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Stefanie Proksch-Weilguni und Stefanie Zingl über Delicate Instruments of Engagement von Alexandra Pirici
 
Delicate Instruments of Engagement von Alexandra Pirici
Alexandra Pirici: Delicate Instruments of Engagement © Dorothea Tuch
Stefanie Proksch-Weilguni und Stefanie Zingl über Delicate Instruments of Engagement von Alexandra Pirici

„You can now search for a word and we provide you with the relevant information that we have.“ Die fünf Performer_innen beantworten die Suchbegriffe des Publikums ganz spontan und nach eigenem Ermessen. Sie erinnern, definieren und zitieren aus ihrem eigenen Wissens- und Erfahrungshorizont. Und weil ihre Erinnerung keinem Algorithmus folgt, dürfen sie auch vergessen. Einsteins Formel E = mc2 zum Beispiel. Wofür steht c noch mal? Alexandra Piricis performative Installation Delicate Instruments of Engagement denkt über das medial vermittelte Gedächtnis nach. Sie fragt nach Autonomie und Automatismus der Erinnerungsproduktion und zeigt, welche Ereignisse und Informationen ins kollektive Gedächtnis Eingang finden. Die Erzählung funktioniert als Aufzählung: Die Performer_innen singen ekstatisch George Michaels „Freedom! ’90“; schneiden grinsende, sich grämende Grimassen der Emoticons; halten einem auserwählten Zuschauer die Ohren zu, um Joseph Beuys’ Installation „Plight“ zu zitieren; oder tragen gleichzeitig die fast identen Reden von Melania Trump und Michelle Obama vor. Hoch- und Populärkultur, Politik und aktuelles Weltgeschehen werden in Sprache und Körpersprache übersetzt vergegenwärtigt. Die performative Aufzählung unterscheidet nicht zwischen Salvador Allendes letzter Rede vor seinem Tod oder dem Internet-Meme eines ratlos dreinblickenden John Travolta. Politische, popkulturelle und gesellschaftlich mehr oder weniger bedeutende Referenzen vermischen sich, ohne sich dabei festzulegen. Bedeutend ist das, was Aufmerksamkeit generiert. Das Publikum wird ermutigt, am Geschehen teilzunehmen: „You can now choose a different beginning!“ Das Eingreifen in den repetitiven Automatismus der Aufzählung bleibt ein scheinbares Engagement, denn die Reihenfolge der verschiedenen Referenzen spielt keine gravierende Rolle. Die emanzipierten Zuschauer_innen dürfen kommen und gehen, wann sie wollen, dürfen mitmachen und entscheiden – wenn sie denn wollen. Die Utopie des herrschaftsfreien Diskurses wurde online wiederbelebt und schwingt in der personalisierten Informationsmaschinerie der Performance mit. Partizipieren statt passiver Mediennutzung. Der Körper funktioniert in Piricis Arbeit als Prozessor und Transformator, durch den nationale Erinnerung, kunstgeschichtlicher Kanon oder koloniale Sammlungsgeschichte neu hervorgebracht werden. 2011 vergegenwärtigt sie in „If you don’t want us, we want you“ die Rolle der Denkmäler als monumentale Manifestationen nationalen Gedenkens. 2013 entwickelt sie das Projekt aus dem öffentlichen Raum gemeinsam mit Manuel Pelmuş für den Kontext der bildenden Kunst weiter. Die in „Public Collection“ verkörperten Kunstwerke drehen an den festgezogenen Schrauben der Kunstgeschichte. Mit Delicate Instruments of Engagement nimmt sich Pirici eine Bandbreite von medialisierten Erinnerungen vor. Der Körper als reflexives Medium für gesellschaftliche Zustände überdenkt auch die Rolle der Performance in der Kunstgeschichte. Körperkunst war ein bedeutender Teil der zivilgesellschaftlichen und feministischen Proteste der 1960er- und 1970er-Jahre. Die aktionistischen und institutionskritischen Arbeiten der Avantgarde berufen sich auf körperliche Präsenz. Institutionell vereinnahmt sind sie nun in Form von historisierenden Dokumentationen im Museum ausgestellt. Pirici verhandelt das Verhältnis zwischen Körper und Institution für die Gegenwart: In ihren performativen Aktionen eignen sich Körper die Räume des öffentlichen Gedenkens, der Kunstgeschichte und der Bedeutungsproduktion an. Die Wiederholung widerstrebt dem Konzept authentischer Präsenz. Piricis Enactments zwischen Geschichte, Gegenwart und Utopie aktivieren und archivieren, erzählen und erinnern.

 

Stefanie Proksch-Weilguni promoviert an den Universitäten Basel und Wien im Fach Kunstgeschichte über Maria Lassnig und die Women/Artist/ Filmmakers. Sie arbeitete zu Körperkunst und Feminismus, so in ihrer Masterarbeit über Alexandra Piricis performative Praxis und für die Ausstellung Carolee Schneemann. Kinetische Malerei im Museum der Moderne Salzburg.

Stefanie Zingl studierte Theater-, Film und Medienwisschenschaft sowie Kunstgeschichte an der Universität Wien und der Universidad de La Habana in Kuba. Sie beschäftigt sich mit ephemerem Film als kinematografischer Form der Erinnerung und ist als Filmarchivarin im Österreichischen Filmmuseum und am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft tätig.

 

 

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