Staying with the planet

Karin Harrasser über PLANET BODY // PERPETUUM MOBILE von Karin Pauer
 
Karin Harrasser über PLANET BODY // PERPETUUM MOBILE von Karin Pauer

Es ist zu heiß. Schwer zu sagen, ob das wegen der auf optimale Wärmeregulierung ausgelegten orangefarbenen Daunenjacke so ist, die Karin Pauer trägt, oder trotz des Versuchs, durch technische Mittel, etwa Hightech-Fasern, jenen Heimsuchungen entgegenzuwirken, denen der blaue Planet als Konsequenz des Kapitalozäns ausgesetzt ist. Überhaupt diese ärmellose orange Jacke: Sie ist zu groß für diesen Körper, der sich anfangs um sich selbst dreht, zunehmend schlingert, in Rage gerät, ganz still wird, um am Ende wieder in seine Drehbewegung zurückzufinden. Sie ist auch eine Warnjacke, wie sie von den Protestierenden in Frankreich getragen wurde; manchmal wirkt sie wie Joseph Beuys’ Anglerjacke, dann formt sie einen notdürftigen Unterschlupf, ein Zelt für Vertriebene. Während die eingeblendeten Aussagesätze über die Eigenschaften dieses (Himmels-)Körpers vielfältig und widersprüchlich sind – er ist stark und schwach, konstant und nah am Kollaps, eine Heimstatt und selbst ein Wandernder –, werden die Bewegungen von Karin Pauer gehalten vom Sound von Christian Fennesz, von einem Sound, der endzeitlich schwer und gleichzeitig vielversprechend aus dem Film „Blade Runner“ herüberklingt. Ging es in „Blade Runner“ in den 1980er-Jahren aber noch um das Verhältnis von Menschen zu den von ihnen geschaffenen Arbeits-Maschinen, steht 2021 etwas anderes auf dem Spiel: Wie stehen die Chancen, mit dem Planeten Erde doch noch eine gute Beziehung aufbauen zu können, angesichts der Tatsache, dass wir, also die Betreiber*innen und Nutznießer*innen des Kapitalozäns, diesen jahrhundertelang geschunden haben?

Die Kulturtechnik Tanz hat eine lange Geschichte der symbolischen Intervention in kosmologische Vorgänge. Man muss nicht einmal in Richtung außereuropäischer Kulturen schauen, um den Reichtum des kosmologischen Mimetismus des Tanzes zu begreifen. Man mag bei den bacchantischen Ekstasen und den griechischen Tempeltänzerinnen anfangen und landet unweigerlich bei Louis XIV. als balletttanzender Sonne, um den sich alles andere zu drehen hatte; und noch ein paar Jahrhunderte weitergesprungen: bei Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ von 1913, in dem die Ballets Russes in Resonanz mit der Lebensreformbewegung eine neue, modern-anachronistische Sensibilität für Naturvorgänge feierten.

Wenn nun Karin Pauer den Planeten Erde in einem Solo verkörpert, unterscheidet sich das von den genannten Tanzkosmologien insofern, als diese stets als Kollektivbewegung angelegt waren: Im Tanz bildete sich kosmologische Ordnung auf gesellschaftlicher Ordnung ab, und umgekehrt wurde gesellschaftliche Unordnung mit kosmologischen Krisen und Katastrophen assoziiert. Dass ein einzelner vulnerabler, endlicher Körper das Wagnis eingeht, Planetarisches zur Aufführung zu bringen, zeugt nicht zuletzt davon, dass, anders als in der Lebensreformbewegung vor einhundert Jahren, die Hoffnung gering ist, durch kollektives Handeln etwas substanziell verändern zu können. Das ist traurig, ja. Und ja, das ganze Stück strahlt sternenferne Einsamkeit aus. Die illusionslose Nüchternheit des einsam sich drehenden Planeten hat aber auch etwas Befreiendes. Dieser Körper wird sich immer weiterdrehen, egal welchen Unsinn der Homo-nicht-so-sehr-sapiens noch anstellt. Aber das Wichtigste ist vielleicht, dass das Stück keine Rückkehr zum Geozentrismus suggeriert, sondern auf eine Überwindung des Heliozentrismus in Richtung eines Gaiapolyzentrismus zielt: in Richtung eines verbesserten Verständnisses der vielfältigen, vieldeutigen, vieldirektionalen irdischen Dynamiken, in die wir nolens volens eingesponnen sind. Damit wäre schon einiges gewonnen, mehr als durch technische Lösungen à la Daunenjacke.

 

Karin Harrasser ist Professorin für Kulturwissenschaft und Vizerektorin für Forschung an der Kunstuniversität Linz. Nach einem Studium der Geschichte und der Germanistik Dissertation an der Universität Wien. Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben wissenschaftlichen Tätigkeiten verschiedene kuratorische Projekte, z. B. NGBK Berlin, Kampnagel Hamburg, Tanzquartier Wien, HKW Berlin, Mobile Akademie Berlin. Mit Elisabeth Timm Herausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Letzte Publikationen: Auf Tuchfühlung. Eine Wissensgeschichte des Tastsinns, Frankfurt a. M. 2018 (Hg.); Prothesen. Figuren einer lädierten Moderne, Berlin 2016; Übersetzung ins Deutsche: Donna J. Haraway, Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän, Frankfurt a. M. 2018.

 

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