DIY-Fantasy

Flora Löffelmann über Everybody’s Fantasy von Jen Rosenblit
 
Jen Rosenblit Foto von Ink Agop
© Ink Agop
Flora Löffelmann über Everybody’s Fantasy von Jen Rosenblit

Die Uraufführung von Everybody’s Fantasy, die für den 19. März 2021 geplant war, musste aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie verschoben werden. Nichtsdestotrotz war Jen Rosenblit und ihr Team für intensive, finale Proben in der Halle G im Tanzquartier Wien zu Gast. Flora Löffelmann war Zeugin eines abschließenden Videodrehs.

 

Mit Everybody’s Fantasy präsentiert Jen Rosenblit eine Arbeit, die sich subtil mit erotischen Fantasien auseinandersetzt und dabei auf eine einfühlsame, sich verletzlich machende und selbstbestimmte Art mit bestehenden Blickregimen bricht. Gertrude Steins „Everybody’s Autobiography“ (1937), Nachfolgewerk zu der aus der Perspektive ihrer Lebenspartnerin Alice B. Toklas verfassten Autobiografie, bildet den thematischen Rahmen dieser Auseinandersetzung mit Normen und der ihnen vorausgehenden gesellschaftlichen Konstruktion. Stein, die durch ihre berühmten Pariser Salons und ihre lesbische Beziehung zu ihrer Zeit herrschende Vorstellungen von Weiblichkeit subvertierte, wird zum Vorbild eines neuen Verhältnisses zu naturalisierten Ordnungen und zur Patin für ein Denken, das, seiner Zeit voraus, die Normalität dessen postuliert, was erst viel später gesellschaftliche Akzeptanz finden sollte.

Der epistemischen Norm des „Male Gaze“, der danach bestrebt ist, Bestehendes vereinnahmend zu klassifizieren und seinen Wünschen unterzuordnen, setzt Rosenblit das phänomenale Erfahren verschiedener Artefakte und der sich im Zusammentreffen mit ihnen ergebenden Zustände entgegen. Die verwendeten Gegenstände werden, wenngleich in ihrer Optik bestechend alltäglich, nicht als passiv ihre Interpretation erwartende Entitäten konzipiert, die erst durch an sie gerichtete Wünsche zum Leben erweckt werden, sondern als eigenständige Konversationspartner*innen, die sich in ihrer glamourösen Inszenierung dem Blick stets ein wenig verschließen. Erst in der Interaktion geben sie ihr Bedeutungsspektrum preis, das jedoch nie als abgeschlossen anzusehen wäre, ist es doch immer präsent als grundlegend bestimmt durch die Körperlichkeit, die Perspektive und das Begehren jener, die mit ihnen in Kontakt treten.

Rosenblit ist der beispielhafte Fall des Körpers, der sich in diese Kontaktzone begibt, etabliert aber durch ihre Praxis keine Hierarchien, an denen sich andere abarbeiten müssten: Indem sie beharrlich in verschiedenen Gesten und durch ihre einladende Präsenz die Grenzen zwischen Betrachtenden und Performenden infrage stellt, kreiert sie einen Safe Space und lädt die Zuseher*innen zum imaginativen In-Kontakt-Treten ein, ohne dass die Art und Weise, wie das geschehen sollte, dabei schon von Rosenblits Beispiel vorbestimmt wäre. Jenseits hegemonialer Deutungsnormen erhält das, was, als „Kink“ klassifiziert, schon die Konnotation der Abweichung, Deviation in sich tragen würde, den Status des Normalen. Plumpen Vorstellungen von Erotik, die auf das Bedienen vorstrukturierter Bedeutungsmöglichkeiten gepolt wären, setzt Rosenblit das individuelle Erfahren und Neuverhandeln, das spielerische Entdecken und das „Proben für das Paradies“, in dem alle jenseits von gesellschaftlichen Normen ihre eigenen Begehren erkunden dürfen, entgegen.

Li Tavor und Gérald Kurdian steuern dazu ein dynamisches elektroakustisches Bühnenbild bei und wirken durch die Art, wie sie als Körper in die Performance einbezogen werden, an der Denaturalisierung einer weiteren epistemischen Norm – jener des binären Geschlechts – mit. Gemeinsam exemplifizieren Rosenblit, Kurdian und Tavor, dass die Neuverhandlung etablierter Geschlechternormen einen Bruch mit althergebrachten Interpretationsweisen umfassen sollte, jedoch nicht an diesem Punkt stehen bleiben darf: Rosenblits Umgang mit den beiden anderen ist geprägt von derselben Neugierde und Bestimmtheit, die sie den Artefakten, die den Rahmen ihrer Auseinandersetzung bilden, angedeihen lässt, und stellt die Grenze infrage, die oft zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Beteiligten an erotischen Fantasien etabliert wird.

 

Flora Löffelmann promoviert am Institut für Philosophie der Universität Wien und ist Gründungsmitglied des Veranstaltungs- und Performancekollektivs Philosophy Unbound.

 

 
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