Was wir brauchen und wer es uns gibt

Anna Katharina Laggner über The Quiet von Jefta van Dinther
 
The Quiet © Ben Mergelsberg
Anna Katharina Laggner über The Quiet von Jefta van Dinther

Das Schreiben und der Tanz sind Verwandte. Zwar kann zweiterer ganz ohne Worte auskommen, aber beide brauchen den Körper, ein Medium, das atmet und lebt, das fühlt und vermittelt und das, um beim Gegenüber Schwingungen zu erzeugen, den Geist eines Gegenübers zu stimulieren, das Gegenüber emotional zu berühren (was eine genauso abgedroschene wie gültige Erwartung an die Kunst ist), eine präzise Kraft haben sollte.1

Das Präzise ist banal (während das Komplizierte nur kompliziert ist), banal nicht im Sinne von inhaltsleer oder einfallslos, sondern als Aneinanderreihung des Gewöhnlichen, dessen also, was das Leben ausmacht. Niemand bewegt die Welt, das tut sie schon selbst. Wir bewegen uns in dem uns spezifischen Raum, in der uns einzigartigen Sprache, in dem uns einzigartigen Körper.

Die Schriftstellerin Linn Ullmann erzählt in ihrem Roman „Die Unruhigen“2 vom langsamen Verschwinden ihres Vaters, des weltberühmten Regisseurs Ingmar Bergman, der, wie man erfährt, nichts so sehr schätzte wie die Struktur. Sein Alltag war strikt eingeteilt in Stunden des Schreibens, Stunden des Gehens, Stunden des Essens, Stunden der Filme, die er für sich, seine Kinder und etwaige Gäste im Privatkino in seinem Domizil auf der schwedischen Insel Fårö zeigte. Bergman war zwar fünfmal verheiratet und hatte neun Kinder, führte aber dennoch ein Leben, in dem er (so vermittelt es zumindest der Roman) keine Kompromisse einging, sondern immer für sich selbst bestimmte, was – jetzt, da ich darüber nachdenke – ein Grund dafür gewesen sein mag, dass er fünfmal verheiratet war und neun Kinder hatte. Aber das nur nebenbei.

Gegen Ende seines Lebens wurde er dement, verlor seine Sprache, nicht aber seine Struktur. Seine Tochter Linn, die Schriftstellerin, möchte festhalten, was noch da ist, und versucht, in der Bergman’schen Struktur auf Fårö Möglichkeiten zu finden, dem Vater Fragen zu stellen und die Gespräche aufzuzeichnen. All das geht in ihren Augen heillos schief und verunsichert sie enorm, sodass sie sich jahrelang diese Aufnahmen nicht einmal anhören wird. Sie verdrängt die Kassetten, bis sie beginnt, hineinzutapsen in diese Gespräche, von denen sie sich Großes erwartet, aber das bekommt, was das basale Leben ausmacht, nämlich die kleinen, unscheinbaren Verrichtungen und Notwendigkeiten. An einer Stelle spricht der Vater, der große Ingmar Bergman, vom „Ding mit Mauern“ und meint damit den Raum. Das hat Jefta van Dinther zu The Quiet inspiriert. Was man, wenn man es nicht weiß, nicht bemerkt und auch nicht wissen muss. Jefta van Dinther nimmt den Ball auf, den Ingmar Bergman via Linn Ullmann angerollt hat, das „Ding mit Mauern“ hat van Dinther in Schwingung versetzt, er lässt es durch sich durch und macht einen neuen Vorschlag. Kunst ist im Verständnis eines Mediums, das atmet, immer ein Vorschlag (und keine Position).

Auf einer Bühne fünf matte Gestalten (Dinger mit Haut), kaum Licht, ein Metallgestänge, das den Raum und variable Quadrate, die den Boden strukturieren. Die beige gekleideten Frauen tragen Kittel, kurze Hosen und Daunengilets, ein Kleidungsstück, das, wie wenige andere, den Körper schützt, stärkt und strukturiert. Sie hätten die Möglichkeit, Ritterinnen zu sein, aber sie werden sich als Gruppe nie finden und als Individuen Suchende bleiben. Still, einsam und allein, schauen sie verstohlen, beobachten, wie’s die andere macht. Selbst in den wenigen Momenten des Voranschreitens müssen sie immer Rück- und Nebenschau halten. Auch wenn sie etwas gemeinsam tun, gibt es immer eine Außenseiterin (auch eine solche Figur kann eine Gruppe definieren). Was sie suchen? Wahrscheinlich das Licht, das Übernatürliche, die Heilung. Was sie finden? Unter dem Bodenpuzzle einen glitzernden Untergrund, der sie hoffen lässt, dass das Leben doch nicht nur eine banale Variation des Immergleichen ist und dann vorbei.

Bewegungen, Worte, Geräusche und Licht kommunizieren miteinander, reagieren aufeinander, man kann die Dunkelheit begrüßen (my old friend), man kann in der Stille die Einsamkeit sehen, aber auch die Geister der körperlosen Seelen, die weiterschwingen.3 Sie haben uns Lebenden etwas zu vermitteln: Hinweise, von Generation zu Generation. Wir können entscheiden, können die Grenzen der Normalität überschreiten, in den Wahnsinn, in die Raserei, aber eines können wir nicht: ohne Struktur leben.

Ohne Struktur gehen wir uns selbst verloren, die Struktur ist der Herzschlag des Alltags. Jedes Signal hat eine Wirkung. Wenn es säuselt, dann weht der Wind, wenn es wummert, ist’s ein Orkan, wenn wir Möwen hören, denken wir ans Meer, und wenn Besteck runterfällt, dann wissen wir, jetzt ist was passiert. So einfach ist alles, aber hätten wir es nicht gelernt, hätte niemand es uns beigebracht, wir wären verloren.

Wir müssen gehen und gehen und gehen, dazwischen uns setzen, wir müssen (aus irgendeinem lächerlich wirkenden Grund) unseren Raum mit Fäusten verteidigen und, wenn’s eng wird im schützenden Zelt, Allianzen eingehen.

Aber wo verbirgt sich die Liebe, die das Leben erfüllt? Und warum beruhigt uns Regen, der auf Fensterscheiben tropft?

 

 

Anna Katharina Laggner ist Radiomacherin, Autorin, Moderatorin, Künstlerin, schreibt für FM4 regelmäßig über Film, ist Redakteurin bei Ö1/Diagonal, war mit Hörstücken und Installationen beim steirischen herbst, beim Festival der Regionen, in der NGBK Berlin oder beim Parcours d’art contemporain im Vallée du Lot vertreten. Sie lebt mit drei Kindern und dem Filmemacher Siegfried A. Fruhauf in Wien.

 

 

Vgl. dazu den Essay „Tanzstunden für Schreibende“ von Zadie Smith, erschienen in Freiheiten, Köln 2019.
Linn Ullmann, Die Unruhigen, München 2018.
3 Beim Nachdenken über The Quiet ist mir das Liebes-Lied von Rainer Maria Rilke wieder eingefallen, das mit dem schönen Satz „Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?“ beginnt und ebenso schön weitergeht und endet.

 

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