Über die verführerische Verfertigung von verführerischen Bildern

Theresa Luise Gindlstrasser über Private Song von Alexandra Bachzetsis
 
© Mathias Völzke
Theresa Luise Gindlstrasser über Private Song von Alexandra Bachzetsis

Die pulp fiction hängt. Das heißt: Das Rembetiko-Lied „Misirlou“, diese ultimative Tarantino-„Pulp Fiction“-Melodie, wiederholt sich, müht sich, drängt sich – so langsam, umso aufdringlicher – ins Gehör hinein. Und Alexandra Bachzetsis zeigt sich selbst dazu her. Das schwarze bodenlange Latexkleid umfasst hauteng. Latex und Dominatrix – zwei Wörter auf „x“. Zeigt sich selbst dazu her? Zeigt einen Körper in exponierendem Kostüm in exponierenden Positionen. Ein Arsch, eine Verführung – und was ist das für ein Blick? Blick, dieses Wort ohne „x“, konstituiert die herausfordernde Überheblichkeit, die an Dominatri„x“ denken macht. Bis hin zum gedankenlos schwankenden Schenkel der auf dem Bauch liegenden Frau – es ist jede Bewegung einen Tick zu sehr gedacht, zu sehr gemacht, als dass sie bloße Wiederholung und Wiedergabe des tradierten „Frau zeigt sich als sexualisierter Körper“ wäre. Nichtsdestoweniger: eine Verführung.

Diese paradoxe Struktur – ein Bild wiederholt überkommene Bilder und wiederholt sie doch anders, holt etwas anderes aus der Wiederholung heraus und funktioniert wie die überkommenen Bilder und funktioniert doch nicht, funktioniert irgendwie anders – ist kennzeichnend für Private Song. 2017 für die documenta 14 entstanden, kümmert sich die sechzigminütige Performance ums Genre „Rembetiko“. Also! Ich habe Wikipedia gelesen: „[…] ist ein griechischer Musikstil, der aus der Verbindung der Volksmusik Griechenlands und der osmanischen Musiktradition in den sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Städten Athen, Piräus und Thessaloniki bildenden Subkulturen hervorgegangen ist.“ Und dann tauchen Thibault Lac und Sotiris Vasiliou von hinter dem Publikum auf. Die „boys ex nihilo“. Und Lac richtet auf dem Küchenfliesen-PVC-Bühnen-Rechteck ein kleines weißes Handtuch ein. Streicht sorgfältig die Füße vom dazu assoziierten Strandsand frei. Räkelt sich. Hält inne. Nestelt das T-Shirt wieder über den nackt gewordenen Bauch.

Und beginnt zu singen. Ein Lied namens „Verrückter Zigeuner“. Dieses Wort, diese Wortkombination ist nicht weniger überkommen als „die Frau als Objekt“. Und nicht weniger diskriminierend. Darauf geht die Szene aber nicht ein. Beschränkt sich auf eine irritierende Rahmung. Lac wetzt von Pose zu Pose, immer ein bisschen verwackelt, hält wieder inne und schaut ins Publikum, bis er weitere Zeilen singt. Fürs nächste Lied erscheinen die drei als Cowboys. Es wird geschnipst, gegen Stiefel geklatscht und impulsiv die Beine nach oben geworfen. So richtig „griechisch“. Und so gar nicht richtig. Oder griechisch. Ein verschobenes Bild, ein Bild, das nicht „Ach so! Griechischer Volkstanz“ denken lässt, sondern „Aha! Was denke ich, wenn ich ‚griechisch‘ denke?“ fragen macht. Mit der selbstverliebten Nachlässigkeit der letzten Tanzenden in einer Bar um viel zu spät Uhr morgens bewegen sich Bachzetsis, Lac und Vasiliou durch Duos und verwirrend lovetrianglische Trios.

Für ein Medley – mittlerweile ist die Bühne hinten ohne Vorhang und also riesengroß – stellt sich Vasiliou als Popstar aus. Mit einer Hand an der Hosentasche und der anderen die weit ausholenden Gesten der Kitsch-Balladen-Sänger imitierend spielt er „begeisterte Fans“ und „Nur für dich singe ich dieses Lied“. Quasi „pulp fiction“ par excellence. Schund-Dichtung, ungefähr, auf Deutsch. Und das mit der „Fiktion“ ist in Anbetracht von Private Song deshalb so virulent, weil alltagssprachlich „die Fiktion“ als etwas Gemachtes, Geformtes einer ungemachten, unförmigen, irgendwie nackigen „die Realität“ gegenübersteht. Und Private Song gerade die Gemachtheit, Geformtheit – im performanceeigenen Jargon: Rahmung – von Bildern per se ausstellt.

Ob sich über die Juxtaposition von „Fiktion“ und „ficken“ noch mal was über die Performance sagen ließe? Habe ich mich gefragt. Möglich. Diese Art von Bildproduktion, in die Richtung Fiktionalität aller Bildproduktion verweisend und die Bilder trotzdem zeigend, ist schon schwerwiegend verführerisch. Funktioniert eben. Ins private Erleben hinein. Fast am Ende heben Lac und Vasiliou hinter der sitzend singenden Bachzetsis den PVC in die Höhe. So werden Bilder gemacht. So!

 

 

Theresa Luise Gindlstrasser hat Philosophie, Kunstwissenschaft und Szenisches Schreiben studiert. Sie arbeitet als Journalistin, Bloggerin, Autorin.

 

 

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