Im Wunderland von Thomas Mann und Roland Barthes

Chris Standfest über Talk to me of Mendocino von Philipp Gehmacher & Marino Formenti
 
Philipp Gehmacher & Marino Formenti
© Gehmacher/Formenti
Chris Standfest über Talk to me of Mendocino von Philipp Gehmacher & Marino Formenti

Talk to me of Mendocino[1] – von der Fülle des Wohllauts zum Rauen der Stimme.

Im Wunderland von Thomas Mann und Roland Barthes – Philipp Gehmacher und Marino Formenti spielen zusammen in der Kunsthalle Wien.

Als ein „performatives Konzert“ ist diese letzte Vorstellung im Rahmen der Neueröffnung des TQW angekündigt. Sie findet gleich nebenan in der Kunsthalle Wien statt. Mehr an „Genregrenzendurchqueren“ geht kaum noch, möchte man also denken, und womöglich bange fragen, ob so ein „performatives Konzert“ nicht vielleicht einfach nur umständlich und anstrengend sei.

Um meine Erfahrung vorwegzunehmen: ganz im Gegenteil! Wir betreten die im Halbdunkel ruhende Kunsthalle, bis wir in einer Ecke, die nicht nur entfernt an eine Garage erinnert, auf violette Auslegware treffen; darauf ein Bösendorfer-Flügel, ein Mikrofon und die Protagonisten des Abends: Pianist, Dirigent und Performer Marino Formenti und Tänzer und Choreograf Philipp Gehmacher. Diskret leuchten sie im Schimmer kleiner Lichtinseln. Das Publikum, vielmehr „the audience“, siedelt auf dem Boden oder auf einer Bank die Wände entlang; manche legen sich hin, andere bleiben am Rande stehen. Es ist angerichtet, und als alle 120 Besucher_innen zur Ruhe gekommen sind, huscht dieses charmante, besser: schelmisch-komplizenhafte Lächeln über Formentis Gesicht. Er neigt sich seinem Flügel zu, und das Spiel beginnt.

Wild, white horses

They will take me away

And the tenderness I feel

Will send the dark underneath

Will I follow?[2]

Gehmacher tritt ans Mikro, und – „As she walks in the room / Scented and tall“ – singt er? Diese Frage stellt sich mir ab jetzt am genauesten, am berührendsten und am treffendsten mit Roland Barthes, dem großen Linguisten, Mythologen und Ideologiekritiker und, natürlich, dem großen Liebenden: Was singt mir, die ich höre in meinem Körper das Lied?[3]

I’m bulletproof nothing to lose

Fire away, fire away

Ricochet, you take your aim

Fire away, fire away

You shoot me down but I won’t

fall, I am titanium[4]

„Welcher Körper singt nun das Lied?“, fragt Barthes, wenn auch im Kontext des romantischen Kunstlieds, und er antwortet (auch für mich): „Alles, was in mir widerhallt, mir Angst macht oder mein Begehren weckt. Ganz gleich, woher diese Verwundung oder diese Lust kommt.“

And then I see a darkness

And then I see a darkness

And then I see a darkness[5]

Mit „Fülle des Wohllauts“ überschreibt Thomas Mann eines seiner berühmtesten Kapitel überhaupt. Hans Castorp, der muntere Leidende aus dem Roman „Der Zauberberg“, legt sich einen ganzen Abend lang allein Schallplatten aus der Best-of-Selection des Sanatoriums auf. Es ist 1912 oder 1913, und das Grammofon ist noch ziemlich neu. Stimme und Körper haben sich eben erst voneinander getrennt, auch Klang und Instrument. Das ist ein absoluter Schock, der eine Angstlust erzeugt, welche sodann die Schlachtfelder des Großen Krieges befeuert und heute in der Begeisterung für Vocoder nachhallt („I’m bulletproof, nothing to loose / Fire away fire away“) – oder wenn Gehmacher fast vergeblich versucht, den Song der Daft Punk’schen Maschinen zu singen …

And we will never be

alone again

’Cause it doesn’t happen

everyday

Kinda counted on you

being a friend

Kinda given up on giving

away

Now I thought about

what I wanna say

But I never really know

where to go

So I chained myself

to a friend

’Cause there’s nowhere

else I could go[6]

So fühle ich mich wie der hörend-hingegebene Hans Castorp zwischen dieser aus dem eigenen Leben gegriffenen Gehmacher’schen Auswahl von sieben Liedern, die sich wie zum romantischen Zyklus verdichtet (Musiker_ innen mögen mir verzeihen), und den zartschmelzenden, dann wieder dynamisierenden, überbordend in Harmonien schwelgenden und keinesfalls vorab durcharrangierten Klängen Formentis. Denn auch hier: „Für den Verliebten wie für das Kind singt der romantische Gesang immer die Erschütterung des verlorenen, verlassenen Subjekts“ (Barthes).

I no longer can rely

on a friend who once kept

me alive

and you won’t see me

take a stand

’cause I’m not special

but it helped to know that

someone thinks I am

and god it’s weird[7]

Gehmacher also singt. Bisweilen singt er auch schlicht falsch oder mit fast versagender Stimme, während der Flügel rauscht und die beiden Männer sich in einen musikalisch-körperlichen und, ja, erotischen Dialog begeben, der auch jederzeit abbrechen, kippen oder narzisstisch versanden kann. Viel wichtiger aber als das Scheitern, das auf diesen Ebenen in jedem Moment hinter dem Rücken der beiden Performer lauert, ist das flirrend und generös und funkelnd sich behauptende und ganz normale IMMER-SCHON-SCHEITERN in jenem Moment, in dem der Körper (die Lust) sich in die Stimme schmeißt. Es ist jene Barthes’sche „Rauheit“ der Stimme, die sich hier Gehör verschafft in diesem vom wohllautigen Klavier gleichzeitig gestützten und attackierten Gesang. „Der, der sich in ihm ausdrückt, wäre ein eigenartiges, unzeitgemäßes, abweichendes, verrücktes Subjekt, würde er nicht mit einer anmutigen Geste die glorreiche Maske des Wahnsinns ablehnen“ (Barthes).

And as your last breath begins

You find your demon’s your best friend

And we all get it in

The end[8]

Freilich mag hier auch der Tänzer den Singenden schützen, der Pianist den Performer; dennoch: Formenti/Gehmacher wagen sich an diese anmutige Geste.

Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd.

[…]

Man rief nach Weiterem und man bekam es. (Thomas Mann)

Ja, Pop![9]

 

 

Chris Standfest  (Ex-)Performerin, Dramaturgin, Kuratorin, studierte parallel zu politischem Aktivismus und kollektivem Arbeiten in unterschiedlichen künstlerischen und gesellschaftlichen Feldern unter anderem Literaturwissenschaft, Linguistik, Gender und Cultural Studies an der Freien Universität Berlin und der University of Lancashire. Sie ist Dramaturgin und Kuratorin bei ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival.

 

 

Alle Beiträge im TQW MAGAZIN

 

[1] Anna & Kate McGarrigle, „(Talk to Me of) Mendocino“.

[2] Manche hören sie vielleicht: Portishead, „The Rip“.

[3] Roland Barthes, Was singt mir, der ich höre in meinem Körper das Lied, Berlin 1979.

[4] David Guetta feat. Sia, „Titanium“.

[5] Johnny Cash, „Darkness“.

[6] Daft Punk, „Instant Crush“.

[7] Scott Matthew, „Abandoned“.

[8] Scott Matthew, „In the End“.

[9] Denn nicht zuletzt: Es ist nicht nur Hans Castorp, der da hört. Es hören auch alle die Körper, die da jemals zu Portishead oder Daft Punk oder Guetta getanzt oder zu Cash oder Matthew geweint oder mit den McGarrigles gesungen haben …

 

 
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