Tanzende Unbestimmtheit

Marcel J. V. Kieslich über On Abeyance von Tanz Company Gervasi, David Altweger, Mira Loew
 
Marcel J. V. Kieslich über On Abeyance von Tanz Company Gervasi, David Altweger, Mira Loew

TOGETHERNESS AND SOLITUDE

Es gibt mindestens zwei Möglichkeiten, mit einer Ohnmacht umzugehen: Zum einen ist die Selbstermächtigung der Versuch, sich konstruktiv mit dem auseinanderzusetzen, was das Schicksal vor die Tür gelegt hat. Zum anderen gibt es den Weg des Nicht-Handelns, was bedeutet, mit einer entsprechenden Gleichmut der Zeit zu begegnen, die ohnehin ohne eigenes Zutun verstreicht. On Abeyance steht beispielhaft für eine Fusion dieser beiden Antworten. Für etwa achtzig Tänzer*innen aus aller Welt wurde das vorausgegangene Projekt In Abeyance in den stürmischen Tagen des Frühjahrs 2020 zu einem kreativen Rückzugsort. Tanzend stemmten sie sich gegen die Umstände ihrer Isolation, befreiten sich kollektiv aus der Unbestimmtheit des Stillstands und transformierten Ungewissheit in Sinnlichkeit. Das kollaborative All-ein-Sein schuf Übergänge in einer Zeit, als Transitbereiche von Nicht-Orten zu Sehnsuchtsorten avancierten und In-Bewegung-Sein eine neue Qualität bekam. In drei Austauschphasen wurde gemeinsam Einsamkeit erforscht und in Form von kurzen Filmsequenzen zu einem vielfältigen Archiv virtuell zusammengeführt. Im In-sich-Gehen aus sich herausgehen. Anhand von meditativen Bewegungsimprovisationen skizzierte eine sanfte Stimme physisch-psychische Wege durch unmittelbare und imaginative Räume der Teilnehmer*innen. In Erinnerungen und Vorstellungen hallten Klänge schon vergessener Resonanzräume nach, die in der Schwebe der Improvisation Kraft und Orientierung gaben. Atmosphärisches Sein innerhalb der „eigenen vier Wände“: Atmung, Körper, Umgebung, Licht und Linien. Tage verschwammen ineinander, und das Sonnenlicht, welches durch die Fenster brach, wurde zu einem vitalisierenden Ereignis, das zum Tanz aufforderte.

 

FASTNESS/SLOWNESS

Da Menschsein zu einer abgrenzenden Kategorie werden kann und Mensch in der Pandemie zu vulnerabel und zu kostbar ist, musste sowohl die Idee einer begehbaren Videoinstallation als auch die Idee einer Aufführung verworfen werden. Die sympoietische[1] Atmosphäre in Theaterräumen führt nicht nur zum Energieaustausch, auch das Prekäre der (ästhetischen) Ansteckung wird mit ihr hervorgehoben. Im Zuge mannigfaltiger Übersetzungsprozesse entstand aus dem virtuellen Archiv von In Abeyance eine multimediale Hybridform, die als On Abeyance[2] über das Internet erfahrbar gemacht wurde.

Angeordnet wie ein voneinander getrenntes Triptychon ragen drei Mauern vom Boden bis zur Decke. Drei trennende Projektionsflächen, die schlagartig von intransparenter Schwärze in Transparenz umschlagen, um einen Einblick in fremde Lebensräume zu geben. Die Videosequenzen werden von sieben Tänzer*innen begleitet, die vor diesen überdimensionierten Projektionen klein und nichtig wirken. Sie scheinen verloren zwischen den elektronischen Bildern, die sie umgeben und berühren. Der Wechsel zwischen Bewegung und Ruhe findet auf einem Klangteppich innerhalb dieser Flächen statt. Vereinzelt erklingen Stimmen aus den Lautsprechern, bis hin zur Stille, sodass scheinbar nur noch der Atem eines*einer Tänzer*in hörbar ist. Mit-menschliche Interaktion findet in physischer Distanz statt, und körperlicher Kon-Takt wird pointiert im Zusammenspiel mit inszenierten Artefakten ausgelebt; Sessel, Gymnastikball, Yogamatte oder Blackroll erzeugen Beweglichkeit und tanzende Materialien. Da all dies nur über den virtuellen Raum erfahrbar ist, wird auch der kon-taktlose Tanz zum zweidimensionalen Ereignis, ebenso wie die elektronischen Projektionen. Eine Besonderheit dieser Produktion sind die drei Videokanäle, die als verfügbare Perspektiven auf die Bühne eine virtuelle Interaktion ermöglichen. Was aber beim Betrachten vor allem leiblich affiziert, ist das körperliche Eingebettet-Sein in ein mediales Gefüge vor dem Computer. Mit einem Klick auf die Maus wird ein Kanal bestimmt, wobei jeder einem virtuellen Raum gleicht, der etwas anderes – stellenweise mit zwischengeschnittenen Videosequenzen – sichtbar macht. Erst das Navigieren, Bewegen und Partizipieren innerhalb der Installation schafft intensive Situationen. Installationen sind Programmierungen, die (materielle und virtuelle) Räume einrichten, ganz gleich ob es sich um eine künstlerische oder eine komputative Installation handelt. Durch die virtuelle Raumanordnung dieser Vorführung kann potenziell etwas in einem der anderen Räume verpasst werden; und so werden schlussendlich Vergänglichkeit und Alinearität im Umgang mit Technologie erfahrbar. Lediglich die Tonspur vereint alle Räume sowie das Nebeneinander und Überlappen der Bilder zu einem Fluss und befriedigt die Sehnsucht nach sinnlicher Tiefe. Im Gegensatz zum flachen Bild der Tänzer*innen entfaltet sich die akustische Form auch zu Hause in ihrer „natürlichen“ Dimensionalität. Dafür ist neben den Lautsprechern auch eine funktionierende Internetverbindung entscheidend, die einen hochaufgelösten, reibungslosen ästhetischen Genuss erst möglich macht. Einmal mehr wird klar, inwiefern (digitale) Technologie auch im Kunstkontext ein Gradmesser für Privilegien sein kann. Künstler*innen scheitern nicht an, sondern mit ihrer Technik.

 

CATHEDRAL

Wie kann das Internet als rhizomartige Kunst-Kathedrale eine anthropische Weltgemeinde formen, ohne dabei die Handlungsmacht von Materie und die Wirkkraft von Technologien auszublenden? Obwohl die Tänzer*innen nicht offensichtlich für das Kameraauge tanzen, ist die subversive Macht der technologischen Aufzeichnung auch in diese Inszenierung eingeschrieben. Das Objektiv verweist aus dem Hier und Jetzt an einen fremden Ort. Dort sitzt am Ende die Zuschauer*in ohne Schlussapplaus. Was bleibt, ist ein flackerndes Blau, das in diffuse Schwärze umspringt. Jene Absenz macht die Vorführung zu einer Intervention auf dem Bildschirm, die daran erinnert, dass es da draußen noch ein Drinnen gibt, in dem kollektiv in diffuser Dunkelheit gedacht und unmittelbar gespürt wird. Es gibt sie, die Sphären tanzender Unbestimmtheit.

 

Marcel J. V. Kieslich studiert Philosophie und Theaterwissenschaft. Aktuell promoviert er am Mozarteum in Salzburg und forscht praktisch und theoretisch zur Performativität von digitalen Technologien in den szenischen Künsten.

[1] Vgl. Donna Haraway, Unruhig bleiben Frankfurt am Main 2018, S. 88: Donna Haraway folgend sind Atmosphären einer Aufführung sympoietisch zu verstehen, weil sie sich einer Kontrolle und Vorhersehbarkeit entziehen, und ohne selbst definierte räumliche oder zeitliche Abgrenzung sind.
[2] On Abeyance war vom 16.-19. Jänner 2021 auf der Website des Tanzquartier Wien zu sehen und ist nach wie vor über gervasi.at/on-abeyance/ zugänglich.

 
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