Die Schönheit liegt im Affen

Ruby Sircar über Consul und Meshie von Antonia Baehr, Latifa Laâbissi & Nadia Lauro
 
© Nadia Lauro
Ruby Sircar über Consul und Meshie von Antonia Baehr, Latifa Laâbissi & Nadia Lauro

Die Performance, angesiedelt um die beiden Charaktere Consul und Meshie, ist gefährlich schön. Die Zuschauer_innen wiegen sich in der Gewissheit zeitgenössischer Erkenntnis rund um die Zusammenhänge zwischen der Kritik an westlichem Kulturverständnis, antikolonialer Selbstpositionierung und dem Wissen um die Selbstermächtigung von Subjekten und Objekten. Im Alltag und in der Kunst. Geschickt fädeln die drei Künstler_innen die Einladung auf einen roten Faden auf. Sie laden die Öffentlichkeit mit einem Zitat von Donna Haraway ein, sich Affen als Grenzbewohner_innen zwischen Natur und Kultur im westlichen Sinne vorzustellen: „In den Grenzregionen besetzen Liebe und Wissen deutlich mehr und fruchtbarere Bedeutungsräume.“[1] Und genau das tut die Performance auch.

Spielerisch zerlegen die beiden Primaten Consul und Meshie das Innenleben einer Luxuslimousine, die Schätze und Versatzstücke, die sie aus den pelzigen Geheimfächern zu Tage fördern, sind wahre Fundgruben kultureller Didaktik. Sie beginnen mit einer Memoryspielkopie von Ravensburger und versuchen, den Sinn der männerdominierten Philosophie der Moderne und der Gegenwart zu entdecken. Lust- und Enttäuschungsgeräusche zu Deleuze und Lyotard. Das Spiel wird auf einer Europakarte gespielt, die Umrisse des Kulturraums vermessen. Im Anschluss verwirren sie sich in Gesten: zwischen Affenhaus in einem zoologischen Garten und feministischer Selbstdarstellung wie auch wie auch eine Opposition zum männlichen Voyeurismus in der Kunst. Die Posen stellen so das Bild „Gabrielle d’Estrées und eine ihrer Schwestern“ genauso dar wie Manets „Frühstück im Grünen“.

Die Performerinnen Antonia Baehr und Latifa Laâbissi beziehen sich in ihren Rollen auf die zwei Schimpansen Consul und Meshie. Diese wurden Anfang des 20. Jahrhunderts unabhängig voneinander von Menschen zum Menschsein erzogen und verloren ihre Affigkeit. Dass die Schimpansen in der Performance an eine Mischung aus popkulturellen Versatzstücken („Planet der Affen“) und Hanuman-Languren erinnern, eröffnet weitere Möglichkeiten von Grenzgängen zwischen Lust und kulturellem Wissen. Wahrscheinlich mehr, als die Reinszenierung in einem Schimpansenkostüm zulassen würde. Die Affen sticken im kolonialen Knotenstich gelangweilt ein feministisches Banner, während sie sich über ihre Herkunft und deren Belanglosigkeit unterhalten. Die gestickten Phrasen sind „Jungle“ und „Woman“ – zwei Bilder, die eine Grenze zwischen Geschlecht, Lust und Wissen beschreiben. Wie schon bei „Der Faden der Ariadne“ von Sarat Maharaj[2], der das textile Handwerk als Waffe gegen Sexismus und Kolonialismus beschreibt: Das Sticken wird zur Waffe, und die Subalternen ermächtigen sich selbst in Schrift und Bild.

Das Bild zur außereuropäischen Geschichte wird durch einen antiken Subalternen und dessen Erscheinungsbild geschlagen: Hanuman. In der indischen Mythologie verwandelte der Windgott eine schöne Äffin in einen Menschen, um mit ihr den Superheldenhalbgott Hanuman zu schaffen. Seine Nachkommen bevölkern noch immer die Weiten Südasiens. Die Affenvölker des Mythos waren die indigenen Völker auf dem südasiatischen Subkontinent. Sie bewahrten Wissen, welches außerhalb der geregelten Schriftstücke der Priester_innen- und Lehrer_innenkaste existierte. Die Schönheit der Performance mit ihren vielen möglichen Denkanstößen eröffnet ähnliche Möglichkeiten.

Die beiden weisen Affen ziehen ihre Brillen aus den Futteralen und zeigen dem Publikum ihre Play Faces. Sie zischen und feixen. Genauso wie das wissend lächelnde Publikum. Und wieder packt einen die Schönheit der beiden Performerinnen. So groß und so schön. Gefangen in der letzten Ausformung einer dahinrasenden Kultur. Im Innenleben der Limousine. Sie rezitieren unser Wissen und entziehen es uns. Sie porträtieren sich selbst und summen Ohrwürmer, die uns leer und glücklich im Raum verweilen lassen. Ästhetisch praktiziertes Unlearning. Ja, ich will.

Am Ende hat das Publikum die Chance, sich zu verwandeln und Companion Species zu werden: Consul und Meshie füttern handverlesene und wild verstreute Erdnüsse in den Performanceraum. Diese werden dankbar als Nachsatz von der anwesenden Öffentlichkeit verspeist.

 

[1] Donna Haraway, Primate Visions. Gender, Race and Nature in the World of Modern Science, New York 1989 (Übersetzung von Ruby Sircar)
[2] Sarat Maharaj, Arachne’s Genre: Towards Inter-Cultural Studies in Textiles, in Journal of Design History Vol. 4, No. 2, Oxford 1991 (Übersetzung von Elke Papp)

 

Ruby Sircar hat ein Doktorat in Postkolonialen Studien, war Research Fellow an der Jan van Eyck Academie Maastricht und unterrichtet zurzeit an der Akademie der bildenden Künste Wien. In ihrer Arbeit setzt sie sich mit Feminismen und Antikolonialismus auseinander.

 

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