Ein Brief an Barbara

Philipp Gehmacher über Wer will kann gehen von Barbara Kraus
 
Wer will kann gehen © eSeL
Philipp Gehmacher über Wer will kann gehen von Barbara Kraus

Barbara, es ist gar nicht so einfach, über deinen Abend Wer will kann gehen zu schreiben. Dieser Brief ist mein dritter Versuch, dieses deiner Arbeit gewidmete Fest zu fassen. Zwanzig, dreißig Jahre sind eine lange Zeit, jedoch nicht einfach weg, immer wieder da und vielleicht gar nicht lange her.
Happy birthday by the way.

Es ging um so viel. So viel von deiner zwanzigjährigen Zusammenarbeit mit Johnny wollte gesagt werden. Du wolltest ihn und sein Geburtsstück Wer will kann kommen feiern. Und du wolltest die bravouröse Leistung von dreißig Jahren künstlerischer Arbeit zu einem Fest für uns alle werden lassen. Es wurde ein großes Fest, und gefühlt waren alle da, die dich in diesen vielen Jahren begleitet haben. Das war sehr besonders. Und irgendwie auch der Wahnsinn.

Als eingeladener Freund und Kollege durfte ich schon nachmittags die Feier miteröffnen. Claudia Heu, Elisabeth Löffler, Nadja Schefzig, Daniel Aschwanden, Jack Hauser und ich haben versucht das Besondere und Spezifische deiner Arbeit Revue passieren zu lassen. Es wurde persönlich, da wir letztendlich ja alle auch immer über unsere eigene Geschichte redeten. Wir sprachen über die Geschichten und die vielen Facetten deiner Arbeit, die vielen Bereiche, denen du dich gewidmet hast. Von Geschlecht und Identität zu Ökologie und Migration, vom Tanzen zum Gehen. Die vielen Begegnungen und unsere gemeinsame Geschichte wurden eins, so wie der Mensch Barbara Kraus auch immer mit der Künstlerin Barbara Kraus gemeinsam besprochen wurde. Ihr zwei wart nicht zu trennen.

Kunst und Leben sind in deiner Arbeit nicht voneinander zu trennen. Genauso wie Johnny und du nicht voneinander zu trennen sind. Ein Kommen und Gehen. Du und Johnny, ihr wechselt einander seit zwanzig Jahren ab, mal übernimmt er, mal du. Doch es gibt in dir immer Platz für viele. Als „die Kraus“, wie Johnny dich nennt, beherbergst du die Blaue, die Julie, Miss Twiggy wie die Alte und natürlich die Aloisia, die, wenn auch zu einem anderen Zeitpunkt geboren, dein Fest fulminant eröffnete.

Doch deine Vielen, sie bekommen nicht alle Aufträge ihrer Chefin. So als wäre auf den Johnny am meisten Verlass. Und somit kommt Johnny immer wieder, immer wieder ein Comeback. Es ist ihm nicht zu entkommen. Er ist so unterhaltend und manchmal nicht auszuhalten. Du lässt ihn oft vorausgehen, aber du holst ihn immer ein. Denn ohne Kraus kein Johnny. Ihr seid im ewigen Dialog und geht eigentlich schon immer Hand in Hand.

Eine Bühne ist allein nicht zu betreten. Das geht gar nicht. Wir werden immer zu mehreren, sobald wir uns dieser Sichtbarkeit hingeben. Und du bringst immer viele mit. Besonders zu diesem Fest. Sie sollten alle kommen, die vielen Figuren und Ideen. Auch die Freund*innen erschienen diesmal wieder und wurden durch meinen Blick zu fast unheimlichen Figuren ihrer selbst. Du machst für sie Platz, vielleicht um dich in Anderen zu zeigen. Oder damit wir uns alle in Anderen wiedererkennen. Und gleichzeitig bist du mit Johnny, der auch noch immer mitreden will. Das ist nicht immer leicht auf einer Bühne, auf der sich viele Menschen und Ideen vermengen. Denn auf der Bühne sind wir immer viele. Und neben Johnny und dir war an diesem Abend nicht immer so viel Platz. Ihr hattet so viel zu sagen und zu teilen.

Ich denke, Wer will kann gehen will wie dein tägliches Leben das Viele und die Vielen in uns anerkennen. Du feiertest eine Verbindung zu den Figuren deines Lebens mit Menschen, die du bewunderst, Menschen, denen du dich stellen möchtest, Menschen, denen du Sichtbarkeit geben möchtest. Das Leben auf die Bühne bringen. Freund*innen, Kolleg*innen, sie werden engagiert, Teil deiner Welt zu werden. Und diesen Samstag sollten wirklich alle erscheinen, Expert*innen des Lebens, wie du selbst eine bist.

„Die Kraus“ ist immer im Werden, vom „becoming“ angezogen. Du und deine Vielen, ihr kämpftet oft um euer Dasein, euer Da-sein-Dürfen. Hier sein. Dreißig Jahre Arbeit für die Berechtigung, hier zu sein, selbst zu sein, nein, selbste, multiple Identität. Figuren treten auf und ab. Sie gehen nicht, bevor sie nicht gekommen sind. Das Werden ist bei dir so zentral wie das Spiel und das Fest: Geht es bei dir doch um nichts Geringeres als selbst werden in dieser Welt, dieser Welt das eigene Selbst anzuvertrauen. Und das muss im Leben gefeiert werden. Bevor es zu spät ist.

Über die Jahre sind deine Arbeiten Einladungen an uns zum Mitgehen geworden. Geht doch einfach mit. Dein Publikum muss mitgehen, um mitzukommen. Wer zurückbleibt, scheidet aus. Als Publikum deines Fests werden wir Zeug*innen einer gehörigen Portion von Exzessen, die deine Performances oft ausmachten. Du willst mitteilen und teilen, und an diesem Abend ganz besonders. Ein Zusammenkommen. Lasst uns doch endlich alle zusammenkommen. Seht ihr nicht, ich habe mir sogar mein eigenes Geburtstagsfest organisiert. Was für ein Kraftakt! Was für eine Leistung!

Es ist dein unverhandelbarer Sinn für Freiheit und Gerechtigkeit, der uns auch diesmal kommen lässt. Du erinnerst jene, die mit dir mitgehen durften und mitgekommen sind, immer wieder an den eigenen Wunsch nach dieser unverblümten, individuellen Freiheit. Und du erinnerst mich an die Frechheit, die wir uns herausnehmen müssen, um zu gehen, zu kommen, und zu bleiben. Aber wohin soll’s gehen, wohin sollst du gehen? Meine Glückwünsche sind Wünsche für deine Zukunft. Für den Rückblick auf vierzig Jahre Barbara Kraus wünsche ich mir ein Trio von Aloisia, Julie und Barbara Kraus.

Du sollst dir Zeit nehmen, um zu schreiben, all das endlich aufzuschreiben. Dieser lange schon gegangene Weg. Du kannst kommen und gehen, wie du willst, mach dir keine Sorgen. Denn manchmal verschwindest du auch. Du kannst so gut verschwinden. Du bleibst lange, aber wenn du gehen musst, dann gehst du. Barbara Kraus muss dann einfach gehen, im Gehen sein, queren und überqueren. Fünf Monate überquerte sie die Alpen ganz allein. Aber nie einsam. Denn sie ist viele.

 

Philipp Gehmacher ist Choreograf, Tänzer und bildender Künstler, lebt und arbeitet in Wien. Seine künstlerischen Arbeiten verwenden Körper und Sprache als Formen der Äußerung, den gebauten wie institutionellen Raum, wie das Objekt und die Skulptur. Mit diesen Arbeiten zwischen Black Box und White Cube ist Philipp Gehmacher international auf Theaterfestivals und in Ausstellungsinstitutionen vertreten, so u.a. im Tanzquartier Wien, im Museum der Moderne Salzburg, beim steirischen herbst (Graz), der Biennale of Sydney, dem Baltic Circle International Theatre Festival (Helsinki), dem Leopold Museum, dem mumok in Wien und dem Griffith University Art Museum in Brisbane. Gehmacher ist zudem Mentor und Lehrer an renommierten Ausbildungsinstitutionen wie P.A.R.T.S in Brüssel, HZT in Berlin, DOCH in Stockholm und an der Universität Salzburg.

 

 
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