„Was magst du?“, fragt Jen

Iris Raffetseder über I’m Gonna Need Another One von Jen Rosenblit
 
Jen Rosenblit
© Simon Courchel
Iris Raffetseder über I’m Gonna Need Another One von Jen Rosenblit

Ich mag Zitronen, Pflanzen, Bitteres, und ich mag es, mit jemandem Zeit am Morgen zu verbringen. Ich mag die Zeit, die verfliegt, wenn man sie vergisst. Ich mag es, die Eckpunkte von Menschen und Situationen zu kennen, von denen man mir erzählt. Ich mag Radfahren, auch wenn ich es oft vergesse. Und ich mag es, wenn mich Dinge so überraschen, dass mein Denk- und Erfahrungshorizont kurzzeitig erschüttert ist. Seit I’m Gonna Need Another One denke ich darüber nach, warum mir schneller in den Sinn kommt, was ich nicht mag, als die Dinge, die ich mag.

Im Stück ist Jen Rosenblit von Anfang an auf der Bühne, inmitten irgendwie undefinierbarer Materialien, darunter ungefähr ziegelsteingroße, leichte grüne Blöcke, die sie sortiert, anordnet und organisiert. Ich erinnere mich, wie ich in meiner Kindheit mit meiner Mutter in solchen Steckschwämmen Blumen anordnete und wie wir ein halbes Jahr später gemeinsam beschlossen, die dekorative, verstaubte Leblosigkeit zu entsorgen. Ich mag Jens Hände, die diese unklaren Blöcke kneten und zerpflücken und dass die Bewegung ihrer Finger, wenn sie sich vom grünen Staub befreien, genauso „zirpt“ wie der Sound. Eine ferne urbane Geräuschlandschaft, die, wie ich später sehe, Gérald Kurdian live, eigenständig und doch entlang des Geschehens auf der Bühne entspinnt.

Ich mag, dass mich ein Vorhang im Theater immer noch überraschen kann. Als Jen dann spricht, sind die Worte glasklar, der Blick geradeaus, nur die Bilder überwerfen sich. Und während sie mich mit dem „Du“ in ihrem Text ständig anspricht, wechsle ich die Personen im Rhythmus der Sätze: von der zwanghaften Möbelarrangeurin zu Kentaur, zur Souschefin oder zum feigen Löwen des Zauberers von Oz. „Sich darauf einzustellen, dass das Verlorensein ein gültiger Standort ist.“[1] Genauso wie das Material bröckelt, zerfließen die Identitäten, die Anordnungen, mit denen wir uns definieren. Ich erkenne eine Freiheit im Spiel des Gedankenflusses, die Masse an einzelnen Zuschreibungen ermöglicht mir, dass mein „Ich“ sich nicht festlegen muss. Ich darf den vielen Teilen meines Selbst widersprüchlich sein.

„Was magst du?“, fragt Jen ausgewählte Menschen im Publikum. Schön ist es, über ein Mögen nachzudenken, das frei ist von Gegensätzen. Frei von automatischen Implikationen und Maßstäben wie „sehr“ oder „ein bisschen“. Als Jen beginnt mit ihrem Körper für die einzelnen Buchstaben des Alphabets Positionen zu finden, mag ich die Pause nach dem G. Ich mag, wie Jen beim Buchstaben L auf den Querstrich verzichtet. Ich mag das eine Bein als Unterschied zwischen M und N. Den weggestreckten Fuß beim Q. Ich mag, wie sie die Knie zum V nach innen dreht und – beim O, aber auch später noch mehrmals – das Abstützen ihrer Hand auf dem Gesäß, das für einen Moment weiße Fingerabdrücke auf der Haut hinterlässt. Jen spricht von Organisieren. Nicht von Komponieren, zum Beispiel. Und ich finde, das ist konkret und praktisch. Genauso konkret wie einen Stangensellerie schneiden oder einen Strohbesen zerlegen.

Elegant und natürlich wechselt Jen zwischen Performerin, Blick- und Gesprächspartnerin. Elegant und kräftig die Bewegung von Géralds Fäusten, wenn er tanzt. Langsam. Und dazu das Geräusch des Selleries, der in Jens Mund knackt. Die beiden scheinen für einen kurzen, traumhaften Moment einfach ihre Zuständigkeiten ausgetauscht zu haben, Tanz und Sound. Als möchten sie uns zurufen: So einfach können sich Ordnungen ändern!

Wir entwickeln uns vom Strohbesen zum Weizenfeld. Ein grüner Block ist inzwischen als Stellvertreter für den von Jen vorgeschlagenen kollektiven Traum, in einem Weizenfeld zu stehen, mit dem abgeschnittenen Stroh des Besens dekoriert worden. Ich weiß nicht mehr, ob sich die Dinge vom Ganzen zu den Teilen oder von den Teilen zum Ganzen bewegen. Und ich frage mich, ob es wichtig ist. Eine andere Art Antwort darauf gibt Jen: „Teile von Dingen, die von anderen Dingen getrennt werden, befinden sich genau genommen in dem schmerzvollen Prozess, selbst ganze Dinge zu werden.“ Doch für wie lange?

Es sind laut Jen die Schmerzen, die daran erinnern, dass alles zerbrechen kann. Vielleicht unmissverständlich auch zerbrechen muss. Das Vollständige existiert doch, wenn überhaupt, nur vorübergehend. Es ist eine Frage der Zeit, bevor erneut die eine oder andere Lücke aufklafft. Ist das „klassische“ Streben nach dem Ganzen dennoch Notwendigkeit? Und streben wir nicht eigentlich deshalb, weil uns die fehlenden Teile mehr faszinieren als das Ganze?

Ein Schlachtfeld. Am Ende ist alles wunderbar zerstört, nur das Weizenfeld, der Traum, bleibt in den Händen der Zuseher*innen intakt. Auf der Bühne liegen all die Einzelteile bereit für etwas Neues. Die von Jen ein allerletztes Mal mit dem Kettenumhang geordneten ehemaligen Schaumstoffteile – inklusiver jener, die durchrutschen, die liegen bleiben – ergeben eine schöne verlassene und spekulative Landschaft neben der gemeinsamen Erinnerung des sich wiegenden Weizenfeldes und der eigenen kleinen, akuten Empfindung, freier zu sein.

 

Iris Raffetseder ist Dramaturgin bei den Wiener Festwochen.

 

[1] Jen Rosenblit in I’m gonna need another one

 

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