Die Verkehrung der Widerstände – Zero Covid, Querfront-Demos und das neue dunkle Zeitalter

Reality Check mit Thomas Edlinger
 
© Nicole Albiez
Reality Check mit Thomas Edlinger

Reality Check ist eine vom Theoriekuratorium des Tanzquartier Wien ins Leben gerufene Essayreihe und beschäftigt sich aktuell mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie.

Ich sitze am Computer und halte mich mehr oder weniger konsequent an die Regeln zur Einhegung des Virus, die der Staat ausgibt und die ich im Großen und Ganzen für vernünftig bzw. alternativlos halte. Ich nicke den pandemischen Imperativ des Virologen Christian Drosten ab, der da lautet: „Handle in einer Pandemie stets so, als seist du selbst positiv getestet und dein Gegenüber gehörte einer Risikogruppe an.“ Und ich halte auch dessen Weiterentwicklung durch den Medienwissenschaftler Roberto Simanowski für richtig, die die unterschiedlichen Betroffenheitsszenarien in den Blick rückt: „Handle in einer Pandemie so, dass dein Handeln zur Maxime der gesellschaftlichen Corona-Maßnahmen werden könnte, ohne dass du weißt, wer du selbst in dieser Gesellschaft bist – jung oder alt, Freiberufler oder festangestellt, Single oder Elternteil mit Kind.“

Nimmt man diese Verhaltensempfehlungen ernst, so manifestiert sich soziales Verhalten darin, körperliche Kontakte durch digitale Kommunikation zu ersetzen. Gerade der physische Abstand, den das „touchless life“ an Bildschirmen gewährt, sichert soziale Nähe und gesellschaftlichen Zusammenhalt, heißt es in fast schon Orwell’schem Neusprech. Nun mag man sich einerseits gar nicht vorstellen, wie man Corona ohne den Stand der Digitalisierung im Jahr 2020 hätte begegnen können: ohne KI und ohne schlaue Algorithmen, die die rasante Impfstoffentwicklung überhaupt erst ermöglichten, ohne Homeoffice und ohne Homeschooling. Beide Umstände hätten wohl noch mehr Jobs vernichtet und Lebensperspektiven verdüstert. Andererseits ist auch wahr, dass der Informationskapitalismus der Big Player durch die globalen Lockdowns eine ungeheure Dynamik gewonnen hat. Seitdem Click-&-Collect-Konsum, Homeoffice und gezoomte Freizeittreffen herrschen, gehen die weltweit kaum versteuerten Gewinne der digitalisierten Krisengewinnler durch die Decke, während der Rest sich um staatliche Almosen bemühen muss oder überhaupt sich selbst überlassen wird. Bei allem Verständnis für die Einschränkungen persönlicher Freiheiten im Namen einer staatlichen Kraftanstrengung zur Eindämmung eines Virus: Will man so regiert werden?

Für Michel Foucault war klar, was der Ausgangspunkt von Kritik ist: die Idee, „so nicht regiert zu werden“. Dieses „So nicht!“ bezog sich sowohl auf die Subjektivierungsformen einer von außen zugreifenden Macht als auch auf die Einübung von Selbstunterwerfungspraktiken, die Foucault mit dem Kofferwort Gouvernementalität bezeichnete. Im Zeichen der Pandemie artikuliert sich der Widerstand gegen die Zudringlichkeiten von äußeren Regierungsmächten und inneren Regierungsmentalitäten aber weder in einer Foucault’schen, widerständigen Ästhetik der Existenz noch in einer von Philosophen wie Slavoj Žižek angesichts der Coronabedrohung erträumten Renaissance einer internationalistisch agierenden Vergesellschaftungsform namens Kommunismus, sondern vor allem im zivilen Ungehorsam von zur Paranoia neigenden Staatsfeinden. Diese hören das Wort Maskenpflicht und schreien Diktatur.

Die linke Zero-Covid-Initiative, die einen solidarischen, europaweiten Shutdown fordert und die Impfstoffe zum globalen Gemeingut erklären will, formiert sich bezeichnenderweise im Netz als Unterschriftenliste, aber nicht als sichtbarer kollektiver Körper in der Öffentlichkeit. Die Straße und der kamerataugliche Protest, ja die gemeinsame Bewegung von Körpern schlechthin scheinen in pandemischen Zeiten, einschlägigen Reportagen etwa im „Falter“ zufolge, von einer wüsten Mischung aus Coronaleugner*innen, Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretiker*innen und generell verwirrten Geistern gekapert zu sein. Diese schöpft nicht nur aus der verständlichen Pandemiemüdigkeit vieler, sondern auch aus dem schon lange dahinköchelnden Bodensatz der Impfskepis. Das Misstrauen gegen „Pharmalobby“ und „Impfmafia“ speist sich schon länger aus dem Unbehagen an einem historisch gewachsenen Verständnis der Medizin als autoritärer Zwangsapparat, das sich etwa auch in der Antipsychiatriebewegung der 1970er-Jahre äußerte. Überzeugte Impfgegner*innen beziehen sich mehr oder weniger artikuliert auf eine Geschichte der Kritik an der modernen Biopolitik, die frei nach Foucault mehr mit klinischen Einschließungsmilieus, medizinischen Normierungssüchten und Populationsdressurakten als mit einem Dialog auf Augenhöhe zu tun hat. Anhänger*innen von Verschwörungstheorien mögen zwar weder Foucault noch dessen Herleitung der Disziplinargesellschaft aus dem Maßnahmenkatalog der Seuchenbekämpfung kennen. Gleichwohl verwahren sie sich gegen Obrigkeiten, unkritische Wissenschaftsgläubigkeit, einen allzu machtvollen Staat, der das Leben von Bevölkerungen diszipliniert, und eine Biomacht, die Kontrolle in Selbstkontrolle übergehen lässt.

Ein esoterisch-narzisstisches Gebräu aus Heilpraktik, Homöopathie, Ganzheitsmedizin und Zurück-zur-Natur-Verweisen lehnt daher eine zugleich als zu engstirnig wie auch als zu zudringlich aufgefasste Schulmedizin der selbstherrlichen Götter in Weiß ab. Zudem wirft die antikapitalistisch getönte Variante der Impfkritik der Pharmaindustrie das vor, was man jeder Unternehmensform vorwerfen kann, nämlich die Abhängigkeit von Profiten. Diese wäre das verschleierte wahre Motiv für diverse Impfkampagnen, die die Gefahren von Impfungen für das freie Individuum verharmlosen und zugleich den gesellschaftlichen Nutzen übertreiben würden – eine Sichtweise, die im Einzelfall, siehe etwa die Propagierung der Zeckenimpfung in Österreich, durchaus diskutierbar ist. Im Regelfall aber nehmen Impfgegner*innen die Rolle der freiheitsliebenden Störenfriede ein, die sich nicht vom Gouvernantenstaat in die Knie zwingen lassen wollen. Sie halten (siehe etwa die in den letzten Jahren wieder aufflammende Debatte zu Für und Wider der Masernimpfung) ihre Kinder für resistent genug, denken aber ungern daran, dass nicht jedes Kind auf jeden Keim gleich reagiert. Die Etablierung einer Corona-Herdenimmunität durch entsprechende Durchimpfungsraten erscheint aus dieser Perspektive als ein gesundheitspolitisches Anliegen, das jene anderen verwirklichen sollen, die nicht auf ihre natürlichen Abwehrkräfte vertrauen können oder wollen. Der offensichtliche Antiimpfegoismus offenbart nicht nur den ideologischen Erfolg der neoliberalen Propaganda für mehr Eigenverantwortung und eine Deregulierung einer zur Geldverschwendung umgedeuteten staatlichen Fürsorge, sondern weist auch auf eine zutiefst unsolidarische, rechte Denkungsart hin. Diese unterscheidet nicht nur zwischen weniger schützenswertem, rassistisch abgewertetem Leben und schützenswertem Leben, das über biologische Zugehörigkeitskriterien wie die Kernfamilie definiert ist. Sie hängt auch einem Gesundheitsphantasma an, das Gesundheit im eigenen Lager und das Infektiöse, Virale und Hinfällige im Körper der anderen verortet. Wer am Ende einer Pandemie zum Opfer fällt, hat es also letztlich nicht anders verdient, war nicht stark genug, war keiner von uns. (In dem Fall ist das generische Maskulinum durchaus recht am Platz.)

Impfkritiker*innen identifizieren aus ihrer Logik des permanenten Verdachts gesellschaftlich durchgesetztes, von den Eliten anerkanntes Wissen rasch als Herrschaftswissen. Darin nähern sie sich der Methodik von Verschwörungstheorien an, die nicht einfach irrational sind, sondern eine vermeintlich besonders hintersinnige Antwort auf die Unverständlichkeit der Welt anbieten. Der verschwörungstheoretische Antrieb steckt in der im Prinzip ja berechtigten Frage, die auch die Ideologiekritik gegen sogenannte Verblendungszusammenhänge mobilisiert: Wer sagt und macht was aus welchem Interesse? Verschwörungstheoretiker*innen gehen von der prinzipiellen Unterstellung verborgener Interessen aus, an deren Entlarvung sie mitwirken – wodurch sie vom passiven Opferstatus in das wesentlich attraktivere Selbstbild des aktiven Rebellentums wechseln. Die Pose des Rebellentums kann auch ganz oben eingenommen werden: Trump rebellierte gegen die dunklen Machenschaften des „Deep State“. Erdogan setzt sich seit Jahren gegen aus dem Ausland gesteuerte Putschversuche zur Wehr. Jörg Haider und Silvio Berlusconi waren die Helden des Widerstands gegen das Establishment, die mit antiinstitutioneller Pose die höchsten Stellen des Staats kaperten und zugleich stellvertretend für den viel zitierten „kleinen Mann“ das Leben auf der Überholspur narzisstisch genießen durften. Entscheidend ist dabei, dass sich diese autoritäre Machtform als Kurzschluss von Führer und Volk präsentiert: Wir zusammen gegen die da oben. „Alles, was ihr seid, verdankt ihr mir; alles, was ich bin, verdanke ich euch“, sagte Adolf Hitler, der ebenfalls überall Verschwörungen witterte bzw. welche erfand, um dagegen seine Vernichtungsfantasien zu mobilisieren.

Das Problem mit den Verschwörungen besteht aber nicht nur darin, dass ihre angebliche Existenz für üble Zwecke instrumentalisiert wird, sondern auch darin, dass es tatsächlich Verschwörungen gibt. Die Geschichte der Politik ist voll von Geheimpakten, mafiösen Verbindungen und verdeckten Absprachen. Die Wirtschaft lebt nicht nur von offen ausgetragener Disruption und Konkurrenz, sondern auch von geheimen Preisabsprachen, illegalen Kartellbildungen, Schwarzgeldflüssen und diversen anderen „Tatplänen“, wie es in der Urteilsbegründung gegen Exfinanzminister Karl-Heinz Grasser hieß. Was aber all diese Operationen von den Unterstellungen imaginärer Weltverschwörungen sicher trennt, ist ihre konkrete Machbarkeit. Reale Verschwörungen sind sowohl durch das Ziel als auch durch die einbezogenen Akteur*innen begrenzte, aber daher auch durchführbare Aktionen, die auf Verschwiegenheit und Kompliz*innenschaft angewiesen sind, aber immer auch Gefahr laufen, aufgedeckt zu werden.

Im Zuge des durch Corona ausgelösten neuen Digitalisierungsschubs erscheinen datenbezogene Verschwörungen sich aber in einem undurchsichtigen Nebel zu verflüchtigen. Der Künstler und Internettheoretiker James Bridle hält den Schlüsselbegriff der Cloud, also das Wolkige, Undurchschaubare, nicht nur für ein ideologisches Blendwerk für das sich in Datencentern, Glasfaserkabeln und Serverfarmen materialisierende Internet. Er beschreibt es zugleich als eine durchaus adäquate Bezeichnung für die Intransparenz des Netzes. Während wir im Netz unseren Neigungen nachgehen, betreiben Datenverarbeitungsfirmen wie Cambridge Analytica maßgeschneidertes politisches Zielgruppenmarketing. Andauernd fallen in unserem Online-Leben Daten ab, von denen wir nichts wissen, die wir nicht durchschauen und die von Akteur*innen verwertet werden, deren Motive und Ziele uns nicht einsichtig sind. Daher bezeichnet Bridle unsere Ära auch als „New Dark Age“. Der Offenheit der Netzwerkgesellschaft stehen diverse geheimdienstliche oder unternehmerische Aktivitäten gegenüber, die im Dunkeln agieren und Anschlüsse kappen. Wenn von diesen informationsbasierten Verschwörungen etwas ans Licht kommt, dann als Leak. Was aus dessen Einsichten politisch folgt oder eben gerade nicht folgt, steht dann auf einem anderen Blatt.

 

Thomas Edlinger, geboren 1967 in Wien, ist Radiomacher, freier Kulturjournalist, Kurator und Buchautor. Seit 1995 ist Edlinger gemeinsam mit Fritz Ostermayer Gestalter und Moderator der FM4-Sendung Im Sumpf. Von 2002 bis 2004 war er Kurator im O.K. Centrum für Gegenwartskunst in Linz, von 2004 bis 2006 Kurator im LENTOS Kunstmuseum Linz. 2015 veröffentlichte er den Essay „Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik“. Seit 2017 ist er Künstlerischer Leiter des donaufestival in Krems. Edlinger lehrt im Fachbereich Kunst- und Wissenstransfer an der Universität für angewandte Kunst Wien. Er ist einer von drei Theoriekurator*innen am Tanzquartier Wien.

 
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