In Wut, Ungeduld und Zweifel

Christa Spatt über den Schwerpunkt Imagining otherwise – How do we move from here?
 
© Leontien Allemeersch
Christa Spatt über den Schwerpunkt Imagining otherwise – How do we move from here?

Am 23. Juni 2020 schreibt mir Janine Jembere in einem E-Mail: „Du hast von Emanzipation geschrieben und ich fand es ganz interessant, dass das so eine Doppelbedeutung hat: also einmal jemanden freilassen – und dann, reflexiv, so wie es heutzutage verwendet wird, ‚sich selbst‘ befreien. Es geht also irgendwie um Zurichtungen/Zwänge/Besitz/Hoheit über Körper und ihre Auflehnung dagegen.“ Am Abend des 6. November 2020 tauschen wir uns (mit sehr positivem Fazit) über den Vortrag Double Bind von María do Mar Castro Varela aus, der eben auf Zoom stattgefunden hat. Janine beendet ihre Nachricht: „In Wut, Ungeduld und Zweifel.“ Das mag wie eine Zumutung klingen, ist aber tatsächlich eine Ermutigung. Es ist eine Perspektive, eine Möglichkeit, sich weiterzubewegen. Der von Janine Jembere, Bettina Kogler und mir konzipierte Schwerpunkt Imagining otherwise fragt eben: How do we move from here? Von der klaren Unzufriedenheit mit den herrschenden Machtverhältnissen und strukturellen Ungerechtigkeiten, von der Analyse, wie es dazu kam und welche Dynamiken den Status quo aufrechterhalten, zum Schritt nach vorn mit Fragen wie: Wie können wir in der Kunst und im Kunstbetrieb soziale Ungerechtigkeiten bekämpfen? Welche künstlerischen Praxen und Diskurse sind dafür relevant? Wie kann man diese (weiter-)entwickeln und schärfen? 

„You and me and everyone’s theatre are not neutral.“ (Aus: The History of Korean Western Theatre von Jaha Koo)

Eigentlich wäre María do Mar Castro Varelas Vortrag bereits der vierte Programmpunkt von Imagining otherwise gewesen. Eröffnet hätte Katerina Andreous Uraufführung von Zeppelin Bend, gefolgt von Jaha Koos The History of Korean Western Theatre. Und bereits am Morgen des 6. November hätte Tonica Hunter im Studio 2 begonnen, in einem Research-Labor mit Künstler*innen, Kulturarbeiter*innen und Aktivist*innen Fragen nach Ästhetiken des Widerstands nachzugehen. In der Woche danach hätte Cherish Menzo ihr Solo JEZEBEL gezeigt, und Joana Tischkaus Performer wäre im Solo Being Pink Ain’t Easy auf der Bühne gestanden. Das Labor fand ebenso wie Castro Varelas Lecture online statt, die Performances konnten aufgrund der Maßnahmen gegen die Verbreitung des Covid-19-Virus nicht wie geplant gezeigt werden. 

„To construct new knowledge in order to deconstruct old knowledge“ (Katerina Andreou über die Arbeit an Zeppelin Bend)

In ihrem Vortrag sprach María do Mar Castro Varela basierend auf der Arbeit von Gayatri Chakravorty Spivak davon, dass Emanzipation nach dem Wissen um das Gewordensein verlangt und dass Zweifel nicht ein Problem, sondern Teil der Lösung sei. Zweifel, der nicht in die Verzweiflung führt, sondern notwendig ist, um sich selbst als Teil der Hegemonie zu hinterfragen. Und der produktiv werden kann im Rahmen der Arbeit im (institutionalisierten) westlichen Kunstkontext, wenn man kreierend oder kuratierend an und mit der Imagination arbeitet. Castro Varela spricht vom Streben nach einer „zwangsfreien Neuordnung von Begehren“ und einer – so wie wir das im Tanzquartier immer wieder versuchen – „Kunstproduktion, die den Status quo nicht stabilisiert“, sondern erschüttert – wie in den Arbeiten von Katerina Andreou, Jaha Koo, Cherish Menzo und Joana Tischkau. 

„The responsibility that comes with privilege“ (Klara Kostal im Manifest „our perfection lay on our knowledge of our imperfection“)

Als Abschluss des Labors von Tonica Hunter erarbeitete die Gruppe ein künstlerisches Manifest, das in seiner Form eine Neu- oder Umdeutung der Gattung des Manifests ist und in seinem Inhalt – so Tonica Hunter im Vorwort – „Widerstand re-imaginiert“. Dieses Manifest ist eine Polyfonie vieler Stimmen in Form von Fotografien, Video, Poesie, Musik, Mode und Text. Nichts ist „vereinheitlicht“ oder „zusammengefasst“, Kompliziertes wird nicht „vereinfacht“. Der „Style Activism“ von Faris Cuchi Gezahegn etwa steht neben Klara Kostals sehr persönlicher Reflexion über Privilegien, Adia Trischlers überraschender Auseinandersetzung mit „asymmetry and ancestry“ oder Imani Rameses’ choreografischem Score. 

„Triggered by these collisions and contradictions“ (Cherish Menzo über die Motivation, JEZEBEL zu entwickeln)

Imagining otherwise wird im kommenden Jahr als Research-Reihe fortgesetzt mit künstlerischen Laboren von u. a. Andrew Tay & Stephen Thompson, Ligia Lewis und der Projektgruppe Border-Dancing Across Time.

Das Ergänzen/Kontextualisieren der Performances unseres Spielplans durch Vorträge sowie Research- und Vermittlungsprojekte kann vielleicht – und hier folge ich einem Gedanken von Fred Moten – ein anderes Bezugnehmen auf die Kunst anregen bzw. unterstützen: nicht nur das Bild oder die Performance zu betrachten, sondern mit den Perspektiven, die sich in ihnen finden, auf die Welt zu schauen. Wo auch immer und wann auch immer, wir werden mit Cherish Menzo, Jaha Koo, Katerina Andreou, Joana Tischkau und vielen anderen wieder in und auf die Welt schauen können. In Wut, Ungeduld und Zweifel.

 

Christa Spatt kuratiert seit 2018 Tanz und Performance sowie Labore und Research-Formate am Tanzquartier Wien. Von 2005 bis 2017 war sie Artistic Director der [8:tension] Young Choreographers‘ Series. Sie hat englische und russische Literatur sowie Projektorientierte Bildungs- und Kulturarbeit in Salzburg, Wien und Moskau studiert.

 
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