Tormented, but beautiful

Claus Philipp über Celestial Sorrow von Meg Stuart & Jompet Kuswidananto / Damaged Goods
 
Celestial Sorrow © Laura van Severen
Claus Philipp über Celestial Sorrow von Meg Stuart & Jompet Kuswidananto / Damaged Goods

Achtung, Schlagworte: Dunkelheit und Licht, Bewusstes und Unbewusstes […] eine poetische Welt aus Licht und Bewegung“ – eher schlicht wird man im von Spielort zu Spielort und so also auch vom TQW übernommenen Programmtext darauf vorbereitet, was einen bei der ersten Zusammenarbeit Meg Stuarts mit dem indonesischen bildenden Künstler Jompet Kuswidananto erwartet.  

Ein poetischer Trip, emotionsgeladen und voller Assoziationen […]“? Damit könnte man vielleicht auch das Publikum der MQ-Musical-Programme locken. Realiter gestaltet sich Celestial Sorrow dann doch spröder, wenn auch sehr sinnlich: javanische Frauengesänge im Foyer. Drinnen in der Halle Hunderte heruntergedimmte Glühbirnen, die von einer niedrig gehängten Decke Jompet Kuswidanantos Raum auf eine menschengerechte Höhe bringen und zugleich nach oben offen gestalteneine gute Voraussetzung für die rundum Plätze und damit Blickrichtungen wählenden Betrachter*inneneinem Versuch mit offenem Ausgang zu folgen. 

Elektronisch verstärktes Atmen, Flüstern, Murmeln, Klagen, leises Lachen der drei Protagonist*innen (Jule Flierl, Gaëtan Rusquet und Claire Vivianne Sobottke): „You make me feel like […]“, „hear me […]“, „what is real […], „tormented, but beautiful […]. Sie wirken wie nach langer Reise soeben gelandet, auf eine Spielfläche gebeamt, angesichts derer sie sich erst (wieder) orientieren müssen. Kurz werden drei Zuschauer*innen mit geschlossenen Augen über die Spielfläche geführt und recht beliebig anderswo wieder platziert. Meditative (gleichzeitig nervöse) Ruhe geht, geleitet oder begleitet von veränderten Helligkeitsgraden und selbst in Ruhephasen stark rhythmisierter Musik (live: Mieko Suzuki, Ikbai Simamora Lubys), über in kampfbereite Anspannung(en). Gälte für Performances und das Spiel der Körper ein filmisches Kriterium, dann wäre es für diesen Abend das der Überblendung. Richtiger: der Mehrfachbelichtung, in der ein Bild das andere überlagert wie eine fremde, nicht selten freundliche Störung durch Erinnerung. Früher ließ man mit dieser Technik Geister durch die Welt schweben, inszenierte so etwa spiritistische Séancen. 

Am deutlichsten wird diese Choreografie der Gleichzeitigkeit trotz linearer Abfolge in einer Phase völliger Verdunkelung (inklusive Notlichtverzicht) irgendwann gegen Mitte des Abends. Da wird über alte Familienfotos, Vergangenheiten erzählt: eine Hochzeit, zwei Männer, Vater und Großvater, eine Wolke am Himmel eines Wintertags, eine Katze, eine trockenegebirgige Landschaft aus der Vogelperspektive … Die Bilder/Erinnerungen stehen, wenn auch jeweils von einzelnen Stimmen beschworen, auf Dauer nicht für sich, sie fallen ineinander, übereinander in einem größeren, nichtsdestoweniger engen, durch wenige Worte eingegrenzten Rahmen, den wenig später alle Schreie und alles Geflüster in der unendlich modulationsfähigen Stimme Jule Flierls nicht wirklich sprengen. Reichtum in aller BeschränkungEnge trotz zahlloser Möglichkeiten, von denen zumindest die eine oder andere fixiert werden will und nicht im Leeren/Dunkelverhallen soll: Davon erzählt wenig später auch die komischste Szene, in der eine Künstlerin, der für einen Auftritt im TQW nie und nimmer der Nestroy-Preis überreicht werden wird, als heulendes Elend um Liebe bettelt. Real, aber wie ein freundlich-hysterisches Gespenst. 

Ob Geister traurig sind, weil sie nicht mehr zu den Lebenden zählen? Darüber kann man nur spekulieren, so wie darüber, ob sie überhaupt wissen, dass sie tot sind. Mit einiger Sicherheit darf man annehmen, dass sie, wie wir alle, manchmal rachsüchtig, liebesbedürftig und dabei oft auch sehr obsessiv reagieren. Mitunter sogar verzweifelt, wie Künstler*innen, die von Stadt zu Stadt touren oder  auf Java  Eindrücke sammeln und verarbeiten, von denen sie später hoffen, dass sie nicht bloß wie touristische Fundstücke daherkommen. Wie z. B. also Meg Stuart, die diesmal auf der Bühne abwesend, aber, quasi als Obergespenstomnipräsent ist, durch die Akteur*innen redet und tanzt oder ihnen per Regieanweisung Zeitkorsette für improvisierte Einschübe auferlegt. 

„Our bodies are constantly shuttling between objects, sounds, lights, voices and unprocessed events from the pastsagt sie in einem Interview, in dem sie auch eine Lanze für den obsessiven Kampf gegen lauernde Traurigkeit brichtIf you’re sad because of a situation that you know you cannot change, or if you long for something you can’t have, at the precise moment when you dive into that feeling, sadness isn’t constructive. There’s no construction in disappointment. It doesn’t make things better. Of course, for the human soul, sadness creates a connection, it’s a step towards compassion and understanding and sympathy. Sadness is unproductive but essential. And it’s always around the corner. [1] 

Celestial Sorrow, „himmlische Trübsal“, wäre vor diesem Hintergrund als permanente Blickfolge um die Ecke zu lesen, wie ein Reisejournal, ein Tagebuch, eine Sammlung von Notaten, in denen sich lähmende Fakten und rettende Fiktionen mischenBliebe für einen ganz gewiss sehr instruktiven Schwerpunkt im TQW die Frage: Kann man Notizbücher wirklich tanzen? 

 

 

 

Claus Philipp, geboren 1966 in Wels, war bis 2008 Kulturressortleiter des Standard und bis 2017 Geschäftsführer des Stadtkinos Wien. Buchpublikationen u.a. zu Christoph Schlingensief, Alexander Kluge und Ulrich Seidl. Zuletzt koverantwortlich für Konzeption, Dramaturgie und künstlerische Mitarbeit am Film- und Performanceprojekt Die Kinder der Toten im Rahmen des steirischen herbst 2017. 

  

[1] http://www.damagedgoods.be/EN/about/interviews/2018/to-be-as-visible-as 

 

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