Über das Sichtreibenlassen und flüchtige Freude

Alexandra Balona über Arcana Swarm von Kat Válastur
Alexandra Balona über Arcana Swarm von Kat Válastur

Das Tanzquartier Wien musste das Gastspiel Arcana Swarm von Kat Válastur im April absagen und bat Alexandra Balona diese Leerstelle mit ihren Gedanken zu füllen.

 

Arcana Swarm arbeitet mit einer Metapher, die in ihrer Performativität ebenso diffus ist wie in ihrer Bedeutung: Sichtreibenlassen. Eine mysteriöse Gruppe lässt sich innerhalb der Unbeständigkeit von Affektivitäten, Zeitlichkeiten und Verkörperungen treiben. Rätselhafte Kreaturen, die entweder an Menschen erinnern, die sich zwischen Freudentaumel und schrecklicher Verzweiflung bewegen, oder an techno-mythologische Wesen, die zwischen realen und virtuellen Ontologien driften, deren Gestik nicht einen Augenblick lang feste Formen annimmt, sondern in taumelnden Momenten existiert, die die Repräsentation zeitweilig aufheben.

Nach dem Solostück Rasp your Soul und dem Duett Stellar Fauna ist Arcana Swarm die dritte Arbeit in Kat Válasturs jüngster Serie The Staggered Dances of Beauty. Die Choreografin untersucht darin erneut die Spannungen zwischen dem Digitalen und dem Analogen. Dafür verwendet sie transformative Hilfsmittel wie digitales Morphing und Tonhöhenverschiebung, um die Stimmen der Performer*innen zu verzerren. Diese choreografischen Inputs verknüpft Valastur mit imaginären „Dämonen“, den Stimmen eines Orakels in uns allen.

Mit einem Hintergrund aus bleifarbenen Stoffwänden, die im Wind flattern, und einer Geräuschkulisse aus Meeresrauschen, erinnert Arcana Swarm auch an eine zeitliche Überfahrt, die zwischen der schwerwiegenden historischen Vergangenheit der „Black Atlantic Middle Passage“ und der Kälte des heutigen Mittelmeers treibt, das in tiefe Trauer verfallen ist. Wie lässt sich Realismus in die Choreografie einbringen, um eine Präsenz jenseits von Repräsentation zu vermitteln? Wie lässt sich die Möglichkeit von Freude – wenn auch nur eine flüchtige – in Zeiten und Geo-Ontologien des Narzissmus und des ökologischen Durcheinanders erfassen?

Das Stück beginnt, während es auf der Bühne noch dunkel ist, wodurch der immersive Aspekt verstärkt wird.

Eine Gruppe von sieben Performer*innen läuft bzw. steigt eine Treppe hinauf bis zu ihrem höchsten Punkt, in Richtung einer Erwartung, die immer wieder in ihrer eigenen Auflösung endet. Darauf folgt ein kollektives Wehklagen, während die Gruppe ein sterbendes Herz auf die Bühne trägt. Dieses seltsame und unheimliche Objekt ist eine der Skulpturen in Überlebensgröße, die die Szenerie bilden. Es führt die Unberechenbarkeit von Leben und Tod und die unausweichliche Endlichkeit des menschlichen Lebens vor Augen. Später tauchen, von der Decke hängend, zwei weitere Skulpturen auf: noch ein auseinandergenommener Körperteil, ein Ohr, das für das Orakel und seine prophetische Rolle steht, und ein Paar Kirschen, die Genuss, Überfluss und Fruchtbarkeit symbolisieren. Eine Szenerie, die auch dazu dient, die Menschheit auf ihre planetare Bedeutungslosigkeit zu reduzieren und der anthropozentrischen Positionierung des zeitgenössischen Subjekts etwas entgegenzusetzen.

Die Geräuschkulisse erinnert an das Knarren und Quietschen von Schiffstauen und Holz, an Windstöße und Orakel, die Sätze wie „Eines Nachts erwachte der Mensch und sah sich selbst“ oder „Sie fanden sie mit Sternen bedeckt … selbst die Nacht wurde eifersüchtig“ wiedergeben. Von derart dämonischen Schreien bis hin zu tief ins Innere gehenden Atemzügen scheinen sie Götter zu symbolisieren, die sich über die Anmaßung und die Verrücktheit der Menschen lustig machen.

Die Zeit und die choreografische Geste blähen sich auf. Mit fragmentierten Bewegungen und vorübergehenden Affekten bewegen sich die Performer*innen zwischen alltäglichen Bewegungen wie Laufen, Springen und Tanzen, zwischen Freude, Angst und Verzweiflung hin und her, um sich dann in hektischer Aufregung und synkopierten Krämpfen aufzulösen, die sowohl interne organische als auch externe mechanische Perkussionen wiedergeben.

Am Ende lassen die halbnackten Körper mithilfe einfacher Stoffe eine Vielzahl an Figuren und Subjektivitäten entstehen. Sie murmeln leise die Geräusche der Nacht und lösen sich schließlich in völliger Dunkelheit auf, wie kleine und dramatische Punkte hellen Lichts. Diese unverwechselbaren Entscheidungen bilden das Fundament von Arcana Swarm. In deren Widerhall, Nachhall und Ambivalenz imaginiert Válastur mit einem taumelnden Tanz die (Un-)Möglichkeit von Fröhlichkeit in unseren besorgniserregenden Zeiten.

 

 

Alexandra Balona ist Kuratorin und Forscherin, und lebt in Porto. Kuratorin bei Rampa, Mitbegründerin von Prospections for Art, Education and Knowledge Production, Co-Kuratorin von Metabolic Rifts und Mitherausgeberin des Metabolic Rifts Reader. Doktorandin an der European Graduate School und am Lisbon Consortium, Tanzkritikerin für die Zeitung Público; schreibt regelmäßig für Magazine wie Art Press.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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