Unter uns, wer liebt sich mehr?

Ursula Maria Probst über Mowgli von Sorour Darabi
 
© Sorour Darabi
Ursula Maria Probst über Mowgli von Sorour Darabi

Die Uraufführung von Mowgli, die für den 11. Nov 2020 geplant war, musste aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie verschoben werden. Nichtsdestotrotz war Sorour Darabi und sein*ihr[1] Team für intensive, finale Proben in der Halle G im Tanzquartier Wien zu Gast . Ursula Maria Probst war Zeugin eines abschließenden Showings.

 

Die COVID-19-Krise erinnert uns daran, wie zerbrechlich und prekär das Leben ist. In (Trans)differenzen zu denken, dazu animieren die Performances von Sorour Darabi, die sich mit den Ambivalenzen menschlicher Emotionen, der Beziehung des Körpers zur Welt und der heute besonders stark spürbaren Fragilität von Gewissheiten befassen. Dafür entwickelt Sorour Darabi mit unerschrockener, aufbegehrender Hingabe, die Momente verletzlicher Kraft enthält, neue performative Ausdrucksmittel. In einem ständigen Akt der Subversion entziehen sich die rhythmischen Bewegungen und die geschmeidigen Gesten kunstvoll kulturellen und sexuellen Identifikationen und vorschnell festgelegten Codes. Im Iran, wo Tanzen verboten ist und als Protest gegen das herrschende Regime verfolgt wird, war Sorour Darabi als Mitglied Untergrundbewegung ICCD aktiv, schuf eigene Rituale gegen alltägliche Unterdrückungen und nahm am Untimely Festival in Teheran teil, bevor er im Centre chorégraphique national de Montpellier studierte und dort mit dem Solo Subject to Change bereits Techniken der Transformation und der Koexistenz entwickelte. Sorour Darabis Choreografien eilt der Ruf radikaler Schärfe voraus. Mit seinen*ihren Performances Farci.e und Savušun (eine Ode an den Affekt) zählte er/sie in den vergangenen Jahren zu den Fixstarter*innen bei internationalen Festivals. Diese hungern nach Performer*innen, denen es gelingt, Zwischen-, Schwellen- und Grenzräume bzw. „hybride Räume“ zur Befragung interkultureller, transsexueller Identitäten und Geschlechterpolitiken durch Techniken der Performance, des Tanzes und der Musik auf ein neues, für unsere Migrationsgesellschaft adäquates Level zu bringen. War es in Farci.e die Befragung des interkulturellen Aufeinanderwirkens von Sprache, Geschlechteridentität und Sexualität und in Savušun eine kritische Auseinandersetzung mit kollektiven Trauerritualen der Schiiten, die in festgelegten Gesten der Selbstgeißelung als Passionsspiele vollzogen werden, so wendet sich Sorour Darabi mit Mowgli direkt identitäts- und migrationspolitischen Fragestellungen zu und stellt eine Reappropriation, also Wiederaneignung, des Dschungels als Metapher für alternative hybride Räume zur Debatte.

Wer denkt bei „Mowgli“ (dt. Mogli) nicht sofort an den Jungen aus dem „Dschungelbuch“, jenem Entwicklungsroman, der, angeregt durch Geschichten über Wolfskinder im kolonialen Indien, 1894 in England von Rudyard Kipling geschrieben wurde. Mogli, der als Findelkind bei den Tieren im indischen Dschungel aufwächst, wird zum Spielball von Machtkämpfen. Eine Fährte, die vergessene Kindheitserinnerungen an die Oberfläche schwappen lässt, doch als Subtext zu kurz greift, um Sorour Darabis neueste Kreation Mowgli in ihrer komplexen Intensität zu entdecken. Entgegen der unkritischen Position des „Dschungelbuch“-Originals gegenüber dem Kolonialismus basiert Sorour Darabis Mowgli auf dem gleichnamigen Song des in Frankreich populären Rap-Duos PNL, der Diskriminierung und Rassismus attackiert. Aus eigenen Erfahrungen schöpfend prangert PNL darin die Stigmatisierung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu jungen Wilden an. Die fortdauernden multiplen Kolonialitäten schreiben sich in Körper und Geist, Arbeitswelten, Sexualitäten, Geschlechterrollen und Gewaltszenarien ein.

Entschlossen, gegen Diskriminierung und Unterdrückung Position zu ergreifen und die Vorzeichen umzukehren, geht Sorour Darabi in seiner*ihrer Reappropriation der Dschungelthematik einen Schritt weiter und schafft einen hybriden Raum, indem er das Konzept der Zeitgenoss*innenschaft in Beziehung zu seinem*ihrem Körper in einen performativen, textuellen, musikalischen und tänzerischen Rhythmus spannt. Sorour Darabi verbindet persönliche Erfahrungen und Erinnerungen mit klugen Diskursen um Feminismus, Transgender und Herrschaftsverhältnisse, die er*sie mit der fesselnden, verführerischen Kraft eines Storytellers*einer Storytellerin performt. Er*Sie führt uns in ein komplexes politisches Wissen ein, das nur jene verkörpern, die selbst Migrationsprozesse und Repressalien durch totalitäre Regime erlebt haben. Das Stück vereint verschiedene Einflüsse und Neuadaptierungen von Cloud Rap, Trap, iranischem Popsong, Praktiken des SM, Trance, klassischem, konzeptuellem und zeitgenössischem Tanz.

Mowgli gestaltet sich zu einer emotionalen Reise, die durchdrungen ist von alltäglichen Handlungen, die zu rituellen Handlungen transformiert werden und in ihrer Übersetzung starke ästhetische Akzentuierungen zeigen. Sprache wird währenddessen zu einer Art von Kartografie, einem Akt des politischen Bewusstwerdens durch die Arbeit an Begrifflichkeiten eines sich so formierenden Glossars, das von Feminismus bis zum Einsatz des eigenen Körpers als Waffe reicht. Hegemoniale Sprach- und Sprechverhältnisse und deren Affekte werden sabotiert. Reale Wünsche und fiktive Vorstellungen werden von Sorour Darabi mit originellen Erzählformen und Tanztechniken verbunden. Sein*ihr multipler Körper erweckt gelebte und fiktive Geschichten auf der Bühne erzählerisch und tänzerisch mitreißend zum Leben. Repetitive, aber auch obsessive Bewegungen, teilweise im Zeitlupenmodus, sind charakteristisch für das choreografische Vokabular. Im Spiel der Ambivalenzen werden auch Momente der Trance erzeugt. Ein „Schlaflied“ der legendären iranischen Popsängerin Googoosh, die in ihrer Musik persische Dichtung und verschiedene Musikstile mixt und in ihren Auftritten Projektionen von durch das iranische Regime getöteten Systemkritiker*innen zeigt, wird in einer Gesangsperformance von Sorour Darabi zu einer ergreifenden Szene.

Es ist ein Gespräch, das Sorour Darabi mit dem Publikum aufnimmt. Dabei schwingt die Frage mit: Wie bin ich zu dem geworden, was ich bin, wenn ich immer der*die „andere“ bin? Ein Ethos der selbstkritischen Offenheit dringt durch, ebenso Analysen von Soziotopen, die sich aus queeren Bewegungen bilden. Fragen zu Herrschaft und ihrer Funktionsweise werden aufgeworfen: Was bedeutet es, im Spiel der Machtverhältnisse Mensch oder/und Tier zu sein? Ein Drang wird spürbar, selbst einzugreifen, selbst verstrickt zu sein in Dissonanzen, wo das „Authentische“ eine nicht einzuholende Chimäre bleibt. Mogwli ist ein visuelles Vergnügen, getragen von der Arbeit am hybriden, demokratischen Körper als einem sprachlichen Instrument, um die Natur des Tanzes und der Performance und ihren Platz in der politisierten Welt neu zu formulieren. Gleichzeitig ist es ein dringender Appell, die Geschichte umzukehren, Situationen in ihrer Komplexität zu artikulieren in Szenen, die sich mit der unterschwelligen Gnadenlosigkeit realer Ereignisse auseinandersetzen. Die Übergänge zwischen Performance, Tanz, Textpassagen und Soundeinspielungen sind fließend. Im Kampf um Redefreiheit hat Sorour Darabi eine abstrakt-experimentelle Herangehensweise an die Erzählung entwickelt mit Fokus auf den Körper und die Inszenierungssituation. Die Performance wird so gleichzeitig zu einer Art gemeinsamer Beweisführung eines Schritt-für-Schritt-Prozesses, wobei jeder Schritt auf dem Weg ästhetisch, körperlich und konzeptuell ganzheitlich ist. Wie sehr sind wir in der Lage, mit uns selbst kritisch umzugehen? Sorour Darabi stellt zur Diskussion, dass der Akt, wie ich gesehen, adressiert werde, ein relationaler Prozess ist, der gesellschaftliche Verhältnisse mitartikuliert.

Als Schauplatz dafür wählt er*sie den Dschungel der Nacht. Das minimalistische Bühnenset für den so geschaffenen – performativ gedachten – hybriden Raum besteht aus einer seitlich zu einer Rampe verlaufenden schwarzen Teppichinstallation und gelben Scheinwerfern. Erzeugt wird ein Gefühl von Zeitlosigkeit. Die Dunkelheit des Raums stellt die Möglichkeit anderer geltender Gesetze zur Diskussion und lichtet sich im Verlauf des Stücks zu einer abstrahierten grünen Wildnis: der Dschungel als wildes Terrain, das von den wenigsten von uns je betreten wurde. Sorour Darabi lebt die Bühne, setzt sich durch seinen*ihren Körper in jeder Bewegung in Beziehung zur Welt, zum Publikum, adressiert dieses direkt und konfrontiert es mit einem fiktiven „diverseren“, „offeneren“ Publikum.

Der Argentinier Néstor García Canclini hat mit seinem Buch „Culturas híbridas“ eine internationale Debatte entfacht, die auf die Entfaltung des kreativen Potenzials von Hybridisierung zielt. Eine Vermischung und Kombination im Augenblick des kulturellen Austauschs. Bekannterweise war einer der Ersten, der den Begriff der Hybridität verwendete, der Literaturtheoretiker Homi K. Bhabha, der in seinem Buch „Die Verortung der Kultur“ die Denkfigur des „dritten Raums“ entwickelt hat, der sich auftut, wo Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichem Wissen und unterschiedlichen Gewohnheiten aufeinandertreffen und über Bedeutungen und Differenzen in Austausch treten. Für Bhabha ist Hybridität charakterisiert durch eine Zurückweisung eines nomothetischen und essenzialistischen Diskurses des Politischen. Mit der räumlichen und kulturellen Trennung von Herrschaftskontrolle und Herrschaftsausübung sind wir heute aufgrund der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie verstärkt konfrontiert. Bis dato unreflektierte Differenzen wie auch das politische Moment der individuellen Differenz rückt Sorour Darabi mit dem Stück Mowgli ins Zentrum.

Salopp ausgedrückt geht es in Mowgli auch um Gender-Aktivismus und Geopolitik, um die Analyse, wohin wir gehen wollen und wie sich das Wir dadurch verändert, um die eigenen Betroffenheiten, um die Politik des ständigen Übersetzens und Transformierens, darum, dass wir nicht denselben Dschungel meinen, wenn wir dieselben Begriffe benutzen, und auch darum, welche sprachlichen, körperlichen, intersexuellen Codes, Tanztechniken, diskursiven Methoden und Ästhetiken eine Verschiebung normierter Systeme bewirken.

 

Ursula Maria Probst ist Kulturarbeiterin (Fluc Wien), Kuratorin (u.a. S/HE IS THE ONE; TOUCH THE REALITY, Rethinking Keywords of Political Performance; WELT KOMPAKT), Performerin, Kunstkritikerin, Kunsthistorikerin und Lektorin an der Akademie der Bildenden Künste Wien; Projekte in Kuba, Brasilien, Panama, China, Myanmar, Vietnam und Bulgarien.
[1] Sorour Darabi verwendet die geschlechtsneutralen Pronomen „iel“ auf Französisch und „they“ auf English. Für den deutschsprachigen Text haben wir uns auf „er*sie“ geeinigt.

 

 

 
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