Schaukeln macht Männer glücklich

Susanne Fernandes Silva über I’m Thinking of You von Franko B
 
I'm Thinking of You von Franko B
Franko B: I'm Thinking of You © Hugo Glendinning
Susanne Fernandes Silva über I’m Thinking of You von Franko B

„I’m thinking of you and the things you do to me; That makes me love you, now I’m living in ecstasy; Hey, it’s you and the things you do to me; That makes me love you, now I’m living in ecstasy“, lautet der Refrain von „Thinking of you“, einem Hit der amerikanischen Soul-Funk-Girlgroup Sister Sledge aus den 1970er-Jahren. So oder auch ganz anders könnte der Londoner Performer Franko B sitzend auf einer goldenen Schaukel die eintretenden Besucher_innen – im Titel mit „You“ bezeichnet – in einem der Räume der TQW Studios gedanklich begrüßen. Doch es ist keine beschwingliche Soulmusik, die den atmosphärisch aufgeladenen Raum erfüllt, sondern die Klaviermusik von Helen Ottaway. „Ich kenne Helen Ottaways Kompositionen für Klavierstücke schon lange, und deshalb fragte ich sie, ob sie für meine Performance ein Stück schreiben würde“, meint Franko B, der gemeinsam mit der Komponistin und Installationskünstlerin ein surreales Traumsetting entworfen hat. Für ihn besteht die Performance aus zwei Teilen bzw. zwei Stücken: einmal mit Klaviermusik und einmal ohne, nämlich wenn Ottaway ihr Klavierspiel beendet und nur noch ein leiser Ton von der sich gleichmäßig bewegenden Schaukel zu hören ist. „Nach dem ersten Mal entwickelte sich die Performance weiter, und auf merkwürdige Weise wird sie für mich dann interessant, wenn die Musik aufhört“, erklärt Franko B, wenn nämlich dezidiert die Auseinandersetzung zwischen Performer und Publikum in den Fokus rückt, die er allein mit seinen Gedanken bestreitet und die über Stunden andauern kann.

Performed Imaginaries

Franko B, geboren 1960 in Italien, lebt seit den 1990er-Jahren in London und hat vor allem durch seine radikalen, von Selbstverletzung geprägten Performances internationale Aufmerksamkeit erlangt. Sein stark autobiografisch beeinflusstes OEuvre liegt irgendwo zwischen Isolation und Verführung, Wohlwollen und Konfrontation, Leid und Erotik, Punk und Poesie. Die Inspirationsquelle für I’m thinking of You war eine „altalena“ (ital. für Schaukel), ein Objekt, das vor allem mit Kindheitserinnerungen assoziiert wird. Dieses Vorbild diente dem Künstler dazu, Schaukeln zu entwickeln, die den sicheren Gebrauch durch Erwachsene gewährleisten sollten. Seine Idee war, Erwachsenen die Möglichkeit zu geben, spielen zu können, „ihre Probleme zu vergessen, loszulassen oder einfach Spaß zu haben – so wie es Kindern erlaubt ist“, so das Anliegen des Performers. Wie in allen seinen Inszenierungen spielt der nackte Körper eine zentrale Rolle, der zusammen mit der Inszenierung des Objekts – sprich der Schaukel – und der Musik eine ephemere Skulptur ergibt: eine unheimliche und gleichzeitig unbekümmerte Szene, in der ein korpulenter, von Tätowierungen übersäter männlicher nackter Körper gleichmäßig dahinschaukelt und sein glattrasierter Kopf sich dabei langsam hin- und herbewegt, wodurch er seine Betrachter_innen in eine fantastische Utopie entführt.

Sentimental Identifications

Als nach ca. zwanzig Minuten im TQW Studio die Musik zu spielen aufhört, schwingt Franko B auf seiner vergoldeten Schaukel hemmungslos weiter, sich seiner Gegenwart und seiner Zugehörigkeit vollkommen sicher. Dabei lächelt er fröhlich, sein goldenes Gebiss offenbarend, ins Publikum. „Gold ist künstlich und oberflächlich. Die Illusion des Erfolgs. […] eine Art Optimismus, um aus dem Ghetto zu kommen und etwas aus deinem Leben zu machen und das zu teilen“, erklärt Franko B und verweist damit auf seine eigene Kindheit in Italien.

Schließlich setzt sich ein junger Mann ans Klavier und beginnt zu spielen, während eine Frau vor der Schaukel anfängt, Yoga-Übungen zu machen, um sich am Ende weinend unter dem Klavierflügel zu verkriechen. Die Performance I’m Thinking of You ruft Erinnerungen an eine sorglose und romantische Kindheit wach und entführt ihre Besucher_innen für kurze Zeit aus der wirklichen Welt. Franko B gelingt es, eine glaubhafte Illusion zu erschaffen, die vom Publikum als real empfunden werden kann. I’m Thinking of You lässt Momente der eigenen Kindheit lebendig werden, um am Ende die Zuschauer_ innen mit einer süßen Traurigkeit im Herzen zurückzulassen.

 

Susanne Fernandes Silva ist Kulturmanagerin und freie Autorin. Studium Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Russisch und Gender Studies in Wien. Sie arbeitete als Dramaturgin für das Schauspielhaus Hamburg, das Werk X, das Schauspielhaus Graz, die Wiener Festwochen etc. sowie als Kuratorin für das Goethe-Institut in São Paulo/ Brasilien und leitet zurzeit die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Wiener Secession. Seit 2009 ist sie als freie Autorin unter anderem für Theater der Zeit tätig.

 

 

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