It’s so nice to be powerless

Magdalena Hiller über Meyoucycle von Bauer/Peck/ICTUS
 
© Anne van Aerschot
Magdalena Hiller über Meyoucycle von Bauer/Peck/ICTUS

Wir schreiben das Jahr 2013. Eleanor Bauer fährt mit dem Fahrrad und sie hat keine Zeit. Keine Zeit für ihre Facebook-Freunde, weil sie ja auf Instagram Likes sammeln sollte. Keine Zeit für Instagram, weil sie ja auf Twitter lustig sein sollte. Keine Zeit für Twitter, weil sie ja das Weltgeschehen verfolgen sollte. Oder doch endlich lesen, ins Theater gehen, kochen oder Freunde treffen?
Buddha würde sagen, sie sollte einfach Fahrrad fahren.
Die Performerin Eleanor Bauer aber setzt sich an den Computer und notiert den inneren Monolog.

In diesem 2013 hat Dave Eggers gerade seinen zukünftigen Weltbesteller „The Circle“ veröffentlicht, einen ziemlich flachen Roman, den George Orwell mit „1984“ schon einmal besser geschrieben hat und der eine Welt zeichnet, in der alles von der titelgebenden Firma „The Circle“ datenbekrakt wird. Wer sich nicht als „transparent“ deklariert und seinen Alltag minutiös der Öffentlichkeit im sozialen Netz präsentiert, gilt als schwer verdächtig.

Wir schreiben das Jahr 2018 und Dave Eggers´ Dystopie ist fast Realität geworden. Und Eleanor Bauers Fahrradgedanken haben es zur ersten Szene ihres Stücks Meyoucycle gebracht. „Meyoucycle“, das klingt schlampig ausgesprochen wie „Musical“ und dieser bewusst schwache Wortwitz würde im Neuland Internet mit dem Hashtag „#dadjoke“ versehen werden und eher nicht besonders viele Likes bekommen. Genau daran lag der Reiz für Eleanor Bauer – trotz bescheuertem Titel eine Förderung zu bekommen. Quod erat demonstrandum. Und wieso gerade ein Musical? „Es gab eine Zeit, in der ich eine große Wut auf die Performance-Szene hatte und ich mir dachte – fuck it – ich gehe an den Broadway, liefere jeden Abend das gleiche ab und gehe danach einfach wieder nach Hause.“, so Eleanor Bauer im Gespräch. Diese Idee wurde verworfen, stattdessen begann Eleanor Bauer gemeinsam mit dem Musiker Chris Peck ihre eigene Vorstellung des Genres zu verwirklichen.

In Meyoucycle geht eine Gruppe von Menschen ins digitale Exil. Sie verweigern sich jenem Internet, das voll mit Meinungen ist und mit Informationen geizt, in dem jeder Akteur permanent zum Performer seiner optimierten Online-Persona wird, wo jede Äußerung potentiell von einem Unternehmen „freundlich unterstützt“ sein könnte und die einzige Möglichkeit der wirklichen Meinungsfreiheit jene ist, die Klappe zu halten. Der Ort an dem sich die „Emotional Hackers“ und „Poetic Terrorists“ vorm digitalen Totalitarismus zurückziehen, ist eine Insel. Unter freiem Himmel, vor im Wind wippenden (Plastik-)Palmen und dem hellen Mond, leisten sich die Eskapisten den Luxus ungehört zu bleiben und ihre alltäglichen Emotionen und Erlebnisse nur für sich selbst musikalisch und choreografisch zu verarbeiten.

In einer Zeit in der jede hinterlassene Datenspur im Netz Geld bedeutet, ist dieser absolute Rückzug ins Private auch eine Abkehr vom Kapitalismus per se. Den Rückzug als Aufbegehren propagiert schon seit Mitte der 80er der US-amerikanische Philosoph und „Lifestyle Anarchist“ [1] Hakim Bey, auf dessen Werk sich Eleanor Bauer in „MeYouCycle“ immer wieder bezieht, und der auch den Begriff des „Poetic Terrorism“ (der kürzlich auch vom Modemagazin Hypebeast für ein Balenciaga-Editorial ausgeschlachtet wurde), geprägt hat. Bey schlägt in seinen Essays die Einrichtung von „Temporären Autonomen Zonen“ vor, in denen alle Strukturen zugunsten der Entfaltung unbändiger Kreativität zerschlagen werden sollen.

Dem Initiationsritus, welchen die „Emotional Hackers“ und „Poetic Terrorists“ und ihre dreiköpfige Live-Band auf die Bühne ihres „Theatre of Nowhere“ bringen, wohnt genau diese unbändige Kreativität inne, von der Bey wohl gesprochen hat. Hier haben Tango und Gospel genauso Platz wie Referenzen an Musical-Klassiker wie Chicago oder Grease. Doch auch die analogen Weltverbesserer sind von ihren eigenen Ideen korrumpierbar, und so gerät die Vorstellung auf der Anarcho-Insel zur Werbeveranstaltung. „Befreit euer Fleisch von seinem Namen. Und lasst euren Ausweis für immer in der Geldbörse! Lasst uns alle eines werden!“ ruft einem Eleanor Bauer im Stile evangelikaler TV-Prediger zu. Verlockend, weiß man doch noch von der vorherigen Schunkelballade, eindringlich vorgetragen von Gaël Santisteva, wie schön es sich anfühlen muss, gänzlich „powerless“ zu sein. Für Großteile des Publikums dürften jedoch die zwei Stunden, die das Handy während der Aufführung im Flugmodus verbracht hat, für den Digital Detox ausreichen. Zumindest vorerst.

 

[1] Bookchay, Murry; Social Anarchism or Lifestyle Anarchism (1995)

 

Magdalena Hiller hat Wirtschaftsrecht und Kulturrecht in Wien, Graz und Tokyo studiert. Von 2011 bis 2015 erkundete sie auf ihrem Blog „Vierte Wand“ die österreichische Theaterszene.

 

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