Katherina T. Zakravsky/ZAK RAY stellt Michael Turinsky vier Fragen über eine Premiere, die nicht war.

[Precarious Moves]
© Michael Loizenbauer 
[Precarious Moves]

Die Premiere von Michael Turinskys neuem Stück Precarious Moves im TQW musste aufgrund der COVID-19-Pandemie auf Januar 2021 verschoben werden. In einem Dialog über Pandemieerfahrungen und Nichtereignisse, Mobilität und Widerständigkeit versuchen Katherina T. Zakravsky und Michael Turinsky, die dadurch entstandene Lücke zu überbrücken.


KTZ Frage 1:
Ich habe auf einer Website[1] einen Begriff gefunden, mit dem Sie anscheinend seit 2019 arbeiten, nämlich „crip“. Bitte erklären Sie selbst, was Sie mit ihm verbinden.

Und gleich noch eine Zusatzfrage: Wenn eine Pandemie ausbricht, die alle Menschen, egal ob sie nun offiziell als gesund oder nicht gesund, normal oder nicht normal gelten, auf ihre Verletzlichkeit und Krankheitsanfälligkeit aufmerksam macht – tut das etwas mit diesem, wie ich vermute, programmatischen Begriff, oder was geschieht mit dieser Konzeption unter diesen Umständen?

MT: Ich möchte zunächst einmal ein bisschen was zum Begriff „crip“ sagen. Der Begriff wurde von Robert McRuer[2] in die Diskussion eingebracht, der vor einiger Zeit ein Buch namens „Crip Theory“ publiziert hat. In dem Buch versucht McRuer zwei verschiedene Diskurse miteinander zu verflechten, nämlich einerseits die „Disability Studies“ und andererseits die „Queer Studies“; und ein bisschen vereinfachend könnte man sagen, dass während „queer“ eine Widerständigkeit gegen die Heteronormativität bzw. die Zweigeschlechtlichkeit markiert, so markiert für McRuer der Begriff „crip“ eine inhärente Widerständigkeit gegenüber dem, was er „compulsory able-bodiedness“ nennt, eine Widerständigkeit gegen das körperliche „Funktionieren“ … Das heißt, es geht hier nicht nur um eine grundlegende menschliche Verletzlichkeit oder Verletzbarkeit, sondern um eine spezifische, dem Körper inhärente Widerständigkeit gegen spezifische Normen des körperlichen Funktionierens.

Ja, und insofern würde ich sagen, dass die Erfahrung der Pandemie uns alle zwar mit unser aller Verletzlichkeit konfrontiert, dass aber zugleich dennoch diese Differenz zwischen denen, die mehr oder weniger den Normen dieses körperlichen Funktionierens entsprechen können, und denjenigen, denen eine inhärente Widerständigkeit gegen diese Normen innewohnt, bestehen bleibt. Trotzdem, und da komme ich schon zu meinem Solo, machen wir bei dieser Pandemie alle miteinander eine Erfahrung von Mobilität oder mit bestimmten Einschränkungen von Mobilität und werden mit der Frage konfrontiert, wie es denn eigentlich um unsere Bedürfnisse nach Mobilität steht, wie wichtig uns die Freiheit zur Mobilität ist, oder inwiefern so etwas wie ein gutes Leben nicht unbedingt mit unbeschränkter Mobilität verbunden sein muss.

 

KTZ Frage 2: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass die Mobilität ein verdächtiger Kult ist, und es ist durchaus nicht selbstverständlich, dass so viel Bewegung wie möglich an jedem denkbaren Ort kein Wert an sich ist. Es stellt sich auch die Frage: „Was ist überhaupt jeweils freie Bewegung?“ Wenn man sagt, man möchte in einem bewegten Zustand sein oder man möchte einfach nicht eingesperrt sein als ein Grundzug menschlicher Glücksvorstellungen und -erfahrungen, dann ist es tatsächlich eine spannende Frage: „Welche Art Bewegung ist es dann überhaupt, die uns tatsächlich auf Dauer, oder auch nur zu einem bestimmten Zeitpunkt, Glück beschert?“

Das war jetzt keine Frage, sondern ein Kommentar. Trotzdem kann ich auch gut nachvollziehen, dass die Unterschiedenheit der eigenen Lebensweise und Lebensform, die man sich ja auch nicht vollständig aussuchen kann, die als Aufgabe besteht und daher, sofern sie Aufgabe ist, auch verkörpert ist und nicht einfach jederzeit manipuliert und verändert werden kann, dann wiederum eine spezifische Erfahrung wird, wenn eben eine solche Krise eintritt.

Und daher jetzt die Frage 2: Wie haben Sie im Besonderen diese Krise, die jetzt vielleicht noch nicht ganz vorbei ist, aber nicht mehr so radikal ist wie noch im März und im April, erfahren, natürlich in spezifischer Hinsicht auch als Künstler und Choreograf?

MT: Grundsätzlich habe ich die Zeit als durchaus positiv erfahren, wobei ich mir hier schon meiner eigenen Privilegien bewusst bin, insofern ich finanziell abgesichert bin. Vielmehr hatte ich eigentlich die Gelegenheit, die eigene Aktivität ein bisschen zurückzuschrauben und den Blick zu weiten auf das breitere gesellschaftliche Feld, in dem ich mich als Künstler bewege, und dann auch Fragen nach der Relevanz der eigenen künstlerischen Tätigkeit und Fragen zu stellen, die die eigene Verantwortung als Bürger und die politische Verantwortung betreffen. Zugleich habe ich das Glück einen relativ großen Balkon zu haben, auf dem ich mich auch körperlich halbwegs fit halten konnte. Also alles in allem habe ich aufgrund meiner Position die Zeit als durchaus positiv erlebt.

 

KTZ Frage 3: Das ist interessant zu hören, denn mir ist es ganz ähnlich ergangen, auch wenn ich sicher in einer anderen Lage bin. Ich hatte auch das Gefühl von einer eher besseren Verbundenheit mit der gesellschaftlichen Umgebung, da diese – so wie ich eigentlich fast immer – im Homeoffice sein musste. Ich war das aber schon gewöhnt und fühlte mich dabei auch oft sehr privilegiert, dass ich z. B. nicht auch noch Kinder unterrichten musste.

Als Drittes eine etwas seltsame, vielleicht philosophische Frage: An diesem bestimmten Tag hat diese Premiere oder Aufführung nicht stattgefunden … Ich weiß auch aus meiner eigenen Praxis, dass man aber sehr auf so einen Tag hin lebt und arbeitet. Also gibt es sozusagen eine Blase, eine Potenzialitätsblase dieses Non-Ereignisses an dieser Stelle in der Zeit oder in der Raumzeit. Erfahren Sie das auch so? Und wie gehen Sie mit diesem Non-Ereignis, das aber doch eine Art Ereignis ist, jetzt um – im Wissen, dass ein reales Ereignis höchstwahrscheinlich doch zu einem späteren Zeitpunkt passieren wird, dass dies aber dann schon ein anderes Stück sein wird?

MT: Vielen Dank für diese philosophische Frage, auf die ich ganz konkret antworten will. Für mich stellt sich ein ganz konkretes Problem. Ich wollte nämlich mein Stück unter anderem damit beginnen, dass ich ganz viele einzelne Zuschauer und Zuschauerinnen gestisch begrüße: Indem ich ihnen die Hand reiche oder sie umarme oder ihnen ein Busserl auf die Wange drücke. Mir erschien das als eine schöne Eröffnung der Thematik, nämlich das Verhältnis von Geste und Umwelt gleich einmal für meine Zuschauer*innen spürbar werden zu lassen; wie meine Geste anders daherkommt als vielleicht die Geste von anderen Leuten. Jetzt stellt sich natürlich die Frage: „Vor dem Hintergrund der Pandemie, kann ich das im Jänner[3] so durchziehen? Und wenn nicht, welche andere Eröffnung überlege ich mir?“ Und auf der anderen Seite stellt sich mir auch die Frage, ob dieser Wunsch von mir, so etwas wie eine ökosomatische choreografische Geste in den Raum zu setzen, jetzt auf dieselbe Weise greift, wo ein ganz anderes Thema in den gesellschaftlichen Fokus gerückt ist. Muss ich zum Beispiel meinen Text adaptieren? Muss ich die Frage nach dem Verhältnis von Geste und Umwelt noch einmal spezifisch vor dem Hintergrund der Pandemieerfahrung neu reflektieren? Mit diesem verschobenen Ereignis wird jede Menge Umarbeitungsarbeit notwendig. Ich denke mir aber, man darf an dieser vorherigen Potenzialitätsblase nicht festhalten, sondern muss eben eine neue Blase aufblasen …

 

KTZ Frage 4: Am Anfang unseres Gesprächs haben Sie den Begriff Widerständigkeit verwendet in Bezug auf die „Crip Theory“. Dieser Begriff erinnert aber auch an eine politische Dimension. In Frage 2 fiel die Überlegung, dass das „Ausgebremstsein“ als Künstler einen auf die eigene politische Rolle als Bürger aufmerksam gemacht hat, und das im Angesicht einer Wirklichkeit, die einem neue und komplexe Widerständigkeiten entgegensetzt – unsichtbare, wie auch sehr sicht- und spürbare Maßnahmen in deren Folge. Wie entwickelt sich das mehrfache Thema der Widerständigkeit, auch der eigenen körperlichen Besonderheit, in so einer Gemengelage?

MT: Sie machen hier zu Recht auf eine Doppeldeutigkeit des Begriffs der Widerständigkeit aufmerksam. Zunächst einmal: Wenn ich von Widerständigkeit spreche, so meine ich tatsächlich immer zunächst die Widerständigkeit, die meinem eigenen Körper inhäriert. Das ist eine Widerständigkeit zum einen gegenüber bestimmten Mobilisierungsanforderungen oder gegenüber bestimmten Mobilisierungszumutungen seitens der Gesellschaft. Zugleich spreche ich hier immer auch von einer Widerständigkeit des Körpers gegenüber den eigenen subjektiven Bewegungsintentionen. In meinen choreografischen Arbeiten ist es immer darum gegangen, die Widerständigkeit gegenüber äußeren Mobilisierungszumutungen, aber auch diese Widerständigkeit gegenüber eigenen Bewegungsintentionen choreografisch-politisch fruchtbar zu machen. Und jetzt geht es mir darum, diese Widerständigkeit des Körpers für eine andere Kultur der Mobilisierung fruchtbar zu machen. Die Frage lautet: Wenn dem Körper eine solche Widerständigkeit innewohnt gegenüber äußeren Mobilisierungszumutungen, aber auch gegenüber inneren Bewegungsabsichten, wie kann diese Widerständigkeit produktiv gemacht werden für den Vorschlag anderer, solidarischerer, auch nachhaltigerer Mobilisierungskulturen?

[1] https://www.muk.ac.at/veranstaltung/workshop-crip-choreography-mit-michael-turinsky.html
[2] Robert McRuer, Crip Theory. Culturall Signs of Queerness and Disability, Cultural Front, 2006.
[3] Die Uraufführung von Precarious Moves ist für Jänner 2021 im Tanzquartier Wien geplant.

 

Katherina T. (KT) Zakravsky / ZAK RAY.TransFormanceUnit. Konzept-/Performance-/Medienkünstlerin, studierte Philosophin, Autorin, Entwicklerin von Projekten im Bereich Artistic Research (Kunst/Wissenschaft/Gesellschaft), seit 2017 Training & Education Working Group/ViennaSchoolOFF im Rahmen der Wiener Perspektive, seit 2015 urbane Projekte in der Seestadt Aspern.
planetzakra.wordpress.com/author/planetzakra/

 
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