselbe Devise wie im Netz, ein Klick, ein Fingertipp, die kurze Aufmerksamkeit ist schon der halbe Sieg. Aber natürlich macht es Choreograf Jan Martens sich und uns nicht so einfach. Nach dem letzten Schlagzeugsolo geht sein Musiker erschöpft ab.

Und während die Zuschauer_innen zwar auf ihren Plätzen und zunächst auch im Dunkel bleiben dürfen, geraten sie am Ende doch in den Blick der Tänzer Steven Michel, Dan Musset und der Tänzerin Courtney May Robertson. Letztere hat durch ihre Statur, ihre kraftvolle petiteness, großen Einfluss auf den ästhetischen Ausdruck auch der folgenden engen Dreierkonstellationen. Denn nach einem längeren Blackout sind die Performer nun nackt, sehen sich ihr Publikum aber genau an. Courtney May Robertson hat auch ihre Lippen schön rot. Mit entspannter Zielgenauigkeit bilden sie Körperlandschaften, eines der ersten Bilder erinnert an das eingangs erwähnte Skandalbild von Manet, nur sind in der Performancewelt des Jahres 2018 alle nackt, Männer und Frauen, vom Impressionismus zur Postmoderne ist es auch nur ein Klick, Entzauberung inklusive. Aber Schreiben als Realitätsflucht ist auch keine Lösung, wird mir in dem am Ende projizierten Text nahegelegt; Musik, Tanz und Innehalten vielleicht schon.

 

Bettina Hagen lebt und arbeitet in Wien. Studium der Kunstgeschichte, zunächst als Kuratorin in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien tätig, dann als freie Journalistin (u. a. für Falter und Standard) und Kuratorin in den Bereichen Theater, Tanz und Performance.

 

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