My house is your house and your house is mine

Jette Büchsenschütz über It is a balancing act to live without your attention von Philipp Gehmacher
Jette Büchsenschütz über It is a balancing act to live without your attention von Philipp Gehmacher

Kann man sich von seiner Vergangenheit befreien, auch wenn sie so verstörend und brutal war, wie sie Eddy Bellegueule in der nordfranzösischen Provinz erlebt hat? Eddy Bellegueule gibt es nicht mehr. Er heißt jetzt Édouard Louis und ist der Erzähler seines autobiografischen Romans „Das Ende von Eddy“. Darin wird eine scheinbar ausweglose Kindheit beschrieben, in der es unmöglich scheint, anders zu sein als die anderen. Die Lebensläufe sind klar definiert: Frauen bekommen Kinder und werden Kassiererin, die Männer arbeiten in der dorfeigenen Fabrik und saufen Pastis. Sie sind Gefangene ihrer sozialen Herkunft. Heimat als Ursprungsmacht, Erinnerung als Gefängnis, aus dem es sich zu befreien gilt – Édouard Louis’ Geschichte ist ein Prozess des Eingedenkens und der Verarbeitung. Und Inspiration für Philipp Gehmachers, Jen Rosenblits und Gérald Kurdians Reflexionen über die eigene Biografie.

Erinnerungen sind fragil, empfindlich und unzuverlässig. Sie verlangen nach Schutz, Diskretion und Misstrauen, denn sie sind leicht manipulierbar. Was ist meine Erinnerung? Was deine? Und wie bilden sie sich? Aus Versatz- und Puzzlestücken, die ich beliebig auswählen kann? Die ich, je nach Bedürfnis, übereinanderlegen und kombinieren kann, um mir meine eigene Biografie zusammenzubasteln? Oder ist eine Erinnerung, um sich überhaupt zu bilden, nicht doch auf eine Art Interpretation angewiesen, auf ein unbewusstes Arrangieren des Erinnerungsmaterials? Erinnerungen sind so opak und zart wie das Seidenpapier, auf das Astrid Wagner Erinnerungsbilder gemalt hat. Der Gedächtnispalast, in den wir blicken, ist Philipp Gehmachers, Jen Rosenblits und Gérald Kurdians Erinnerungen gewidmet. Die Türen zu diesem Palast stehen uns offen. Es sind Puzzleteile, sichtbar vor uns ausgebreitet, jedes Teil an eine Erinnerung gekoppelt, die in geometrischer Form zu weiteren Erinnerungen geknüpft werden können. Ein Archivraum, aus dem ich beliebig auswählen kann?

In ihm abgespeichert sind: der Duft eines Michael-Kors-Parfüms, ein 100-ASA-Kleinbildfilm für 36 Aufnahmen (gut für heiße Sommertage in Frankreich), eine Mozartkugel (aus Salzburg), die Popcorntüte (für auf dem Sofa vor dem Fernseher), die Reaktion der Eltern, als sie Philipp Gehmachers erste Bühnenperformance sehen: „I was out of reach for them“, Gérald Kurdians Erinnerung an seine Mutter: „She performed the non-immigrant.“

Das Erinnern wird zu einem Suchvorgang, in dem sich Geschichten überlagern, überkreuzen und ineinander verweben. Die drei Biografien sind viele, aus einzelnen Biografien entsteht schließlich eine Geschichte. So ist die Vergangenheit immer auch etwas Neues. Sie ist immer eine Konstruktion der Gegenwart. Wir nutzen Erinnerungen zur Bestätigung der Gegenwart, zum Anstoß von Erneuerungen oder zur Reflexion des eigenen Standpunkts. Erinnerung dient der Selbstvergewisserung, sie stiftet Identität. Aber können wir uns wirklich von unserer Vergangenheit lösen? Wie sehr bin ich gefangen in den Bildern meiner Erinnerung, im Haus meiner Biografie?

„Who is your father, Darth

Vader?“

Wie nicht mehr Kind meiner

Eltern sein?

„I still have not figured out how

to be my mother’s daughter.“

Zögernd, zaudernd und stotternd sind die Bewegungen, mit denen Philipp Gehmacher schließlich die Decke, in die er sich gehüllt hat, von sich abstreift, gar abschüttelt. Wir sehen einen Körper, der seine Balance sucht – vielleicht auch seine Identität? Denn bedeutet Identität nicht, den Balanceakt zu bewältigen zwischen innen und außen, zwischen mir und dir, zwischen Sehen und Gesehenwerden?

Einerseits allein:

„There is no shame in reaching

to yourself.“

„How to detangle?“

Andererseits kollektiv:

„Who are we to each other?“

Deine Geschichte ist immer auch meine.

 

Jette Büchsenschütz studierte Sinologie in Hangzhou (VR China) und Tanzwissenschaft in Berlin. Auf längere Aufenthalte in China folgten Regiehospitanzen und -assistenzen an Berliner Stadttheatern. Jette Büchsenschütz beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit spekulativem Realismus und der performativen Eigendynamik von Dingen im Tanz- und Performancebereich.

 

 

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