Der Nährwert des Trashure

Anna Kromer über Grand Mal von Anne Lise Le Gac & Élie Ortis
 
Grand Mal von Anne Lise Le Gac & Élie Ortis
Anne Lise Le Gac & Élie Ortis: Grand Mal © Simon Jourdan
Anna Kromer über Grand Mal von Anne Lise Le Gac & Élie Ortis

Die Dinge wollen buchstäblich ans Licht gebracht, reform(ul)iert werden. Zu Beginn von Grand Mal steht die Akkumulation: Auf eine pulsierende Praxis des digitalen Archivierens folgt unweigerlich eine schier unendliche Sammlung von Trash; das Aufwerten dieser Kostbarkeiten als „trashure“ widerspricht dem vergessenden Wegwerfen und etabliert geradezu einen nährenden Charakter des Materials – Amateurtanzvideos, beiläufig wirkende Fotos und animierte GIFs auf Social Media werden zum Lebensmittel der künstlerischen Arbeit von Anne Lise Le Gac und Élie Ortis. So entsteht aus dem digitalen Archiv des Found Footage eine unendliche Konversation zwischen den beiden Künstler_ innen, die aufgrund ihrer weit auseinanderliegenden Wohnorte in Paris und Marseille notwendigerweise online – getrennt durch eine (virtuelle) Wand – stattfinden muss. Erst die zeitweise körperliche Anwesenheit an einem Ort ermöglicht ihnen, ihre Konversation in einer momenthaften Einrahmung als Performance mit Wohnzimmerästhetik zu reartikulieren. Auf der Bühne entspricht dieses ausschnitthafte Aufeinandertreffen dem Youtube-Frame eines beliebigen Bildschirms, innerhalb dessen sich das Private offenbart.

Es ist ein Eintauchen in die intime Sphäre bereits vergangener Korrespondenzen mit Versatzstücken aus ebenjener „trashure/ toolbox“, die sich bruchstückhaft und je nach Kontext variierend für den Blick der vielen aktualisiert. Mittels Laptop, Powerpoint-Wandprojektion und Mobiltelefon setzt Anne Lise Le Gac die medialen Akzente der Vermittlung zwischen Text und Körper, Erzählung und Repräsentation, historischem Chat-Abriss und unmittelbarer Bewegungswiederholung; während Élie Ortis durch seine bloße Stille physischer Anwesenheit hindurch – stets online – den roten Faden einer vermeintlichen Authentisierung mit Do-it-yourself-Charakter strickt. So erweist sich seine wie zufällig und belanglos wirkende Präsenz im Sichsammeln für den von den beiden Performer_innen entwickelten Grand-Mal-Tanzstil als Energiespender immer weiter wachsender Akkumulation. Er sei der „Web Collector“: Mit der Bezeichnung „Feeder“ charakterisiert Anne Lise Le Gac die Rolle von Élie Ortis in ihrer Geschichte von Companionship und Einsamkeit technisch wie nutriologisch; ein Wechselspiel der mitunter gar nicht real stattfindenden aktiven oder passiven Interaktion.

Indem sich die bild- und texthaften Symbolisierungen ihrer medialen Selbsterzählungen körperlich einschreiben, erscheinen die „Danses Glocales“, wie die Performer_innen die tänzerischen Wagnisse des Amateurhaften in ihren Fundstücken nennen, in ihrem Raum der performativen Reartikulation als collageartige Doppelung. Eine Imitation von wiedergekäuten Bewegungen unbekannter Personen. Durch Überlagerungen von Bewegungstexturen im Akt des Präsenten realisieren sich fortwährend dem digitalen Gedächtnis entnommene und neu zusammengesetzte Entblößungen zwischen Annähern und Distanzieren und bedienen dabei einen voyeuristischen Blick der Zuschauenden.

Ihren Wendepunkt nimmt die auf den französischen Philosophen Michel de Montaigne rekurrierende eklektische Inszenierung, als sich im Angesicht der autobiografisch- postfaktischen Halbnacktheit ein einziges Mal die Blicke der beiden Akteur_innen treffen. Durch das berührende Moment der unmittelbaren Konfrontation zwischen Eigenem und Anderem entfaltet sich ein Exzess popkultureller Eintönigkeit im Zurückgeworfensein auf die Bewegungen unendlicher Reformulierung. Es ist das Fallen in eine Trance der mechanischen Wiederholung; im Takt der alltäglichen Bequemlichkeit medialer Isolation. Bewegungen zeichnen im Hin und Her des Wippens gekrümmter Körper und des schwingenden Posierens im Bemühen um kurzfristige Aufmerksamkeit eine Atmosphäre nach, die zwischen Nacht- und Fightclub changiert. Ein sanftes Shuffle-Bouncen im Rhythmus von DJ Gigi D’Agostinos Song „Ininterrottamente“ lässt den textnahen Versuch, lückenlose Kontingenz in der Selbstdarstellung zu produzieren, im durchdringenden Bass vibrieren, ohne je einer Hektik zu verfallen.

Material für den überraschend donnernden Abschluss bietet schließlich eine analoge Formation aus kantigen Holzpfeilern in kiloschweren Gipssockeln, welche wie eine Wandkonstruktion anmutet. Ähnlich einem Spielfeld, als Szene in Szene, markiert diese den Rahmen für die sportliche Zertrümmerung einer Profiliga und eine Intensivierung der Körperlichkeit abseits medialer Trennung. Jeder Schwung, mit dem einer der Holzpfeiler hammerartig auf den Bühnenboden kracht, lässt seine verhärtete Ummantelung zersplittern und fördert aus ihrem Inneren nahrhafte, selbstproduzierte Energy-Bars zutage. Rezepte inklusive. So deutet die Härte der Physikalität, die ihre Vibration bis in die Körper der Zuschauenden trägt, auf einen staubigen Kontrast der Unmittelbarkeit zum Fragmentiert-Flüchtigen des virtuellen Selbst. Ein Gewaltakt der leiblichen Nähe als Einladung zur Interaktion. Im kraftaufwändigen Experiment von Fitness-Workout und Selbstoptimierung durch hartnäckiges Beackern des performativen (Nähr-)Bodens erforschen Anne Lise Le Gac und Élie Ortis so die Verschiedenartigkeit ihres Miteinanderseins. Gerade durch diesen Rahmen der live realisierten Materialsammlung als „food dance on the shingle“, wie es die Performerin formuliert, sei nicht nur Youtube als Plattform der Leibeigenen erkennbar: Der Raum zwischen Bar und Bühne sei hiermit eröffnet, denn die Wände sind eingerissen. Buchstäbliche Nahrung steht zur freien Entnahme. Die Konversation bleibt unendlich.

 

Anna Kromer ist Medientheoretikerin und Typografin. Sie studierte in Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienphilosophie und Social- Media-Ästhetik. In ihren Texten erforscht Anna Kromer das Verhältnis von Zeit/Raum/Körper sowie Strukturen von Authentizität/ Performativität in der Virtual Reality.

 

 

Alle Beiträge im TQW MAGAZIN

 
Loading