Headbanging im Menschentiergarten

Stefan Grissemann über ON THE CUSP von Ian Kaler
 
© Märta Thisner
Stefan Grissemann über ON THE CUSP von Ian Kaler

Wer sich auf eine Bühne stellt, um etwas darzubieten, bringt nicht nur Erlerntes, Geprobtes, Performatives mit, sondern glücklicherweise auch sich selbst. Die schönen Mischverhältnisse, die sich im Zusammenspiel von Vorgabe und Eigensinn entwickeln können, werden in On the Cusp bestens gelaunt und mit hintergründigem Witz zelebriert.

Auf wie viele verschiedene Weisen man etwa seilspringen kann, verdeutlicht das wunderbar heterogene Ensemble des schwedischen Cullbergbaletten gleich eingangs: euphorisch oder ermattet, kraftraubend oder im Energiesparmodus, seitwärts oder ganz orthodox, im Takt oder rhythmusresistent. Und die unaufhörlich rotierenden roten Springschnüre pfeifen und sirren leise vor sich hin. On the Cusp: ein Sportstück. Auf der Breitbildleinwand im Hintergrund fällt künstlicher Regen (er geht später auch auf die Gesichter der Performer*innen nieder), die Gruppenbewegung endet, Stille tritt ein. Als das Einsetzen der Musik eine neue Passage ankündigt, formiert sich die Gruppe entlang einer stilisierten grauen Kastenwand – abstraktes Hybrid aus Spindreihe und Klettermauer – neu; wie in Zeitlupe stellt sich ein Menschenknäuel her, das sich in (nur scheinbar) chaotischer Form gegen, auf und über die Wand wälzt. Aus der Unordnung wachsen Artistik und tänzerische Präzision. Die synthetischen Hymnen, die Planningtorock dieser Inszenierung zuliefert, sorgen für subtile Dramatik und bassintensivierte Schubkraft: elektronischer Minimal Brass in dynamisierenden Loops.

Das spielerische Ringen zwischen kollektiven und individuellen Kräften, zwischen Ungleichzeitigkeit und Synchronizität orchestriert der Choreograf Ian Kaler in einer Szenenfolge, die den Gegenwartstanz aus alltäglichen, wie zufällig gesetzten Gesten destilliert. Die unkonventionelle Schönheit seiner Raum- und Bewegungsanordnungen spitzt sich lustvoll in einer Art Action-Dancing-Sequenz zu: Zu verschleppten Beats werden paarweise Ringkämpfe angedeutet, bei denen nur freundlich abgeklatscht, nicht zugeschlagen wird. Das aus der Popkultur abgezogene Bewegungsarsenal umfasst Headbanging, Streetdance und Hip-Hop-Bouncing – man schlittert auf Unterschenkeln, Bäuchen, Armen oder Rücken, man hüpft wie im Rap-Video und robbt wie im Militärcamp durch den Raum. Die Grenzen zwischen den Genres und Domänen verfließen, den vielfältigen Assoziationen werden – in Videobildern, auf musikalischen Abwegen, aber auch in den zugespielten Field-Recordings von Kinderstimmen und Straßenlärm – keine Grenzen gesetzt. Die Choreografie schillert zwischen Realismus und Stilisierung, spielt auf Tanzjargons an und bricht sie fast augenblicklich wieder. Der Scheitel- oder Umkehrpunkt, den der Titel nennt, könnte diesen Grenzgang meinen.

Der Rückzug in die Regression ist da nur konsequent; die Performer*innen entwickeln Ticks, scheinen die Mimik und die aus überschüssigen Energien geformten Bewegungen der Kinder, die nun auch in den Videobildern auftreten, nachzuempfinden. Sie beginnen, erst unmerklich, dann immer systematischer, zu zucken und zu zittern, zu zappeln, sich zu schütteln, sie grimassieren, geben leise Geräusche von sich, atmen stoßweise: die Bühne, ein Menschentiergarten. Ein autoritärer Pfiff aus der Trillerpfeife mahnt schließlich zur Ordnung, zum Abbruch der laufenden Ereignisse, zum Abgang der Spieler*innen. Die Kinder, scheinbar unbeobachtet, tun tonlos auf der Leinwand weiterhin nur das, was sie tun möchten. On the Cusp ist ein Plädoyer für die kindliche Verausgabung und Selbstentäußerung, für die Schönheit der zweckfreien Verschwendung.

 

Stefan Grissemann leitet das Kulturressort des profil. Lehraufträge an der Filmakademie und der FH Wien. Zu seinen Buchpublikationen gehören eine Studie zur Arbeit Ulrich Seidls sowie die erste Biografie des aus Wien stammenden B-Picture-Stilisten Edgar G. Ulmer.

 

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