Unheimliche Ideale

Alexandra Bachzetsis im Gespräch
Alexandra Bachezetsis im Gespräch über Chasing a Ghost: Unheimliche Ideale
Foto: Alexandra Bachzetsis, © Peggy June 
Alexandra Bachzetsis im Gespräch

Am 24. April war die österreichische Erstaufführung der TQW Koproduktion Chasing a Ghost von Alexandra Bachzetsis geplant, die in der kommenden Spielzeit nachgeholt wird. Die Journalistin Karin Cerny (profil, Theater heute) war Anfang Januar bei einer Vorstellung in der Dampfzentrale Bern und hat die Künstlerin anschließend interviewt. Ein Gespräch über Begehren und Identitätskonstruktionen, Kampfsport und nicht zuletzt das Motiv des Doppelgängers.

„Die Zuschauer*innen sind dazu eingeladen, den eigenen emotionalen, erotischen, sexuellen, verstörenden und unheimlichen Idealen nachzujagen.“ — Alexandra Bachzetsis

 

KC: In Ihrer jüngsten Arbeit Chasing a Ghost gibt es zahlreiche Duette. Doch während beim klassischen Duett meist ein romantisches, monogames Begehren verhandelt wird, wechseln bei Ihnen die Partner*innen ständig. Warum das?

AB: Es geht um ein lustvolles Ringen mit Referenzen, mit Repräsentationsmodellen und mit sich selbst. Ein zentraler Einfluss war das Theaterstück Reigen von Arthur Schnitzler, der Titel Chasing a Ghost erklärt sich in gewissem Sinne durch die Dramaturgie von Schnitzlers Stück, das eine Paarkonstellation beschreibt, bei der die Protagonist*innen in permanenter emotionaler Eile sind und nach dem unmöglichen Ideal jagen. Für das getanzte Duett bedeutet das auch, auf die nostalgisch geprägten, von Harmoniebedürfnis getragenen Erwartungshaltungen zu verweisen. Ich arbeite nicht mit Körperidealen, sondern mit der Illusion einer idealen Vorstellung vom Körper. Das betrifft auch die utopischen Beziehungen, in die die Körper verwickelt sind.

KC: Zugleich gibt es zahlreiche Doppelgänger, ein dunkles Motiv aus der Romantik.

AB: Die Studie Das Unheimliche von Sigmund Freud hat meine Arbeit inhaltlich strukturiert. Oder der Film Shining von Stanley Kubrick, in dem Zwillinge durch die leeren Räume des Hotels geistern. Die Mädchen wurden zu einem ikonografischen Bild für unheimliche Doppelgänger. Mein Ausgangspunkt war die Überlegung: Wie kommt das Verdrängte in entfremdeter, grotesker Form zurück? Die verschiedenen wechselnden Paarkonstellationen repräsentieren die nicht überwindbare Entfremdung in Liebesbeziehungen. Die routinierten Gesten, die sich ständig wiederholen und dabei zunehmend absurder und fremder wirken. Was ist ein Original? Was eine Kopie? Im Zeitalter der Austauschbarkeit und der Simultanität der unmittelbaren Erfahrungen sind das wichtige Fragen. Was einmal Anlass und Ursache war, hat sich in Auswirkung und Effekthandlungen verwandelt. Somit kann man heute ja kaum mehr nach dem Ursprung fragen.

KC: Einen eigenen Sog entwirft auch der treibende Sound der beiden Klavierspieler, die ihre Instrumente ziemlich abenteuerlich bearbeiten. Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?

AB: Mit den beiden Pianisten Mischa Cheung und Simon Bucher habe ich für meine Arbeit Massacre Variations on a Theme für das MoMA in New York zusammengearbeitet. Die Musik für Chasing a Ghost ist direkt aus der Popkultur abgeleitet und produziert. Wir haben eine Kompilation von elektronischen Tracks zusammengestellt, wie es in einem DJ-Set gemacht wird, und diese von den beiden Pianisten interpretieren und rearrangieren lassen. Dadurch, dass die Pianisten während der Performance anwesend sind und diese repetitive Musik mit großem physischem Aufwand selbst produzieren, ergibt sich ein intensives Konzert, das einem DJ-Act ähnlich ist, in seiner Anordnung auf der Bühne aber ganz anders funktioniert. Es wird auch zur Begleitmusik für die Filmsequenzen und die Duette. Das ganze Musikkonzept beruht auf der Idee, ein analoges DJ-Set auf zwei Flügeln zu spielen.

KC: Spannend ist auch, dass Sie Dinge mischen, die man so nicht erwarten würde, etwa Tanzszenen und Kampfsport.

AB: Die Verschmelzung von Kontrasten, die Gegenüberstellung starker Pole bedingen alle Szenen von Chasing a Ghost. Es geht um das Ausloten von Machtverhältnissen, etwa in einer Softporn-Szene mit hautfarbener Nylonstrumpfhose und lila Rollkragenpullover, mit weißem Tank-Top und schwarzen Briefs. Oder in der halbnackten Kung-Fu-Szene. Auch da geht es um das Motiv des Doppelgängers: aus zwei Körpern einen zu machen, sich im anderen aufzulösen – oder ihn zu bekämpfen. Der Partner oder die Partnerin fungiert als Spiegelbild der eigenen Macht- und Wunschvorstellung von einer gemeinsamen Beziehung. In der Kung-Fu-Szene teilen sich die beiden Performer*innen das Kostüm, einen Trainingsanzug. Der Mann trägt die Hose, die Frau das Oberteil. Zusammen haben sie ein Outfit. In der Softporn-Szene ist die Kameraeinstellung so, dass man auf dem Monitor die Köpfe der Performer*innen nicht sieht – als ob die Personen nicht anwesend wären und nur ihre Körper eine Rolle spielten. Während der Performance ringen sie technisch mit dem Rahmen der Kameraeinstellung und emotional mit der Intensität der sexualisierten Gesten. Die Machtverhältnisse spielen sich hier eher zwischen dem physischen Akt und dessen Repräsentation ab als zwischen Mann und Frau.

KC: Identität als brüchiges Konzept scheint mir ein zentrales Thema Ihrer Arbeiten zu sein.

AB: Ich befasse mich mit der sozialen und politischen Konstruktion der Identität und der Begierde. Es ist alles sowohl inszeniert als auch real. Man kann seinen eigenen Körper nicht ausgrenzen, wenn man auf der Bühne an Inszenierungen arbeitet. Die Kleider, die wir tragen, sind Teile einer Kollektion des Labels Kwaidan Editions aus London. Es sind also keine klassischen Kostüme. Ich versuche, wirkliche Menschen mit wahrhaftigen Körpern zu treffen, mit denen ein Dialog entstehen könnte, anstatt sich nur mit Abbildern im Internet und Repräsentationsmodellen zu beschäftigen. Mit dem Distanzierungselement der Kameraführung und dem Rahmen, der durch den Videoausschnitt entsteht, thematisiere ich die unüberwindbare Diskrepanz der Relation zwischen Original und Kopie, Inszenierung und Realität, Emotionalität und ihrer Wiederholbarkeit. Trotzdem möchte ich, dass auch ein Raum für Emotionen und Fantasien des Publikums entsteht, das das Stück nicht nur in kritischer Distanz erleben soll, sondern auch auf der affektiven Ebene. In Chasing a Ghost sind die Zuschauer*innen eingeladen, den eigenen emotionalen, erotischen, sexuellen, verstörenden und unheimlichen Idealen nachzujagen.

KC: Sie zeigen Begehren und Sexualität sehr explizit. Und selbstbewusste Frauen, die sich nehmen, was sie wollen (was sich auch in Sakkos mit 1980er-Jahre-Schultern niederschlägt). Wie wichtig ist Ihnen, Genderrollen zu thematisieren und zu unterlaufen?

AB: Ich glaube nicht an den Gegensatz männlich/weiblich und versuche, die Grenzen der Binarität auszuloten und ihrer Unzeitgemäßheit zu überführen. Ich arbeite mit der Konvention dieser Begriffe und entfremde sie ihrer herkömmlichen Konnotation innerhalb der Versuchsanordnung von Chasing a Ghost. Ich verhandle das Thema des Duetts zwischen allen Konstellationen der Geschlechter. Der Körper, in seiner ganzen Körperlichkeit, ist mein Material. Ich arbeite abstrakt und assoziativ an der Montage meiner Themen – und nicht narrativ. Ich benutze meinen eigenen Körper und die der anderen als Kommunikationsmittel. Der menschliche Körper ist ein vibrierender Begehungsort für Transformation und Experiment. Mich interessieren seine unheimliche Natur, seine multiplen Passagen durch Genderrollen, Altersunterschiede und sein Ringen um Präsenz.

 
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