The Crackers Are for the Dogs!

Lewon Heublein über La Caresse du Coma von Anne Lise Le Gac
 
© Olivier Sarrazin
Lewon Heublein über La Caresse du Coma von Anne Lise Le Gac

Wie im „Star Wars“-Intro läuft der Text langsam und verzerrt ins Nichts der Galaxis. Statt Sternenhimmel hier ein Desktophintergrund. „Unendlich leben ist wie grenzenlos oft telefonieren“, steht dort geschrieben.

2002, in dem Jahr, in dem die Sekte der Raelisten für Schlagzeilen sorgte, weil sie sich öffentlich dazu bekannte, das Klonen von Menschen nicht nur anzustreben, sondern auch schon vollzogen zu haben, fühlte sich das Internet noch nach unendlichen galaktischen Weiten an.

Knapp zwanzig Jahre später ist Anne Lise Le Gac im postfaktischen World Wide Web auf der Suche nach Rissen in Form von Memes, Amateurvideos oder absurden 3D-Renderings. Durch ihre Störung des Netzwerks stellen diese „Cracks“ eine andere Form von direkter Realität her, die sie in ihren Stücken neu zusammensetzt, reenactet und postpoetisch zu einem eigenen Netzwerk kurzschließt. Mit Clip-Art, DIY-Ästhetik und einer Mischung aus theatraler Fiction und Lecture-Performance entsteht ein Fadenspiel, das unterschiedliche Phänomene und Begriffe miteinander verknotet.

La Caresse du Coma ist eine offene Serie. In jeder Episode treten neue, aus realen Vorbildern konstruierte Charaktere in Erscheinung. Der Ort ist ein 4-Sterne-Spa in Kroatien mit verschiedenen Bereichen wie Krishna Corner, Swastica Hill oder Land of Kindness.

In der dritten Episode, ft.* ANGE 92Kcal, channelt Anne Lise Le Gac die Gespräche, die bei der University-of-Happiness-Konferenz entstehen.

Auf eine physische Manifestation sind diese Charaktere nicht angewiesen. Die Unterhaltungen der verschiedenen Entitäten finden auch auf der raumhohen Projektion als PowerPoint-Präsentation abwechselnd mit Bildern einer Wasser-Melone, die nur aus durchsichtiger Flüssigkeit besteht, oder einem brennenden Eiswürfel statt. Die Erzählstruktur gleicht einer Internetrecherche. Ständig poppen neue Tabs auf – vollgefüllt mit Buzzwords und bewegten Animationen.

In der Lobby der Wellnessoase angekommen, wird Anne Lise Le Gac ein Pass ausgehändigt. Sie ist nun DOG (23). Die anfängliche Auflehnung – schließlich ist das nicht ihr Name – verfliegt schnell. Es gibt abgesehen von ihr noch weitere DOGS, also Neuankömmlinge, wie z. B. den*die gesprächige*n und in Materialismus geschulte*n DOG (06). Ein Hund zu sein, das ist die erste Stufe der Sekte, die mit dem Raelismus auffallend viele Gemeinsamkeiten hat.

Die Sekte der Raelisten glaubt daran, dass die Menschen auch nur Klone von Außerirdischen sind, und wartet darauf, dass diese eines Tages, wenn sie sich willkommen fühlen, wiederkehren werden. Nichts anderes als unschuldige, bedingungslose Liebe und Hingabe wird von den Neuankömmlingen erwartet. „We are messengers of infinity. And infinity is love. […] We want to save everybody on earth. And we can not doing it by thinking. Only by stopping thinking [sic]“[1] – so endet ein Werbevideo für die RAELIAN HAPPINESS ACADEMY 2017. Eine Liebkosung des Komas.

Das Beginnerseminar, eventuell noch eine Art Schnupperkurs für die neuen DOGS, geleitet von der in einen weißen Bademantel gehüllten ANGE 92Kcal, soll das Fundament für die New-Age-2.0-Religion legen.

Regel Nummer 1: Die endgültige Form ist der Stillstand, der Tod. Nur die Transformation bedeutet Leben und Lebendigkeit. Zur Illustration lässt ANGE 92Kcal eine Flüssigkeit in eine Vase fließen. Wenige Sekunden später sprudelt weißer Schaum aus dem Vasenhals. Evolution als Alchemie. Alle Dinge sind also holistisch im Fluss und verändern die Form, wie das Glutennetzwerk eines riesigen selbstgemachten Kaugummis, das sie nach kurzem Kauen auf ein Bühnenelement klebt.

Regel Nummer 2: Sei kreativ. Die Welt ist ein artifizielles Konglomerat aus Artefakten. Kreativität ist der Akt des Vorwärtsdenkens, eine permanente Improvisation mit den vorhandenen und vorangegangen Materialien.

In der Folge zeigt ANGE 92Kcal den Teilnehmenden wirklich sehr, sehr süße Hundevideos, macht Selfies aus Tonmasse oder bittet DOG (23), einen eigenen Song vorzutragen. Dieser rohe dadaistische Cloudrap setzt sich zusammen aus kaum verständlichem französischem Slang, Werbeslogans, Hip-Hop-Zitaten und persönlichen emotionalen Erfahrungen von Anne Lise Le Gac.

Ein Knistern geht durch die Reihen. Es gibt Cracker und Wasabinüsse für alle anwesenden DOGS. Community Building heißt das im Fachjargon der Coachingindustrie.

Wie man von Schnecken und Elefanten bei soften Verschwörungen landet, weiß niemand mehr, aber es wirkt alles merkwürdig stimmig. Schließlich erscheint ANGE 92Kcal wie eine geklonte New-Age-Kreuzung aus Donna Haraway und dem Sozialanthropologen Tim Ingold, dessen interdisziplinäre Konzepte der unendlichen Transformation Knotenpunkt dieser Episode bilden. Haraways „Manifest für Gefährten“, in dem sich die Biologin und Theoretikerin für ein neues kommunikatives und stärker verschränktes Verhältnis der Intersubjektivitäten Mensch und Hund u. a. durch positive Verhaltenssteuerung ausspricht, schillert immer wieder durch die Reden des alles umarmenden Preptalk, der auf einmal seltsam verboten wirkt, weil er so richtig erscheint.

Verzückt und erleuchtet wird sich Anne Lise Le Gac zu romantischen Soundcloud-Edits mit improvisierten Saxofonmelodien in den nächsten ephemeren Aggregatzustand – den Nebel – tanzen. In der Umarmung des Posthumanen löst sich ihre konkrete physische Gestalt auf. Am Ende werden es Käsecracker sein, die statt Brotkrumen einen Pfad in Richtung Unendlichkeit nach sich ziehen.

Eines scheint gewiss: DOG (23) wird sicher einmal nach Hause telefonieren.

 

Lewon Heublein (geb. 1990) hat Theater-, Film- und Medienwissenschaft mit Fokus auf Schnittstellen von bildender und performativer Kunst an der Universität Wien sowie Kulturmanagement an der Universität für Musik und darstellende Kunst studiert und forscht derzeit zu Strukturen der Produktionshäuser für Tanz und Performance. Textveröffentlichungen im PW Magazine.

 

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