„Only the Strong Stay Soft“

Christa Benzer über S_P_I_T_ 2019
 
© Belén Resnikowski 
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© Eric Abrogoua 
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S_P_I_T_ Stefanie Sourial © Marija Šabanović 
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S_P_I_T_ Katrina Daschner © Katrina Daschner 
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Christa Benzer über S_P_I_T_ 2019

Im Rahmen von S_P_I_T_, dem „Queer Performance Festival Vienna“, das heuer zum zweiten Mal stattfand, wurde der Begriff Queerness mit dezidiert politischen Inhalten aufgeladen: Die Diskussionen und Performances drehten sich immer wieder um „Vulnerability“ – ein Konzept von Judith Butler, die in der Verletzbarkeit Potenzial zum Widerstand sieht.

 

„Ich schlage zu“, antwortet Stefanie Sourial im Artist-Talk am Eröffnungsabend auf die Frage, wie sie rassistischen oder sexistischen Angriffen auf ihre Person oder auf andere Menschen begegnet. Lange Zeit sei sie eine Angriffsfläche gewesen, weil sie sich nicht als Mann oder Frau einordnen will, nun stehe ihre Hautfarbe im Fokus von Attacken.

Österreich 2019, nach eineinhalb Jahren türkis-blauer Regierung: Was die Moderatorin Yo Kaiserin in ihren schonungslosen Fragen an die Performer*innen Eric Abrogoua, Maque Pereyra und Stefanie Sourial zu Tage förderte, ließ Zurückschlagen schnell als die logischste aller Reaktionen erscheinen.

Zu Beginn der Diskussion erkundigte sich die Moderatorin nach dem bevorzugten Pronomen der Künstler*innen, um dann eine ungleich schwierigere Frage zu stellen: „Who are you?“

Kein Mensch kann diese Frage beantworten, oder doch? Der Reflexionsgrad der Antworten ließ erahnen, dass die Frage für alle drei Künstler*innen und die Moderatorin schon immer eine wichtige Rolle spielt: „Man muss sich laufend entscheiden, ob dieses oder jenes Gefühl auch wirklich richtig ist, weil man sich nur über die permanente Selbstbefragung ein eigenes Selbstbild aufbauen kann“, fasste es die Moderatorin für sich zusammen.

Durch den offenen Erfahrungsaustausch gleich zu Beginn zeichnete sich bald ab, dass die Veranstalter*innen, Denise Kottlett und viele Mitstreiter*innen, den derzeit inflationär verwendeten Begriff Queerness mit dezidiert politischen Inhalten füllen: „Was war dein größtes Trauma?“, wagte die Moderatorin in diesem „Safe Space“ irgendwann noch zu fragen.

Ohne hier ins Detail zu gehen: Zur Intensität des Abends und zum Erleben der Performances trugen die Antworten – die allesamt vom hohen Gewaltpotenzial gegen Transpersonen in Bolivien, Frankreich und auch Österreich erzählten – maßgeblich bei.

Denise Kottlett hat das Thema „Vulnerability“ (in ihrem Fall vor allem ihre Erschöpfung) gleich in der Auftaktperformance aufgegriffen: Ein wichtiges Element war dabei die Entblößung – aber weniger die ihres Körpers als die ihrer „Fassade“, ihres Gesichts, von dem sie sich mit einem nassen Schwamm die Schminke abwusch – aber nur um dann das Spiel aufs Neue zu beginnen: Schminken, aufstehen, Röckchen glatt streichen und weitergehen – so ließ sich ihr zunächst distanzierter Auftritt hinter unterschiedlichen Smileymasken interpretieren, bevor sie das Publikum mit einem sexy Tanz begrüßte.

Auf die Begrüßung folgte dann schon eines der angekündigten Highlights: Ah-Mer-Ah-Su, eine schwarze, transsexuelle Musikerin, hielt eine Lecture-Performance, in der sich das zuvor Gehörte noch einmal verdichtete. Die US-Amerikanerin startete ihre Karriere in einem Obdachlosenheim, von wo sie ihre Leidenschaft für Musik über Hollywood (eine Förderin war Ellen Page) und Peaches bis hin zu den namhaftesten Choreograf*innen von Musikvideos brachte.

Ihre Vorführung ausgewählter Videoclips war mit politischen Statements gespickt: Portland, Maine, die weißeste aller amerikanischen Städte, wählte sie als Schauplatz für den Videodreh zu ihrem Songs mit dem Titel „Meg Ryan“ – stellvertretend für alle weißen Frauen, die es auch ohne Fertigkeiten in dieser Welt sehr weit bringen. Tatsächlich schießt auch Ah-Mer-Ah-Su mit ihrer Musik gerade in die Höhe – aber: Sie habe nur aufgrund einer gut gespielten Rolle Zugang zu dieser Welt bekommen.

Mit kritischen Statements – auch zum weißen Feminismus, der schwarze Frauen und Transsexuelle nie wirklich inkludiert habe – wurde man in ihrer Lecture-Performance immer wieder aus den popmusikalischen Sphären zurück auf den Boden geholt. Die Aufführung von Maque Pereyra war dagegen ganz bewusst auf Suggestion angelegt: Neun Teilnehmer*innen ihrer Workshops tanzten gemeinsam mit der bolivianischen Performerin, die das sogenannte Yoggaton erfunden hat – eine Mischform aus Yoga, Reggaeton und Meditation, in der die ekstatische Bewegung von Becken und Po sexuelle Energien freisetzen soll.

Ihr habe es geholfen zu überleben, meinte Pereyra im vorhergehenden Gespräch, das noch im Kopf herumschwirrte – inklusive der Tatsache, dass die legale und künstlerische Aufarbeitung ihres Traumas ein neues Gesetz zum Kinderschutz in Bolivien nach sich zog.

Ihr erster Live-Auftritt war in künstliche Nebelschwaden und flackerndes Stroboskoplicht getaucht, wobei man praktisch zusehen konnte, wie sich die überwältigende Energie des Tanzes – unmittelbar vor dem Konzert von Ah-Mer-Ah-Su im Fluc – auf das Publikum übertrug…

Pereyras Performance am zweiten Tag war nicht weniger energetisch. Sie stand insofern im Zeichen des Festivalmottos „Only the Strong Stay Soft“, als dass sie dazu erklärte: „Ticklish memories need a gentle massage to get softer“. Pereyra führte den Begriff „Healing“, der schon in den Diskussionen zuvor immer wieder gefallen war, gewissermaßen live vor: Mit wogendem Becken schaffte sie zu einem Reggae-Beat tanzend eine Art Wohlfühlatmosphäre, bevor sie dann im Dunklen mit einer Lichtquelle jene Stelle betonte, von der ihr persönlicher Schmerz ausging. In einem stummen Monolog deutete sie eine gruppentherapeutische Sitzung an, bevor sie ihren Körper mithilfe eines Dildos wieder an sinnliche Berührungen zu gewöhnen schien.

Zunächst hatte der zweite Abend aber ganz anders gestartet: Und zwar mit einem Auftritt von Stefanie Sourial, die ein Best-of ihrer Performance-Trilogie „Colonial Cocktail“ aufführte. Die Künstlerin, die sich übrigen als völlig friedfertig beschreibt (soviel noch zum Einstieg dieses Textes), nahm die Betrachter*innen mit auf einen kolonialgeschichtlichen Trip, in dem sie den Ursprüngen von Mixgetränken und Spirituosen – in dem Fall von Cola und Rum – nachging. In einer überwältigenden Vortragsgeschwindigkeit und viel darstellerischem Talent stellt sie Verbindungen zwischen Zucker und einem weißen Mann, nämlich Christoph Columbus, Rum und dem Handel mit Sklaven her. Von Cola kam sie dann über Kokablätter zur Kokapflanze bis ins Wien der Jahrhundertwende, wo sich Sigmund Freud dreimal täglich die Einnahme des destillierten Alkaloids aus der Kokaplanze verschrieb.

Nach Sourials fulminanten Aufritt war man nicht mehr verwundert, dass sie seit vielen Jahren auch eine Darstellerin in den Filmen von Katrina Daschner ist. „Powder Placenta“, „Pfauenloch“ und „Plum Circus“ waren die zur Projektion ausgewählten Titel eines achtteilig angelegten Projekts nach Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“, bei dem es Daschner um eine „Verqueerung“ der Vorlage geht. Die drei bildgewaltigen Gefühlscollagen zwischen Angst, Horror und Lust, setzen sich aus aufwühlenden Farben, kunsthistorischem Wissen, surrealen Szenerien, Suspense generierenden Kamerafahrten und fantastischen Darsteller*innen zusammen.

Im Rahmen des Festivals haben die Filme ihre Livefeuerprobe gut überstanden: Geholfen hat dabei zwar sicher auch das Jubeln der anwesenden Darsteller*innen – die Filmbilder haben im Vergleich zu den Live-Acts jedenfalls eine imposante performative Kraft entfaltet.

Auf sehr fulminante Weise brachte danach Eric Abrogoua den Körper wieder auf die Bühne zurück: Bereits in der Eröffnungsdiskussion hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass bei ihm das Konzept der „Vulnerability“ sowohl in der täglichen Arbeit mit seinen „Kids“, aber auch in seiner multimedialen künstlerischen Produktion eine wichtige Rolle spielt.

In seinem furiosen Auftritt „Ain’t got nothing on rouge Boo!“ ging es inhaltlich um die Bedeutung der Farbe Rot in unterschiedlichen sozialen und kulturellen Kontexten – er verhandelte Erotik, Sex, Leidenschaft, Blut und Gewalt. Im besten Sinne einer Mobilisierung von „Vulnerability“ hat Abrogoua mit immensem Einsatz zudem Wut, Stolz, Würde, Glamour und ein beindruckendes Körper- und Selbstbewusstsein zum Ausdruck gebracht.

 

Christa Benzer ist Redaktionsmitglied der Kunstzeitschrift springerin und freie Mitarbeiterin der Tageszeitung Der Standard; sie lebt in Wien.

 

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