Drei Punkte

Gianna Virginia Prein über G.E.L. von Gleb Amankulov / Claudia Lomoschitz / Lau Lukkarila
Slideshow
 
G.E.L.
© Moritz Franz Zangl
Gianna Virginia Prein über G.E.L. von Gleb Amankulov / Claudia Lomoschitz / Lau Lukkarila

Schmieren, Fisten, Fetten – eine schwarze Dose, die an die Verpackungen von Muskelboostern erinnert – die daraus entnommene vaselineartige Substanz lässt die Haut im Scheinwerferlicht glänzen und oszilliert mit den Bewegungen der vier Performer*innen, die daran riechen, gleiten, abrutschen, zwischen Gleitmittel und Hormongel, Körperflüssigkeit und Schutzschicht.

Gel ist weder flüssig noch fest noch gasförmig. Die Substanz liegt im Dazwischen. Lau Lukkarila, Claudia Lomoschitz, Gleb Amankulov und Soundkünstler Manuel Riegler schauen einander fragend an und nicken sich dann zu, denn was gut ist, ist, in einem Team Konsens zu pflegen, und was auch gut ist, ist, sich vor dem Sport aufzuwärmen. In ihren schwarzen Polyester-Trainingsanzügen joggen sie nebeneinander los, von einer Seite der Bühne zur anderen und retour, wieder und wieder. Rhythmische Soundmuster und Wiederholungen im Videoschnitt verstärken die immer gleich bleibenden Bewegungen des Sports. Eingesprochene Stichwörter begleiten die schnellen Schnitte wie Gedankenfetzen und setzen den inhaltlichen Rahmen der Auseinandersetzung der Künstler*innen: „sound of hormones / touch is like food / I’m hungry /sensitive in public transport / it comes in waves / will this happen to me too / discourse runs in my blood / stress / medical stuff / menstruation / ejaculation“ u.a.  – physische und psychische Zustände, durch die sie sich selbst und ihr Miteinander verhandeln.

Und so geht das Training weiter, von Fußball über zu Kontaktimprovisation, Kümmern, Kämpfen, Kuscheln, Raven, solistisch ausgeführtem lateinamerikanischem Paartanz in Quastenhose oder dazu, sich wie Kinder an den Händen haltend im Kreis zu drehen. In einem blau-roten Lichtkegel pulsieren und zittern die Körper der Akteur*innen am Boden, werfen membranartige, bunte Schatten und erinnern an eingefärbte Zellkulturen in Petrischalen, die meist auch auf einem gelierten Nährmedium wie Agar kultiviert werden, was eine einfache optische Kontrolle ermöglicht. Die von Rieglers Sound begleiteten, teils vorgegebenen Bewegungen verhandeln bio- und soziopsychologische Faktoren und loten körpereigene und -fremde Kommunikationssysteme aus. Die Interdisziplinarität der Performer*innen und ihrer durch unterschiedliche Kontexte geprägten Körperlichkeiten (professioneller Fußball, Paartanz, Sound, bildende Kunst) sowie den Einfluss ihres Daseins aufeinander wird bewusst und nicht unironisch zur Schau gestellt: Mit Infrarotmassagedelfinen üben sie zur Entspannung punktuell Druck aus oder verzerren damit ihre Stimme. Das Überziehen gleicher Trainingsjacken, die durch aufgestickte Namen personalisiert sind, deutet nicht nur den teamhaften Zusammenhalt an, sondern kann auch als Einverleibung der Kontexte der anderen verstanden werden.

Die Frontalität der Bühnensituation und die Trennung vom (virtuellen) Auditorium werden regelmäßig durch die sich verändernde Distanz und Perspektive der Kamera aufgelöst. Dadurch werden Berührungen, Gesten und Mimik stärker mitempfunden. Eine Art Zäsur bilden kurze Momente des gemeinsamen (Inne-)Haltens, die meist den Übergang zwischen zwei Szenen markieren – bevor es zur Verausgabung kommt, umarmen sich die Performer*innen. Umarmung als Trost für den verinnerlichten Leistungsdruck? Dieser Eindruck des kritischen Sichentziehens, ja der Weigerung wird verstärkt durch den Bühnenraum, der weiß und clean zurückbleibt und keine sichtbaren Spuren der Projektionen oder der körperlichen Betätigung aufweist. In diesem Sinne werden die Punkte im Titel der Aufführung G.E.L. auch zu Pausen, die das Wort „Gel“ in seine Bestandteile zergliedern. Die einzelnen Buchstaben könnten Abkürzungen für andere Bedeutungsträger sein, wie „General Endocrine Life“, „Group Element Laboratory“ oder „Generated Emotional Level“. Eigentlich setzen sie aber gerade durch ihr offen gelassenes Dazwischen einen Punkt bzw. drei Punkte.

 

Gianna Virginia Prein arbeitet als Künstlerin und Autorin. In ihrer transmedialen Praxis untersucht sie Überschneidungen von körperlichen und technischen Phänomen mit posthumanistischen Konzepten. Diplom in Szenografie an der Akademie der bildenden Künste Wien, Sprachkunst und TransArts an der Universität für angewandte Kunst Wien und Print & Time Based Media an der University of the Arts London. Veröffentlichungen u. a. in Spike Art Quarterly, im Katalog zu Tanzplattform 2018, auf viereinhalbsätze.com, in Jenny; Beiträge in diversen Künstler*innenbüchern.

 

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