Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Amelie Schneider über Princess von Eisa Jocson
 
© Jörg Baumann
Amelie Schneider über Princess von Eisa Jocson

Who is the fairest of them all?

 

Der Raum verdunkelt sich, Eisa Jocson und Russ Ligtas betreten die weiß ausgelegte Tanzfläche. Mit minimalen Bewegungen beginnen sie die Vorstellung des heutigen Abends, der durch synchrones Schwanken und mit minimaler Mimik eingeleitet wird. Allmählich erwachen die beiden Prinzessinnen zum Leben.

Die Performance „Princess“ ist der erste Part der dreiteiligen HAPPYLAND-Serie. Dieser Teil behandelt die Tatsache, dass Disneyland Hongkong zwar einer der wichtigsten Arbeitgeber für philippinische Tänzer*innen der Entertainment-Industrie ist, jene jedoch aufgrund ihrer Hautfarbe nur als Nebenrollen einsetzt. Diese Positionen werden auch weitaus geringer bezahlt.

Russ Ligtas bezeichnet sich selbst als polydisziplinärer visueller Künstler und Performer. Eisa Jocson hat einen vielfältigen Background in Ballett, Pole-Dance und Macho Dance, eine Art von Performance, die unter philippinischen Tänzern in Schwulenbars gängig ist. Es scheint eindeutig: Sie erkennen Stereotypen der Geschlechter, verarbeiten sie, und rücken sie somit in ein kritisches Licht.

Im Laufe des Stücks werden die beiden Prinzessinnen zunehmend aktiver und belebter. Hierbei erkennt der*die Zuseher*in Elemente aus dem Film „Schneewittchen“ wieder, aus dem die beiden Künstler*innen Bewegungen und Sprechparts beziehungsweise die Sprechweise übernommen haben. Als die beiden beginnen, mit dem Publikum zu interagieren, ist dieses zunächst perplex. „What’s your name?“ wird man gefragt, und weiß zunächst nicht, ob eine Antwort erwünscht wird. Schneewittchen, in ihrer überspitzt lieblichen und respektvollen Art, zieht somit zur nächsten Person weiter und fragt sie liebevoll: „What kind of whitening cream do you use?“

So dringen die beiden tiefer in den Raum der Zuhörenden ein, regen sie zum Gespräch an, brechen dieses abrupt wieder ab. Hierbei bleibt ihnen stets das Prinzessinnen-Lächeln im Gesicht bestehen und sie stecken auch das Publikum mit ihrer freundlichen Zugangsweise an. Dass dies nur Fassade ist, ist einem als Zuschauer*in stets bewusst, und oft kann man gar nicht anders als im Hinterkopf wiederholt das Wort „creepy“ zu vernehmen. Später rücken die beiden mehr in die Rolle der Performerin in Disneyland, tuscheln auf ihrer Landessprache und ziehen sich langsam auf die Tanzfläche zurück.

Schließlich folgt der Ausbruch aus der Rolle der vermeintlich perfekten Prinzessin. Früher perfekt ausgeführte Sätze sind inkomplett oder werden willkürlich wiederholt. Schneewittchens brechen in sich zusammen, gehen dann erneut auf das Publikum zu, diesmal jedoch weitaus aggressiver, echter. Sie qualmen förmlich über, kreischen fast, legen schließlich ihre Prinzessinnen-Stimmen ab und lassen die Zuhörenden mit einem unwohlen Gefühl tiefer in ihre Sitze sinken. Die Stimmung ist angespannt, der Augenkontakt mit den Performenden unangenehm. Allmählich stülpen sie ihren Rock über den Kopf, verschwinden darunter, legen schmuckhafte Kleidungsstücke ab. Nun tragen sie ein anderes, einheitliches, doch immer noch schneewittchenhaftes Kleid, reden ruhig und authentisch. Sie richten sich wieder an das Publikum, aus der fremdsprachigen Unterhaltung lassen sich nur einzelne englische Begriffe heraushören. Schlussendlich ziehen sich die beiden an die Seite der Tribüne zurück und die Vorstellung ist zu Ende.

Schneewittchen wird als liebliches, wohlerzogenes und respektvolles junges Mädchen präsentiert, sie kümmert sich um den Haushalt der Zwerge und darf im Gegenzug bei ihnen wohnen. Hier läuten womöglich berechtigterweise die Alarmglocken der Geschlechterrollen. Doch im anschließenden Artist Talk macht Eisa erkennbar, dass das Mädchen eine in ihrer aussichtslosen Situation durchaus legitime Handlung ergriffen habe und sich als eine Art Dienstleistungstausch mit den Zwergen darauf geeinigt habe, auf diese Art und Weise den beiden Parteien einen Vorteil zu verschaffen. Nichtsdestotrotz fällt Eisa und Russ nach mehrmaligem Betrachten des Filmes auf, dass sie tatsächlich fast von Beginn bis Ende dabei ist, Hausarbeit zu verrichten. Dass dies jungen Mädchen als Idealbild vermittelt wird, sei problematisch: Schneewittchen verhält sich mehr wie eine erwachsene Hausfrau als „prinzessinnenhaft“, geschweige denn ein Mädchen ihres Alters.

Eine ebenfalls schockierende Erkenntnis, die die beiden KünstlerInnen im Rahmen ihrer ausgiebigen Recherche für das Stück machen mussten, ist die Tatsache, dass es sogenannte „Prinzessinenakademien“ gibt. In diesen sollten junge Mädchen angeblich lernen, wie echte Prinzessinnen zu sein. Hierbei werden den meist ausschließlich dunkelhäutigen Kindern ihre Vorbilder vorgeführt, die stets von weißer Hautfarbe sind.

Nach dem Artist Talk verlässt das restliche Publikum die Halle G, viele ins Gespräch vertieft, manche in eigene Gedanken. Besonders eines sollte nach der Performance in den Köpfen bleiben, und auch über die Außenwände des Veranstaltungsortes hinausgehen: Für Eisa ist diese Performance nicht nur Kritik, sondern vor allem ein Vorschlag. Ein Vorschlag, sich von traditionellen Mustern wie dem schneeweißen Schneewittchen loszulösen, und sich somit gegenüber Neuem zu öffnen. Denn nicht nur das philippinische Mädchen, sondern auch ihr großer Bruder sollen das Recht haben, einmal Prinzessin zu sein.

 

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien (Dr. Olga Kolokytha).

 

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