Models of Reality

Ein Essay von Stefan Grissemann
 
© Chris Haring
Ein Essay von Stefan Grissemann

Das Prinzip der Form, die der Funktion zu folgen habe, avancierte in den Design-Utopien der vor 100 Jahren gegründeten Bauhaus-Schule zu den entscheidenden Leitsätzen. In Models of Reality wird, auch auf Basis dieser Idee, den „Funktionen“ einer Komposition für Raum, Bewegung und Klang eine choreografische Form gegeben. Durch zugespielte Materialgeräusche – den Sound von Glas, Holz oder Kunststoff – entstehen abstrakte Orte. Wie entspricht man akustischen Architekturen? Und was tun sie den Körpern an, die in ihnen existieren? Man spielt Anziehung und Abstoßung, Ab- und Zuwendung durch, man ringt miteinander (oder um etwas), während es aus den mobilen Lautsprechern kracht, knirscht, ächzt und schleift: Zeremonien des Dehnens und Zerrens. Das Ensemble agiert mit unergründlicher Logik im Gewirr der Stimmen, formt die Bedeutungsfragmente, die Gesangssplitter, all die synthetisch gehäckselten foreign tongues, die Musik und das Geräusch in körperliche Emotionen und zwischenmenschliche Schau-Beziehungen um.

Choreografien sind mobile Designs, ätherische Konstruktionen. Die Bühne, die sie brauchen, ist eine Foucault’sche Heterotopie, ein „Gegenraum“, der sich allen anderen Räumen gleichsam widersetzt. Diese Zwischenwelt wird den akustisch-tänzerisch definierten Kunstfiguren, die sich da herausbilden, zum Spielfeld. Selbstbestimmt denken sie, auf der Suche nach sich selbst, die klingenden Räume neu, dringen in fremde Zonen vor.

Das Phantasma der Überwindung von Kraftgrenzen und Formzwängen, der physischen Erweiterung, ist in der Popkultur dominant: Wir phantasieren von Mutationen, von übermenschlichen Fähigkeiten, verzauberten, erweiterten, verbesserten Körpern, sind in unseren Tagträumen und Nachtbildern stets anderswo, „außerhalb“. Der Körper, in dem man gefangen ist, darauf weist Michel Foucault hin, bleibt ein Fremder, ein Rätsel. Erst im Akt der Liebe, in der Berührung durch den Anderen, holt der Körper sich selbst ein, werden seine unsichtbaren Teile erkenn- und fühlbar. Die Umarmung spielt in Models of Reality folgerichtig eine zentrale Rolle: Wenn die fluiden Figuren, verwandelt durch den sehr konkreten material noise, der sie wie eine Schutzhaut umgibt, sich gegenseitig umfassen, sich ineinander blenden, werden sie skulptural. So wird der „Gegenraum“ von jenen „Gegenkörpern” erobert, die mit ihm buchstäblich korrespondieren, ihm erst Genüge tun.

Form follows function, der Zweck legitimiert die Mittel; es liegt aber etwas Gespenstisches in dem Begehren, Menschen zum „Funktionieren“ zu bringen, sie so radikal zu „optimieren“, dass sie bruchlos ineinander aufzugehen drohen. Aber unter dem dünnen Eis der Anpassung an Ökonomie und Anti-Ornamentalismus liegen Subversion, Resistenz und Extravaganz: Die Körper, die in Models of Reality entworfen werden, können ihren utopischen Kern nur erreichen, indem sie dem Funktionalismus, dem sie verzweifelt hinterherzujagen scheinen, mit jeder ihrer verschwenderischen Bewegungen leise Hohn sprechen.

 

Stefan Grissemann leitet das Kulturressort des profil. Lehraufträge an der Filmakademie und der FH Wien. Zu seinen Buchpublikationen gehören eine Studie zur Arbeit Ulrich Seidls sowie die erste Biografie des aus Wien stammenden B-Picture-Stilisten Edgar G. Ulmer.

 
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