humans’ flesh is their own, the water belongs to the tribe [1]

Ruthia Jenrbekova über Bodies of Water von Julischka Stengele
 
© Barbis Ruder
Ruthia Jenrbekova über Bodies of Water von Julischka Stengele

„Zu verschwinden, in tiefes Wasser oder einen fernen Horizont, ein Teil zu werden von der Tiefe der Unendlichkeit; das ist das Schicksal der Menschen, die ihr Bild im Schicksal des Wassers wiederfinden.“
Gaston Bachelard

 

Ich habe von dir geträumt. Es war ein feuchter Traum. Alle Träume sind feucht, weil sie aus Nebel sind, geformt aus jenen Dünsten und Dämpfen, die aus den Tiefen des Unbewussten zur gekräuselten Oberfläche der Sinneswahrnehmung aufsteigen. Diese Oberfläche ist trügerisch, wechselhaft, flimmernd und mit dem magischen Netz gebrochenen Lichts bedeckt. Schau durch diese Muster hindurch: Wen siehst du? Das bist natürlich du, wer denn sonst? – versteckt hinter einem Spiel aus Licht und Schatten, vom Fruchtwasser unlösbar und noch unfähig zu atmen. Du bist die warme Ursuppe, der Schleim. Du bist noch nicht geboren, aber die Geschichte deines Lebens wird bald beginnen. Welches Schicksal erwartet dich? Du musst weiter hinsehen: Schaffst du es, diesen Blick zu halten?

Die Oberfläche kräuselt sich wieder, und siehe da – ein Neuankömmling, aufgetaucht aus einer Lösung aus Blutgeschmack. Willkommen in der Oase der Menschheit! Im Augenblick bist du so frisch und voller Kraft in deinem sportlichen Schwimmanzug, dass du nach dem Spiel des Lebens gierst. Du wirst dir deinen Weg durch das Meer suchen, dessen Tiefen sich an all die Leben erinnern, die schon lange vor deiner Geburt existierten und schon lange vor dir wieder verschwanden. Bisher bist du von all diesen Misserfolgen noch nicht entmutigt. Viele sind zwar schon ertrunken bei ihrem Versuch, dieses Meer zu durchkreuzen, aber schlimme Dinge passieren immer nur den anderen, nicht wahr? Jedenfalls wird das Glück genau auf dich herunterlachen. Warum sonst hätte all das beginnen sollen?

So wirst du in den menschlichen Wettlauf geschickt, tauschst deinen Besitz mit dem Besitz von anderen: Wasser für Wasser, Zahn für Zahn. Du glaubst, dein Durst kann gestillt werden; ganz so als wärst du vom Klischee eines anständigen Lebens verzaubert, das aus einem alten Schönheitsmagazin entnommen ist: ein junger und gesunder Körper, der sich sanft und friedlich hinlegt, an seiner Seite ein kleiner privater Pool, randvoll mit smaragdblauem, kristallklarem Wasser. Der Pool schimmert mit dem Versprechen von Glückseligkeit; er sieht so echt aus, so greifbar nah! Es lohnt sich bestimmt, du brauchst nur deine Hand auszustrecken … Und so streckst du sie aus und beginnst, anderen das zu geben, was dir gehört: Wasser für Wasser. Du gibst deine Spucke und deine süße Milch an deine Liebsten, gibst deine bitteren Tränen an deine Verstorbenen und gibst deinen salzigen Schweiß an jene Geldkörper, die dich in ihren globalen Sweatshops halten und dir Wohlstand versprechen im Austausch für unermüdliche Schufterei. Von diesem Versprechen bist du verführt. Schließlich bekommst du dafür ein gutes Leben an einem kostbaren, smaragdfarbenen Pool, der allein dir gehören wird! Und siehe da – hier ist er schon – viel Spaß!

Im nächsten Moment ist der Lichtstrahl, der vom Himmel herunterfällt, plötzlich weg und das Trugbild verschwunden – willkommen in der Wüste der Realität! Du realisierst, dass du gar nicht schwimmst, sondern auf dem trockenen Boden liegst, beschwert durch das Gewicht deiner Umstände, deiner Schwäche, deiner Armut und deines Leids. Du hast geglaubt, deine Säfte und deine Milch, deine Tränen und dein Schweiß würden dir dabei helfen, das zu bekommen, wonach du dich sehnst, aber du bist leer ausgegangen. Du musst dich betrogen fühlen. Nur die Wüste könnte dir den wahren Preis des Wassers sagen, und das weißt du jetzt. Wasser ist unbezahlbar, weil es niemandem gehört. Wie Wüstennomad*innen sagen — dein Fleisch gehört dir, aber dein Wasser gehört dem Stamm. Und das bedeutet, dass es allen gehört, die diesen kleinen blauen Planeten bewohnen. Wasser wird geteilt, nicht getauscht. Und dieses neue Wissen stürzt das alte Bild der Menschheit, wo du Teile von dir für Geld opfern musstest, um dir ein anständiges Leben zu verdienen. Du bist in der Wüste – aber jetzt spürst du, dass in dir ein ganzer Ozean ist.

Da warst du also in meinem Traum, nackt, gewahr und gewürdigt mit dem neuen Bewusstsein darüber, wer du bist: ein menschliches Wesen, nichts mehr als ein wertloser Behälter aus Wasser, nichts weniger als der furchtlose Geist des Feuers. Du kannst nur das hergeben, das ohne jede Garantie ist. Und du hast deine Wasser auf die Menschen ausgespuckt, hast elegant einen spielerischen Brunnen aus dir freigesetzt, wie eine Walkünstlerin und so als würdest du sagen: Schau, ich habe so viel, dass es schon jetzt für alle reicht.

 

[1] „Das Fleisch eines Menschen gehört ihm*ihr, sein*ihr Wasser gehört dem Stamm.“ Das ist eine Paraphrase aus Frank Herberts Roman Dune (1965), in dem die Fremen, nomadische Menschen in der Wüste, ein Sprichwort haben: „A man’s flesh is his own, the water belongs to the tribe.“

 

Ruthia Jenrbekova ist Künstlerin/Wissenschaftlerin aus Almaty, Kasachstan. Sie arbeitet als interdisziplinäre Post-Studio-Künstlerin und Kulturvermittlerin. Sie ist Mitbegründerin des imaginären Instituts krёlex zentre (gemeinsam mit Maria Vilkovisky). Interessengebiete: queere Ökologien, materielle Semiotik, performative Ästhetik, kunstbasierte Methoden. Derzeit ist sie Doktorandin im Rahmen des PhD-in-practice-Programms an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Sie lebt und arbeitet in Wien und Almaty.

 

Übersetzung: Barbara Juch

 

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