SENSE-MAKING UNFOLDED

Christina Regorosa über Shown and Told von Meg Stuart & Tim Etchells
 
Christina Regorosa über Shown and Told von Meg Stuart & Tim Etchells

Ein leerer Raum. Ein Raum unendlicher Potenzialitäten, die darauf warten, realisiert zu werden. Meg Stuart und Tim Etchells als Passagen von Latenzen.

3rd person perspective: „It’s like …“

Sie wird nicht explizit gestellt, aber die Antworten lassen darauf schließen, dass die Frage nach dem „Wie“, nach den Qualia von Bewegung im Raum steht.

In seinem Versuch, Bewegungen zu deuten, Meg Stuarts „dance of suggestions“ [1] zu lesen, bleibt auch Tim Etchells ständig in Bewegung. Die Antworten, die er am laufenden Band anbietet, sind ebenso ephemer wie der Tanz von Meg Stuart. In rasantem Tempo entwerfen und verwerfen die beiden auf diese Weise Mikro- und Makrouniversen von möglichen Bedeutungen, Bildern und Assoziationen. Einzoomen, auszoomen. Hier und jetzt, hier und woanders. Sie lassen uns teilhaben an dem kontinuierlichen, niemals enden wollenden Prozess des sense-making. Sie demonstrieren das Erschaffen und das Scheitern, das diesem Prozess gleichermaßen innewohnt. Die Sicherheit des Benennens hat keine Chance, sich einzunisten. Sie lassen uns an der Unmöglichkeit, Tanz festzuhalten, teilhaben; an der spielerischen Anstrengung, Worte zu finden, die Bedeutung generieren sollen. Es ist ein Andeuten, Umdeuten, Entdeuten, Beideuten, Verdeuten, Zerdeuten, Ausdeuten, denn: „It’s like words fading in front of your eyes.“

So entsteht ein Raum von Mehrdeutigkeit, in dem die verschiedenen Lesarten nicht nur nebeneinanderstehen, sondern sich überlappen, ins Absurde kippen, entstehen, während sie schon wieder vergehen. Wenn das Charakteristikum des Tanzes der Übergang ist, so bildet der Wortschwall genau das ab – das Übergehen von einer möglichen Deutung zur nächsten. Ein Raum, in dem nichts eindeutig ist: „It’s like straight lines that are more like circles or more like dots.“

Dann – eine vorläufige Antwort, die wie ein Punkt am Ende eines Satzes wirkt. „It is like this.“ Das Suchen nach geeigneten Worten kommt zum Stillstand. Die Sprache versiegt in einer Geste, die auf den tanzenden Körper weist. Tim Etchells am Boden imitiert die Bewegung von Meg Stuart und bezeichnet auf diesem einen Punkt mit seinem Finger. Die Sprache kommt zum Erliegen. Letztendlich ist sie genau das: ein Finger, der auf etwas verweist. Das Primat der Sprache geht zugrunde. Sprachlosigkeit. Perspektivenwechsel.

1st person perspective: „I dance because …“

Meg Stuart bietet mögliche Antworten auf die Frage nach dem „Warum“. Kommen wir so dem Phänomen des Tanzes näher? Bietet das Fragen nach der Kausalität eine sinnvolle Erklärung? Ein Narrativ, das nachvollziehbar ist, weil die menschliche Spezies über Erzählungen die Welt zu begreifen versucht? Zeigt eine Erzählung nicht eher die Bedeutung auf, die wir ihr beimessen? Oder sehnen wir uns nach dem Begreifen? Greifen wir zu Begriffen, um letztendlich den Sinn, die Erfahrung erfassen zu können, ohne daran sterben zu müssen? Was heißt es, zu tanzen, sich in seiner Sinnhaftigkeit zu erfahren? Die volle Bandbreite von möglichen Sinneserfahrungen zu suchen, sich nicht zu begnügen mit einer Metapher, die auf etwas verweist, sondern sich der Intensität von potenziellen Seinszuständen bewusst auszusetzen. Den Raum von potenziellen Sinnhaftigkeiten aufzusuchen, ohne diese festzulegen?

„I dance because it leaves no traces.“

Co-sense-making: „Building cities“

Tim Etchells nimmt erneut seinen Versuch auf und verweist auf bekannte Illusionen in unserer Perzeption, in denen die Frage mitschwingt: Sind wir wahrnehmende oder projizierende Wesen? Sein Wortschwall ist nicht mehr rein assoziativ, sondern weist immer mehr narrative Strukturen auf, die sich trotzdem einer Eindeutigkeit entziehen.

„It’s like cities that are built on memory and run on forgetting. Or it’s like cities that are built on forgetting and run on memory.“

Aus welchem Stoff ist unser Zusammenleben gewebt? Aus Regenbögen, Worten, Plastiktüten, Musik, Insekten, Parfüm, Seufzern oder Geschichten? Aus nichts? Ist unsere materielle und immaterielle Realität nichts weiter als eine konstruierte Illusion? Welcher physischen Anstrengung bedarf es, um sich dieser kontingenten Bedeutungsbündel wieder zu entledigen?

Negotiation: „I am here. Are you there?“

Zwei Erzählstränge, die nicht zusammenhängen. Zwei Menschen, die ihre Geschichten erzählen und sich dadurch als Individuen auszeichnen, die unterschiedliche Standpunkte einnehmen und durch das narrativ erzeugte Selbstverständnis Position beziehen können. Ein zunehmend statischer Kontrapunkt zum Flow des Anfangs, der in einem starken Bild kulminiert: Tim Etchells – in einer unbequemen Position am Boden verharrend – verkörpert eine starre Proposition, die sich nach Bewegungsspielraum sehnt.

Nach einem kurzen spielerischen Eintauchen in ihre individuellen Bedeutungsuniversen entlassen Meg Stuart und Tim Etchells das Publikum in die Weite des Bedeutungsspielraums, den sie eröffnet haben, mit einer Andeutung, mit einem potenziellen Sprung ins …

 

[1] Meg Stuart im Artist-Talk, 23. Nov. 2018, TQW Halle G

 

Christina Regorosa ist Kognitionswissenschaftlerin, Tänzerin und Shiatsu-Praktikerin. Sie arbeitet im Bereich Digital Humanities an der Universität Wien. Ihre Forschungsinteressen umfassen die Philosophie des Tanzes, narrative Kulturtheorien und Neuroästhetik.

 

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