Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Julia Lenart über La Caresse du Coma - Ange 92Kcal von Anne Lise Le Gac
 
© Olivier Sarrazin
Julia Lenart über La Caresse du Coma - Ange 92Kcal von Anne Lise Le Gac

Exploration der Vielfalt des Seins  

Ange 92Kcal ist der dritte Teil der Reihe La Caresse du Coma der Performance-Künstlerin

Anne Lise Le Gac. Der Ausgangspunkt aller drei Teile ist derselbe: ein Eröffnungstanz, roboterartig, menschliche Ausdrucksweisen nachahmend. Von diesem Punkt aus spinnen sich die Geschichten in obskuren Episoden weiter. Im Zentrum steht immer ein anderer Hauptcharakter.

In Ange 92Kcal geht es um Ange 92Kcal, die Leiterin eines Glückscamps in einem kroatischen Spa und um die glücksuchenden Teilnehmer*innen, die sie als „dogs“ bezeichnet. Hier beginnt die Ambivalenz der Rollenzuweisung, die Le Gac mit ihrer Erzählweise vornimmt. Wer sind die dogs? Wer ist Ange 92Kcal? Wer ist Anne Lise Le Gac als Performerin selbst? Diese Fragen bleiben offen, während Le Gac subtil zwischen ihren Rollen (und den Sprachen) wechselt: mal ist sie die Lehrende Ange 92Kcal, mal die unbedarfte Teilnehmerin dog 23, mal eine außenstehende Beobachterin. Ebenso finden sich die Zuseher*innen in ambivalenten, ständig wechselnden Rollen wieder: zunächst folgen sie den Geschehnissen als außenstehende BeobachterInnen, werden jedoch bald selbst zu dogs und damit zu Mitwirkenden der Performance. Anne Lise Le Gac hält die Rollenzuschreibung offen; es liegt oft an dem*der Zuseher*n, welche Rolle er*sie in welchem Moment einnimmt. Ebenso wenig schreibt sie vor, wie die manchmal abstrakten Handlungen und Dialoge, die sie mit sich selbst führt, zu verstehen sind. Den Zuseher*nnen steht es frei, sich eigene Gedanken zu dem Werk zu machen, was jedoch keineswegs heißt, dass das Werk frei von jeglichem Sinn und Kontext ist.
Eine zentrale Frage des Stückes ist die Frage nach der Form von Gegenständen und Lebewesen. Was ist eine Form? Ist sie immer gleich? Oder ist sie veränderlich? Geschickt verschleiert verarbeitet Anne Lise Le Gac Ideen und Namen verschiedenster Einflüsse. Der Anthropologe Tim Ingold (als Mit en Or, dem mysteriös bleibenden Guru hinter dem Glücklichkeitskurs, in die Geschichte integriert) und die Feministin Donna Haraway hinterlassen ihre unverkennbaren Spuren in der Performance. Ingold erforscht das Verhältnis zwischen Tier und Mensch. Analog dazu erkundet Le Gac die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Die Grenzen verschwimmen manchmal, was an Donna Haraways Arbeiten erinnert, in denen sie versucht, die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen Mensch und Tier zu verschieben. So sind die Charaktere in Ange 92Kcal dogs, die ZuseherInnen sind dogs, und dann auch wieder nicht. Cracker werden von den dogs geteilt, während zwischen den Menschen im Publikum Tüten mit Chips umgehen, die geteilt werden. Sind die ZuseherInnen die dogs? Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen dogs und Menschen?

Sprachlich hinterfragt die Künstlerin die Ambivalenz des Hundebegriffes, der einerseits umgangssprachlich als Schimpfwort oder in negativen Konnotationen verwendet wird (man denke an den Begriff des „Hundewetters“). Andererseits sind Hunde als beste (und älteste) Freunde des Menschen durchaus positiv behaftete Wesen. Überhaupt beherrscht die Performance ein ausgetüfteltes Spiel mit der Sprache, das leider nicht alle Sprachbarrieren zwischen Frankreich und Österreich zu überwinden vermag. Dennoch bleibt auch dem*der Französisch-Laien*in die verspielte Mehrdeutigkeit von Le Gacs Wortwahl nicht verborgen.

Der Wechsel zwischen Englisch (es ist die erste Aufführung der englischen Version) und Französisch (nicht alle Wortspiele lohnt es sich zu übersetzen, würden sie doch ihren Sinn verlieren), zwischen Deklamation und geschriebenem Wort, verläuft ebenso fließend, wie die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Objekt. Gleich zu Beginn wird gesprochene Sprache zur Schrift auf den Projektionen; Schrift wird zu Symbolen; Symbole wieder zu Sprache. Anne Lise Le Gac wechselt zwischen Französisch und Englisch; zwischen den Rollen als  Teilnehmerin, Beobachterin und Protagonistin. Le Gac/Ange 92 kcal betrachtet Körper als etwas Fließendes, das nicht unbedingt einer fixen Form zugeordnet sein muss, diese verändern kann, wie sie etwa anhand eines Tonklotzes demonstriert, den sie wiederholt auf den Boden drischt, ein Gesicht hineinformt und das Werk abermals auf den Boden knallt.

Unverhüllt, beinahe naturalistisch werden diese Gedanken in den Raum gestellt. Schon das Bühnenbild ist keine ästhetische Verschleierung der Wirklichkeit. Es ist kahl und kalt; zwei Podeste, Blumentröge, eine Nebelmaschine mit einem gewaltigen Schlauch, dazu die Projektionen oft pixeliger, unschöner Grafiken.

Anne Lise Le Gac lässt sich Zeit in ihren Bewegungen und Dialogen, überhastet nichts. Das Publikum wird angeregt, sich selbst Gedanken zu dem Gezeigten zu machen, neue Sichtweisen einzunehmen, alte zu überdenken – oder auch nicht. Was der*die Betrachter*in aus der Performance macht, bleibt in seinem*ihrem Ermessen.

 

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien (Dr. Olga Kolokytha).

 

Alle Beiträge im TQW MAGAZIN

 
Loading