Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Julia Reiff über Trigger of Happiness von Ana Borralho & João Galante
 
Trigger of Happiness © Leonor Fonseca
Julia Reiff über Trigger of Happiness von Ana Borralho & João Galante

Seelenstriptease der Superlative

„Eintritt erst zu Vorstellungsbeginn!“, lautete die Anweisung der Mitarbeiter*innen des Tanzquartier Wien, während das Publikum schon gespannt auf die neue Dokumentarperformance von Ana Borralho und João Galante wartete. Neben den Programmbroschüren zog ein Behälter, gefüllt mit Gehörschutzstöpsel, seine Aufmerksamkeit auf sich, da bereits dumpfe laute Klänge aus der Halle G zu vernehmen waren. Mit Betreten des Saals war man tatsächlich schon mitten im Stück angekommen. Im Halbdunkel suchte ich meinen Sitzplatz und beobachtete gleichzeitig die zwölf in ausgelassener Stimmung tanzenden Performer*innen. Aus dem Programmheft wusste ich, dass sich junge Erwachsene mit einer altbekannten Frage beschäftigen werden: Wie können wir in einer unglücklichen Gesellschaft glücklich sein? Das Bühnenbild bestand aus einem großen, langen, weißen Tisch, welcher an da Vincis „Das letzte Abendmahl“ erinnern sollte. Auf einer Leinwand wurden verschiedene Standorte in Wien, Teheran, Villach, Freilassing, Chiemsee und einige mehr im Wechsel eingeblendet. Im Artist Talk nach der Show erfuhr das Publikum, dass dies die Heimatorte der Akteur*innen waren. Gleichzeitig erinnerte die Szenerie an eine tanzende Discomeute zu später Stunde. Die Performer*innen tanzten ausgelassen, teils nur für sich, dann miteinander, es wurde geklatscht und auch der ein oder andere Laut war zu hören.

Lichtwechsel – Stimmungswechsel.

Nach und nach nahmen die Damen und Herren an der Tafel Platz, ein paar tanzten noch ausgelassen, doch schließlich kam auch die letzte junge Frau zur Ruhe. Die Stille wurde durch laute Atemgeräusche unterbrochen, ein paar junge Erwachsene schunkelten noch zu ihrem inneren Rhythmus. Ein Mann stand auf und holte eine speziell konstruierte Pistole. Vor der Pistolenmündung wurde ein mit Farbpulver gefüllter Luftballon montiert, welcher bei Betätigung der geladenen Waffe sofort zerplatzte. Das System des Stücks war simpel, jedoch hochemotional. Schnell war klar, dass die Akteur*innen eine Art russisches Roulette spielten. Die Waffe, welche als Symbol für den Trigger stand, machte die Runde. Nach und nach hielt sich jede*r Einzelne die Pistole an den Kopf. Wann der Luftballon jedoch platzte, wusste niemand. Die Spannung der Beobachtung lag darin, mit welchem Widerwillen, welcher Angst, Gleichgültigkeit, Begierde oder Hoffnung die Waffe den Weg zur Schläfe fand. Jedes Individuum reagierte anders darauf, die Einen konnten es kaum erwarten, dass der Luftballon platzte, andere wirkten erleichtert, dass die Waffe noch nicht abschussbereit war. Wenn es den Ballon mit einem kurzen Knall zerriss, wurden die Performer*innen nicht nur mit Farbpulver bekleckert, sondern fanden auch einen Zettel mit einer darauf stehenden Frage vor. Was auf dem Stück Papier stand, wusste, um Vorurteile zu vermeiden, lediglich der*die Akteur*in, dem*der diese Aufgabe per Zufall zugeteilt wurde. Antwort darauf zu finden und seine*ihre Geschichte dazu zu erzählen, war Teil des Spiels. Es wurden Themen wie Sexualität in jeglicher Form, Gewalt in Familien, Elternbild, Politik, Abschiebung, Familienverhältnisse, Beziehungen, Alkohol und Drogen aufgegriffen. Themen, die einem aus Borralhos und Galantes Arbeiten bekannt sind. Zu Beginn saßen alle Performer*innen noch zu Tisch und kommentierten in einer offenen Gesprächsrunde die Gefühlsausbrüche der Kolleg*innen. Nach und nach lockerte sich das statische Bild der sitzenden „Abendmahlgesellschaft“ auf und es wurde rein nach Impuls getanzt, Sitzplatz gewechselt, getrunken, gegessen, umarmt, massiert, liebkost und gegen Ende fielen auch physisch die Hüllen.

Jedoch nicht alle folgten zunächst dem Flow des Loslassens und der scheinbaren Unbeschwertheit. Manche Teilnehmer*innen saßen still da und wirkten sehr verschlossen, schüchtern und versuchten sich lediglich als stille Beobachter*innen. Nach und nach öffneten auch sie sich und jede*r bekam die Zeit und den Raum, den er*sie brauchte um seine*ihre Geschichte zu erzählen. Ich beobachtete junge Erwachsene, welche einen Seelenstriptease hinlegten und darauf hofften, mit ihren für sich selbst absurden Gedanken und Gefühlen nicht alleine zu sein. Warum denke ich so? Warum handle ich in gewissen Situationen so, wie ich es eben tue? Bin ich ein schlechter Mensch? Wie kann ich jemandem so etwas antun? Bin ich so wie mein Vater – so wie ich nie werden wollte? Wie ich es selbst aus Alltagssituationen kenne, reagierten einige während und nach den Erzählungen sehr bedrückt, andere versuchten ihre Gefühle mit einem peinlich berührten Lachen zu überspielen und manche fielen sofort in eine Art Verteidigungshaltung und redeten den Betroffenen gut zu. Auf die Leinwand im Hintergrund, welche zu Beginn die verschiedenen Herkunftsorte zeigte, wurde nach jedem Pistolenschuss in ein anderes Fenster projiziert. Es waren jeweils drei Perspektiven der privaten Zimmer der Akteur*innen gleichzeitig zu sehen: Die Ansicht des gesamten Raumes, die Sicht aus dem Fenster und ein persönlicher Lieblingsspot oder Gegenstand im Zimmer.

Ana Borralho & João Galante arbeiteten in ihrer Performance „Trigger of Happiness“ immer mit lokalen Performer*innen, welche in der Regel keine „Profis“ sind. Das Spannende für das Künstler*innen-Duo ist, dass sie den Cast erst während der einwöchigen Probenwoche kennenlernen. Anhand von aufgestellten Regeln, was im Stück erlaubt ist und was nicht, arbeiten sie gemeinsam auf die Premiere hin. Was das Kreativteam und die zum großen Teil schauspielerisch unerfahrenen Akteur*innen hier in kurzer Zeit auf die Beine stellen konnten war grandios. Die Geschichten gingen unter die Haut und es wurden viele gesellschaftliche Tabuthemen angesprochen. Die Vorstellung endete mit einem schönen Schlussgedanken: „Wenn ich wissen möchte, warum mich der Typ nicht zurückruft, warte ich nicht und verzweifle an der Grübelei. Ich stehe auf, klopfe an seine Tür und gehe der Sache auf den Grund! Schließlich bin ich alt genug und für mein Glück selbst verantwortlich!“

 

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien (Dr. Olga Kolokytha).

 

Alle Beiträge im TQW MAGAZIN

 
Loading